Frankreichs Fans vorm Halbfinale "Island ist nicht Deutschland"

Frankreichs Fans haben das 5:2 über Island begeistert gefeiert. Doch sie fürchten, dass im Halbfinale Schluss ist. Der Respekt vor Weltmeister Deutschland ist enorm.

Jeannette Corbeau

Aus Paris berichten (Text) und Jeannette Corbeau (Fotos)


Die beiden jungen Männer, Mitte 20 vielleicht, das Gesicht mit den Farben ihres Landes bemalt, schauen streng und demonstrativ pathetisch. Sie spannen den Körper an, heben den Blick leicht nach oben und singen die Marseillaise, die französische Nationalhymne. Sie hatten sie schon vor dem EM-Viertelfinale in der Fanzone am Eiffelturm gesungen. Jetzt singen sie das Lied in der Linie 8 der Pariser Métro eine knappe Stunde nach Schlusspfiff noch einmal.

Die Menschen im vollbesetzten Waggon stimmen ein, schlagen mit den Händen gegen die Fenster und die Deckenverkleidung. Die Bahn rumpelt und wackelt, und als sie fertig sind mit der Hymne, johlen und applaudieren sie wie im Stadion. Die Körper der beiden jungen Männern entspannen sich wieder. Dann stimmen sie den nächsten Gesang an. Und den nächsten.

Die Fans der französischen Nationalmannschaft feierten das 5:2 gegen Island überschwänglich. Wer in den vergangenen Wochen von einer fehlenden EM-Stimmung gesprochen hatte, war noch nie auf der Fanzone am Eiffelturm und ist danach mit der Métro gefahren.

Schon lange vorm Spiel waren die Leute leicht in Ekstase zu versetzen. Es genügten Musik von DJ Ötzi und ein sehr laut brüllender Moderator auf der Bühne. Der Jubel bei den Toren war so laut, als seien die Franzosen schon Europameister. Bereits zur Pause lagen sich die Leute entrückt in den Armen, das Spiel war ja längst entschieden.

Viele machten sich ab der 70. Minute auf den Heimweg, um dem strömenden Regen zu entkommen. Nach dem Schlusspfiff sangen und hüpften viele Fans und schwenkten ihre Fahnen. Wo immer eine Fernsehkamera in der Nähe war, sangen sie besonders laut und hüpften besonders hoch. Im Hintergrund blinkte der Eiffelturm.

Der klare Sieg gegen Island war aus französischer Sicht der vorläufige Höhepunkt des Turniers. Aber viele Fans fürchten, dass es der Höhepunkt bleiben wird. Sie fürchten, dass die EM mit dem Halbfinale gegen Deutschland am Donnerstag (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) für sie vorbei ist. Wenn man sie nach den Aussichten für das Duell mit dem Weltmeister befragt, klingen sie erstaunlich zurückhaltend.

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Islands Fans in Paris: That's family

Guillaume Hameeuw, 32 Jahre alt, steht ein bisschen abseits des Trubels und schwärmt von der Klasse Mesut Özils und Julian Draxlers. "Island war schwach, das kann man überhaupt nicht mit dem Spiel gegen Deutschland vergleichen. Deutschland ist Favorit", sagt er und tippt auf ein 1:0 für das DFB-Team. Er ist nicht allein mit seiner Angst, dass die Deutschen dieses eine Tor mehr schießen könnten, diese Nuance besser sind.

Pierre-Yves Glaziou, 24, trägt einen blauen Stoffhahn auf dem Kopf und das französische Nationaltrikot aus dem Jahr 2000, als die Franzosen Europameister wurden. "Damals waren wir richtig gut eingespielt. Und wir hatten Zidane." Heute haben die Franzosen Griezmann, Payet und Pogba. Ebenfalls Ausnahmekönner, natürlich. Doch Glaziou hat seine Zweifel, ob die Drei in der Lage sind, das Spiel gegen Deutschland an sich zu reißen. Er sieht den Weltmeister im Vorteil. "Deutschland ist eine richtige Mannschaft", sagt er. Das habe das dramatische Spiel gegen Italien wieder einmal gezeigt.

Hoffnung macht den Fans der Franzosen, dass sich ihr Team mit jedem Auftritt bei dieser EM gesteigert hat, dass es den Heimvorteil mittlerweile voll ausspielt. "Bei einem Turnier im eigenen Land hast du immer Druck. Das hat man am Anfang gemerkt. Aber mit jedem Sieg ist unser Selbstbewusstsein gestiegen", sagen Pierre-August, Jean und ihr Freund Charles. Man möge das bitte genau so schreiben: Die französische Mannschaft sei sehr selbstbewusst, aber sie wüssten, dass das keine Garantie fürs Weiterkommen ist. "Wenn wir den Weltmeister schlagen, sind wir die beste Mannschaft der Welt. Aber das wird sehr schwer", sagen sie.

Die französischen Fans am Eiffelturm sind sich einig, dass das Duell mit den Deutschen eigentlich zu früh kommt, dass es ein vorweggenommenes Finale ist. Sie sind sich sicher, dass der Sieger dieser Partie das Endspiel gegen Wales oder Portugal locker gewinnt. Aber ob der Sieger auch Frankreich heißt - da sind sie skeptisch.



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Seite 1
dieter 4711 04.07.2016
1. Hoffentlich ist der Respekt begündet?
Hoffentlich ist dieser Respekt begründet, Deutschland muss auf Gomez, Khedira und Schweinsteiger verzichten.
bienchen-maja 04.07.2016
2.
Zitat von dieter 4711Hoffentlich ist dieser Respekt begründet, Deutschland muss auf Gomez, Khedira und Schweinsteiger verzichten.
Gomez, Khedira und Hummels, Schweinsteiger könnte noch fit werden ... . Ansonsten sehe ich für Frankreich keine Chance, die werden klar verlieren. 3:1 oder mehr ....
ge1234 04.07.2016
3. Nun ja..
...sowohl Schweinsteiger als auch Khedira in seiner bisherigen Form sind eher zu ersetzen als Hummels und Gomez, wobei ich auch vollstes Vertrauen in Höwedes als Hummelsersatz habe. Es ist das Fehlen von Gomez als einzigem echten Stürmer, das schmerzt. Wer hätte das vor wenigen Wochen noch gedacht, als auch hier im Forum über Löw's "Pro Gomez-Entscheidung" noch lauthals geschimpft oder gelacht wurde.
Nekton99 04.07.2016
4. Viel Spass uns allen.
Die Franzosen haben Island so geschlagen, wie wir die Slowakei, wobei die Isländer einfach netter mitgespielt haben, als die Slowakei. Einen echten Test, so wie Deutschland gegen Italien, hat Frankreich in diesem Turnier noch nicht hinter sich. Vielleicht profitieren sie ja dem Verletzungspech bei uns aber sie werden sich trotzdem 3x so sehr anstrengen müssen, wie gegen Island, wenn sie uns besiegen wollen. Viel Spass uns allen.
sehrsüdlich 04.07.2016
5. Chance
Ich sehe es als Chance für bislang nicht eingesetzte Spieler. Wären die bisherigen Spiele nicht alle so knapp gewesen, hätte man durchaus denen Spielpraxis geben können. Nun ist es ein Wagnis, dennoch wohl unumgänglich . Aber machbar.
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