Europa-League-Erfolg Hannover setzt auf Konter

Es war eine verblüffende Leistung. Der vermeintlichen Mittelklasse-Mannschaft Hannover gelang gegen den FC Sevilla ein überzeugender Sieg. Selbst der Gegentreffer macht den 96ern vor dem Rückspiel keine wirklichen Sorgen.

dapd

Von , Hannover


Die Zurückhaltung war pure Absicht. Die Profis von Hannover 96 starteten nach dem Spiel keine Jubelarien, das Publikum wurde nicht zur "La Ola"-Welle aufgefordert. Die Hauptdarsteller wollten damit an diesem stimmungsvollen Europapokalabend gleich "das richtige Zeichen geben", wie später Jan Schlaudraff sagte. "Wir haben jetzt ein tolles Spiel gemacht", sagte der Matchwinner nach dem 2:1 im Playoff-Hinspiel zur Europa League gegen den FC Sevilla, "aber um weiterzukommen, muss auch in Sevilla alles perfekt laufen".

Nur der erste Teil der internationalen Reifeprüfung ist gelungen. Ob sich Hannover tatsächlich "auf nach Europa" macht - wie der offiziell vom Verein propagierte Slogan lautet, der auf Schals und T-Shirts gedruckt ist - entscheidet sich nächsten Donnerstag in Andalusien. Wie es dort ausgeht, interessiert auch den DFL-Vorsitzenden Christian Seifert. "Ein Weiterkommen gegen eine spanische Mannschaft wäre für die Bundesliga wegen der Fünfjahreswertung doppelt wichtig", sagte Seifert, wohl wissend, dass es nach dem frühen Scheitern des FSV Mainz und der peinlichen Schlappe des FC Schalke um Grundsätzliches für die Liga geht.

Hannover 96 vertrat den deutschen Fußball nach 19 Jahren Abstinenz auf der europäischen Bühne an diesem Sommerabend mehr als würdig: In der ausverkauften Arena herrschte von Beginn an eine prickelnde Atmosphäre, in der die Klatschparaden nicht enden wollten. Berechtigterweise.

Hannover setzt auf Konterattacken

Denn es ist schon erstaunlich, wie sich diese vermeintliche Mittelklasse-Mannschaft, die in der vergangenen Bundesliga-Saison Vierter wurde, weiterentwickelt hat. Alle vier Pflichtspiele hat Hannover in der neuen Saison gewonnen, die letzten drei jeweils mit 2:1. Doch das Sevilla-Spiel stellte den emotionalen Höhepunkt der jüngeren Vereinsgeschichte dar. Selbst Sportdirektor Jörg Schmadtke war schier beeindruckt von der "fantastischen Stimmung, da braucht sich Hannover hinter anderen Vereinen nicht zu verstecken". Schmadtke, der mit bemerkenswertem Geschick den Kader weitgehend zusammengestellt hat, glaubt sogar, "dass uns die Konstellation in die Karten spielen kann".

Denn die Spanier, immerhin 2006 und 2007 Gewinner des Vorläuferwettbewerbs namens UEFA-Cup, müssten auf Sieg spielen, "und dann kommt unser Umkehrspiel besser zur Geltung". Es ist nämlich goldene Regel im Übungsalltag unter Trainer Mirko Slomka, dass die bis zum Erbrechen geprobten Konterattacken binnen acht Sekunden zum Abschluss geführt werden müssen. Vollendet wurden diese einstudierten Spielzüge diesmal von Jan Schlaudraff, der mit dem rechten Außenrist erst in die kurze Ecke (6.), dann mit dem linken Außenrist in die lange Ecke traf (45.).

"Dass der Junge Fußball spielen kann und Dinge schnell und schlau erfasst, ist hinlänglich bekannt", urteilt Schmadtke, "er braucht nur körperliche Fitness." Wer dem 28-jährigen Doppeltorschützen zuhört, stößt schnell auf ähnliche Thesen. Zwei Jahre lang habe er kaum eine Trainingseinheit versäumt, "mein Körper hat sich stabilisiert und damit meine Leistung". Dem Schlitzohr Schlaudraff, der vor nicht allzu langer Zeit als sündhaft teures Missverständnis galt und vor der Ausmusterung stand, kommt zugute, dass er in dem aktuell äußerst laufintensiven Spiel jeden Weg mitgehen kann - und noch immer die Intuition besitzt, richtige Entscheidungen zu treffen.

Schonung für Europa-League-Kader gegen Hertha BSC

"Technisch eiskalt" habe Schlaudraff die hübschen Tore erzielt, lobte der Trainer. Solche Geniestreiche haben dem einst bei Alemannia Aachen entdeckten Edeltechniker, der nach einem verlorenen Jahr beim FC Bayern 2008 in Hannover anheuerte, sogar drei Einsätze in der Nationalmannschaft beschert. Doch damals war der Spieler Schlaudraff auch viel zu oft als Luftikus unterwegs, zudem häufig verletzt. Nun muss die sportliche Leitung von Hannover 96 genau abwägen, ob sie sein Millionengehalt weiterstemmen will - der Vertrag läuft am Saisonende aus. "Ich fühle mich in Hannover sehr wohl, es passt derzeit alles", sagt Schlaudraff selbst.

Die Nummer 13 mit dem auffällig lichten Haupthaar dürfte jedoch einer der Protagonisten sein, die am Sonntag im Bundesligaspiel gegen Hertha BSC Berlin (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL Online) geschont werden. Schmadtke spricht von "einem komplizierten Spiel, uns muss der Umschaltprozess gelingen". Slomka will das damit bewerkstelligen, dass er sich aus seinem breit aufgestellten Kader bedient. "Wir haben im Sommer wichtige Transfers getätigt, um auch andere Spieler bringen zu können."

So dürfen sich gegen die Berliner wahrscheinlich die Neuzugänge Christian Pander und Henning Hauger beweisen, auch der gegen Sevilla eingewechselte Didier Ya Konan könnte dann auf dem Rasen stehen. Er wolle sich bis zum Sonntag alle Spieler genau anschauen, versicherte Slomka, danach würden nur die wieder aufgestellt, "die noch frisch aussehen".

Nach dem Spiel gegen Hertha BSC nämlich richtet sich der Blick wieder ganz auf Sevilla. Um den großen Coup in der an legendären Europapokalgeschichten nicht reichen Historie Hannovers zu vollenden, darf 96 nun nächsten Donnerstag nicht deutlich verlieren. Aber das war ja auch die Botschaft, die die Anhänger der "Roten" in einer beeindruckenden Choreografie überbrachten. "Es gibt keinen Verein in Europa, der 96 schlagen kann!" stand auf der Banderole, die die ganze Kurve überspannte. Eine kühne Vorhersage der Fans. Aber genauso keck sind die Spieler dann auch aufgetreten.

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