Frankfurts 2:4-Niederlage in Lissabon Der verflixte Félix

Sechs Tore, ein Platzverweis - und ein verirrter Adler: Das Duell zwischen Eintracht Frankfurt und Benfica Lissabon hatte einiges zu bieten. Letztlich scheiterten die Hessen an einem hochveranlagten Teenager.

João Félix
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João Félix

Aus Lissabon berichtet Philipp Awounou


Es ist ein spektakuläres Ritual, das man bei Benfica Lissabon pflegt: Vor jedem Heimspiel lässt der portugiesische Traditionsverein sein Maskottchen fliegen, "Águia Vitória", einen Weißkopfadler. Das stattliche Tier hebt ab, dreht einige Runden, dann landet es auf einem Benfica-Wappen im Mittelkreis - eigentlich. Vor dem Duell zwischen Lissabon und der Frankfurter Eintracht kreiste der Vogel zunächst über den Köpfen der 54.175 Zuschauer, dann aber drehte "Águia Vitória" ab, flog über das Stadiondach - und weg war er.

Als wenig später das Viertelfinalhinspiel der Europa League angepfiffen wurde, war es ein langhaariger Teenager mit Zahnspange, der anmutig seine Kreise zog: João Félix, 19 Jahre alt, Benficas Offensivjuwel. Eintracht-Coach Adi Hütter hatte den feinen Rechtsfuß vor der Partie als "Jahrhunderttalent" gepriesen. Nachdem sein Team 2:4 verloren hatte, die erste Pflichtspielniederlage 2019, tat er es erneut: "Félix ist wirklich ein Jahrhunderttalent. Er hatte heute einen sehr, sehr guten Tag."

Die Félix-Festspiele begannen in der 20. Minute: Mit einem genauen Zuspiel fand er seinen Teamkollegen Gedson, den Frankfurts Evan Ndicka nur per Notbremse stoppen konnte - Elfmeter und Rot. Den fälligen Strafstoß versenkte Félix sicher (21.) und beendete damit die stärkste Phase der Frankfurter, die den besseren Start erwischt hatten.

Die Gäste mussten sich kurz schütteln, kamen dann aber zum verdienten Ausgleich durch Ex-Benfica-Spieler Luka Jovic (40.). Der Félix-Show jedoch verlieh die Eintracht dadurch nur zusätzlichen Schub: Mit einem strammen Rechtsschuss, den Eintracht-Schlussmann Kevin Trapp an einem guten Tag wohl hält, erzielte der Portugiese die erneute Führung (43.), und noch ehe der zweite Durchgang richtig begonnen hatte, hatte Félix das 3:1 per Kopf vorbereitet (50.) und das 4:1 selbst erzielt (54.).

Mit seinen spielentscheidenden Aktionen traf der 19-Jährige mitten ins euphorisierte Frankfurter Herz: Den ganzen Tag über war die Vorfreude greifbar gewesen in Lissabon, vom Hafen bis zur Altstadt versprühten die über 3000 mitgereisten Fans gute Laune. Selbst Eintracht-Präsident Peter Fischer mischte sich Stunden vor dem Anpfiff unter die Scharen und trank mit ihnen ein Bier.

Dann aber kam die Euphoriebremse Félix, mit seinen vier Torbeteiligungen und dem auch sonst starken Auftritt. Der Spielmacher war zweifellos der Held des Abends - doch er war nicht der einzige junge Portugiese, der von sich reden machte: Frankfurts Gonçalo Paciência, 24 Jahre, kam in der 68. Minute ins Spiel, wenig später erzielte er das 2:4 (72.). Mit seinem sehenswerten Kopfballtreffer belohnte er sein Team, das trotz Unterzahl, vier Gegentoren und einem aberkannten Abseitstreffer (45.+1) nie aufsteckte, für einen kämpferischen Auftritt. Und Coach Hütter für dessen Mut.

Der Eintracht-Trainer hatte auch mit zehn Mann weiter nach vorne spielen lassen, mit Gacinovic für Rode offensiv gewechselt und damit einige Risiken gewagt. Am Ende reichte das immerhin, um auswärts zwei Tore zu erzielen und mit einem 2:0 im Rückspiel noch ins Halbfinale einziehen zu können.

Für den Fortbestand der Serie von 15 Spielen ohne Niederlage reichte es dagegen nicht. Weil Benfica an diesem Abend Félix hatte - aber längst kein überragendes Team. Selbst mit zehn Mann schaffte es die Eintracht, die in Durchgang zwei sehr verhalten agierenden Lissaboner in Bedrängnis zu bringen. Hätte etwa Filip Kostic in der Schlussphase aus aussichtsreicher Position nicht in Richtung des ins Reich der Lüfte entflohenen "Águia Vitória" gezielt (79.), man wäre womöglich sogar mit nur einem Tor Rückstand ins Rückspiel gegangen.

Zurück bleibt letztlich eine weniger euphorische, aber nach wie vor selbstbewusste Eintracht. "Wir haben eine geile Mannschaft und werden Benfica mit den Fans im Rücken weghauen", sagte Mittelfeldmann Sebastian Rode nach Abpfiff.

Auch dessen Teamkollegen äußerten sich nach dem packenden 2:4 im Estádio da Luz zuversichtlich - der Glaube an das Europa-League-Halbfinale scheint ungebrochen. Doch bei aller Zuversicht wird ein jeder Frankfurter wissen: Wenn das am kommenden Donnerstag funktionieren soll mit dem "Weghauen", dann wird man vor allem einen kontrollieren müssen.

Den langhaarigen Teenager mit der Zahnspange.

Benfica Lissabon - Eintracht Frankfurt 4:2 (2:1)
1:0 João Félix (21., Foulelfmeter)
1:1 Jovic (40.)
2:1 João Félix (43.)
3:1 Rúben Dias (50.)
4:1 João Félix (54.)
4:2 Paciência (72.)
Lissabon: Vlachodimos - Corchia (66. Pizzi), Rúben Dias, Jardel, Grimaldo - Gedson Fernandes, Samaris (85. Zivkovic), Fejsa, Cervi - Rafa Silva (60. Seferovic), João Félix
Frankfurt: Trapp - Abraham, Hinteregger, Ndicka - da Costa, Fernandes, Hasebe, Kostic - Rode (85. Gacinovic) - Jovic (60. de Guzman), Rebic (68. Paciência)
Schiedsrichter: Anthony Taylor (England)
Gelbe Karten: Samaris / Jovic, Rebic
Rote Karte: Ndicka (20., Notbremse)
Zuschauer: 55.000



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
dachhase 12.04.2019
1. Eintracht scheitert an Teenager?
Ich wage mal die Prognose, daß das andersrum kommt. Tolles Fußballspiel! Was die Eintracht da im Moment abliefert, erinnert mich stark an Schalke und die Generation Eurofighter.
stoffi 12.04.2019
2. Ich denke
"Wir haben eine geile Mannschaft und werden Benfica mit den Fans im Rücken weghauen" Sollte sicher heissen, wir versuchen es zu Hause wie hier, nicht weghauen, sondern weg treten und dann wenn der Schiri noch etwas genauer hin sieht, stehen sie nicht nur mit 10 sondern nur noch mit 9 Spielern auf dem Platz, was hätte gestern ohne weiteres passieren können und auch ein zweiter Elfer wäre drin gewesen. So gewinnt man keinen Pokal.
ulaij 12.04.2019
3. mutiger Hütter
Was ich wirklich positiv bemerkenswert und bezeichnend für diese Saison der Eintracht finde: Hütter hat nach der roten Karte nicht sofort reagiert und einen Offensiven ausgewechselt: Hasebe nach hinten gezogen und den Stabilitätswechsel erst in der 60.min gemacht, als er Jovic rausnahm...
minimalmaxi 12.04.2019
4.
Tolles Spiel der Eintracht, die auch in Unterzahl nach vorne gespielt hat, aber von der eleganten und präzisen Benfica-Offensive ausgebremst wurde. Felix war überragend!
don_leonardo_al_dente 12.04.2019
5. #stoffi Offenbächer ?
Mir scheint, Sie kommen von der anderen Mainseite. Laut Livetickerstatistik hat Benfica sogar 3 Fouls mehr begangen (15:12). Der Elfmeter und die rote Karte waren sicherlich voll und ganz berechtigt. Dieses wurde aber auch von keinem Eintrachtvertreter in Frage gestellt. Allerdings kann von einem "Wegtreten" keine Rede sein, sondern von einem leichten - sicherlich beabsichtigen - Schubser. Das Rückspiel wird für die SGE recht schwer und an diesem Abend müsste schon Alles passen. Falls dem so sein sollte, tippe ich auf ein 3:1 - Benfica und insbesonders Felix sind sicherlich jederzeit zu einem Auswärtstor fähig.
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