Eintracht Frankfurts Europa-League-Aus Zusammen gewachsen

Wieder Herzblut-Fußball, wieder euphorisierte Fans - aber diesmal kein Happy End. Eintracht Frankfurt wird auch nach der Niederlage gegen Chelsea gefeiert, könnte jedoch am Ende der Saison mit leeren Händen dastehen.

Die Mannschaft von Eintracht Frankfurt feiert mit ihren Fans
ANDY RAIN/EPA-EFE/REX

Die Mannschaft von Eintracht Frankfurt feiert mit ihren Fans

Von , London


Ganz am Ende, als die Fans des Europa-League-Finalisten FC Chelsea längst in der U-Bahn saßen, Kameraleute ihre Lichter gelöscht hatten und Londons Pubs sich anschickten, die letzte Runde auszurufen, standen im Stadion an der Stamford Bridge noch immer rund 4000 Eintracht-Fans und sangen. Offiziell waren 2300 Frankfurter anwesend, aber als die Chelsea-Anhänger das Stadion verlassen hatten, wurde deutlich, wie viele Frankfurter sich auf anderen Wegen Karten besorgt hatten. Mit trotzigem Frohsinn trällerten sie sich den Frust aus den Kehlen, als ließe sich diese bittere Niederlage im Elfmeterschießen einfach mit der Eintracht-Hymne wegreimen.

"Man kennt sie nicht nur am Mainestrand - nein, auf der ganzen Welt", sangen die Mitgereisten, und das war nicht mal besonders übertrieben. Mag ihre Mannschaft dieses denkwürdige Halbfinale auch verloren haben: Die Frankfurt-Fans hatten die Europa League im Prinzip schon vorher gewonnen.

Fotostrecke

12  Bilder
Chelseas Sieg nach Elfmeterschießen: Hazard trifft Frankfurt ins Herz

Die Wenigsten hatten damit gerechnet, dass auch dieses Spiel wieder zu einer epischen Schlacht werden würde, zu dominant war das mit Oligarchen-Millionen zusammengekaufte Starensemble aus dem Londoner Südwesten eine Woche zuvor beim 1:1 in Frankfurt aufgetreten. Und auch im Rückspiel demonstrierten die Chelsea-Spieler zunächst, dass sie jederzeit gedanklich und körperlich schneller agieren können als die No-Name-Kicker vom Main.

Die aber taten mit dem Anpfiff der zweiten Halbzeit einfach, was sie seit Beginn dieser Europa-League-Saison immer getan hatten: Durch Ignorieren grundlegender physikalischer Gesetze und durch stures Beharrungsvermögen pflügten sie sich zurück in dieses Spiel, schossen wieder einmal durch Luka Jovic den Ausgleich und drängten die immer nervöser werdenden Londoner ganz dicht an den Rand einer Niederlage.

Rom oder London - Hauptsache Heimspiel

Am Ende hatte dieses faire Fußballspiel eher etwas von einem Boxerdrama à la Rocky Balboa gegen Ivan Drago. Der große Favorit hing in den Seilen - in diesem Fall aber gab es kein glückliches Ende für den Underdog. Stattdessen ermitteln Chelsea und Arsenal nun am 29. Mai den Londoner Stadtmeister in Aserbaidschan.

Für Frankfurt aber, die Stadt und den Klub, bedeutet diese Europa-League-Saison - die erste seit 39 Jahren, in der die Eintracht wieder ein Halbfinale erreichte - einen fast schon märchenhaften Wandlungsprozess. Dabei war weniger ausschlaggebend, dass die einstige Fahrstuhlmannschaft Teams wie Olympique Marseille, Schachtjor Donezk, Inter Mailand und Benfica Lissabon aus dem Wettbewerb kickte - sondern wie sie das tat.

In einem von pfauenhaften Egoshootern dominierten Sport zeigte sich die Eintracht-Elf als aufopferungsvoll rackerndes internationales Kollektiv, das bewies: Glaube kann Tore schießen. Angetrieben wurde es dabei stets von zu maximalem Vergnügen entschlossenen Fans, die praktisch jeden Auslandsaufenthalt ihres Teams zu einer vieltausendstimmigen Klassenfahrt nutzten. Rom oder London - egal, Hauptsache Heimspiel.

Die Mannschaft und die Fans sind nicht nur "unglaublich zusammengewachsen", wie der Frankfurter Trainer Adi Hütter gleich nach dem Spiel sagte. Sie sind auch zusammen gewachsen. Und nach langen Jahren tristen Mittelmaßes zumindest gefühlt wieder in der europäischen Fußballelite angekommen.

Eintracht-Trainer Adi Hütter (l.) applaudiert seinen Spielern
Arne Dedert / dpa

Eintracht-Trainer Adi Hütter (l.) applaudiert seinen Spielern

Geht Frankfurt in der entscheidenden Saisonphase die Puste aus?

Etliche Male betonte Hütter, der souveräne Architekt dieses Erfolges, wie stolz er auf die gesamte Saison und diesen Londoner Kraftakt sei - "wir haben den Topfavoriten Chelsea fast blamiert". Aber eben nur fast. Und deshalb warnte der Österreicher, als es bereits auf Mitternacht zuging und die Fans draußen noch immer schunkelten: "Wir haben noch nichts in der Hand."

Tatsächlich stehen die so unglücklich ausgeschiedenen Frankfurter in der Bundesliga zwei Spieltage vor Saisonende zwar auf dem vierten Platz, der zur Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation berechtigen würde. Zuletzt aber konnte die Eintracht in der Liga nicht mal mehr ansatzweise ihren europäischen Herzblut-Fußball zelebrieren. Es scheint, als ginge dem Ensemble, in dem fast immer dieselben 14, 15 Spieler zum Einsatz kommen, zur Unzeit schlicht die Puste aus.

Zwei Spiele stehen noch an, ein Heimspiel gegen Mainz am kommenden Wochenende und zum Saisonfinale ein Auswärtsspiel bei Bayern München. Eines davon müssen sie wohl mindestens gewinnen, um gemeinsam mit ihren Fans in der kommenden Saison wieder Europas Stadien beschallen zu dürfen. Woher die völlig ermatteten Eintracht-Profis allerdings noch die Kraft nehmen sollen, um das zu schaffen, bleibt bis auf Weiteres das Geheimnis von Großmotivator Hütter.

Es ist im Grunde eine unmögliche Aufgabe. Andererseits hat diese Europa-League-Saison gezeigt, dass "unmöglich" bei Eintracht Frankfurt nicht zum aktiven Wortschatz gehört.

FC Chelsea - Eintracht Frankfurt 5:4 nach Elfmeterschießen
1:0 Loftus-Cheek (28.)
1:1 Jovic (49.)
Elfmeterschießen:
1:2 Haller, 2:2 Barkley
2:3 Jovic, Trapp hält gegen Azpilicueta
2:4 de Guzmán, 3:4 Jorginho
Kepa hält gegen Hinteregger, 4:4 David Luiz
Kepa hält gegen Paciência, 5:4 Hazard
Chelsea: Kepa - Azpilicueta, Christensen (74. Zappacosta), David Luiz, Emerson - Jorginho - Loftus-Cheek (86. Barkley), Kovacic - Willian (63. Pedro), Giroud (96. Higuaín), Hazard
Frankfurt: Trapp - Abraham, Hinteregger, Falette - Costa, Rode (70. de Guzmán), Hasebe, Kostic - Gacinovic (119. Paciência) - Jovic, Rebic (90.+3 Haller)
Schiedsrichter: Hategan (Rumänien)
Gelbe Karten: Kovacic, Azpilicueta / Falette, Rode, de Guzmán
Zuschauer: 40.853

insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rockboy 10.05.2019
1. Schade!
Die Eintracht hätte es wirklich verdient gehabt! Jedoch habe ich selten vor einem Elfer die Angst des Spielers vor dem Schuss so deutlich gesehen wie be letzten Schützen der Frankfurter. Man sah förmlich, dass er nicht treffen wird. Das Ganze übrigens ohne Ton. Die Beiden RTL - Kommentatoren sind mit ihrer Stammtischgleichen Parteilichkeit einfach unerträglich! Kein Wunder dass die Abozahlen für DAZN oder Sky ständig wachsen, wenn man sich solche Hysteriker ersparen kann.
kopi4 10.05.2019
2. Totale Dominanz
Gratulation an die Eintracht, toller Auftritt. Ebenso beeindruckend die totale Dominanz der Premier League in europäischen Wettbewerben.In beiden Wettbewerben rein englische Endspiele.
annatheke 10.05.2019
3. Ich bin kein Eintrachtfan
und der kommerzielle Topfußball lässt mich immer mehr kalt! Aber was dieses Team da gemacht hat, ist fantastisch. Das ist der Kern des Spiels! Das ist für mich die Sensation im internationalen Fußball - und nicht diese Oligarchenspielzeuge oder Betriebsmannschaften arabischer oder amerikanischer Investoren. Danke, Frankfurt, ihr habt mir wieder etwas mehr Freude am Fußball zurückgebracht!
MioMioMimi 10.05.2019
4.
Ich interessiere mich kaum für Fußball, aber die Frankfurter haben diese Jahr in der Europa-League richtig Spaß gemacht und die alt eingesessenen ordentlich aufgemischt.
espressotime 10.05.2019
5.
Wenn wir ganz genau hinschauen, dann hat Chelsea ganz schön Druck gehabt. Die beiden bösen Fouls, 4 Handspiele und das ach so clever gedachte Tor von einem der unsympathischsten Spieler auf dem Feld. Ich glaube, die rote Karte war schon längst fällig, aber der Rumäne wollte doch noch etwas Geld mitnehmen von Abrahmowitch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.