Fans von Eintracht Frankfurt »Wir haben ihn gepackt und sind Vollgas auf den Platz«

Auf dem Weg ins Europa-League-Finale hat die Eintracht viele mit der Leidenschaft ihrer Fans beeindruckt. Um zu verstehen, welche Wucht dieser Klub entwickeln kann, hilft die Geschichte von Frankfurt-Anhänger Meik Sieling.
Von Ron Ulrich, Frankfurt
Meik Sieling sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl. Beim Platzsturm nach dem Final-Einzug schoben ihn seine Freunde auf den Rasen

Meik Sieling sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl. Beim Platzsturm nach dem Final-Einzug schoben ihn seine Freunde auf den Rasen

Foto:

KAI PFAFFENBACH / REUTERS

Als am 5. Mai im Frankfurter Waldstadion der erste Europapokal-Finaleinzug der Eintracht nach über 40 Jahren feststand , als die Fans auf den Rasen liefen, erwachsene Menschen hemmungslos weinten, kurz: als alle Dämme brachen, reichte Meik Sieling nur ein Wort.

Seine Freunde und er standen in der ersten Reihe. Sie fragten ihn, ob er mitwolle auf den Rasen. Sieling sagte nur: »Auf«

Wenig später waren sie mitten in den jubelnden Massen, liefen auch noch umher, als die meisten Fans hinter eine Absperrung zurückgeschoben wurden. Sie feierten mit der Mannschaft, trafen ihren Helden Martin Hinteregger, bekamen vom Ersatzkeeper Diant Ramaj das offizielle Finaleinzug-Shirt geschenkt. Ein Bild von ihnen ging durch die internationalen Medien. Als Sieling spät in der Nacht wieder im heimischen Marburg ankam, sagte er sich: »Was war das denn für ein geiler Tag?!«

Sieling sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl. »Ich hatte bei der Geburt Sauerstoffmangel, konnte meine Beine nicht richtig benutzen«, erzählt er im Gespräch mit dem SPIEGEL. Die genaue Bezeichnung seiner Krankheit wisse er nicht. Doch trotz seines Handicaps folgt er der Frankfurter Eintracht nicht nur zu Heim-, sondern auch zu Auswärtsspielen.

50.000 Frankfurter in Sevilla

Die Eintracht hat viele Menschen in dieser Europa-League-Saison mit der Leidenschaft ihrer Fans beeindruckt. Allerhand Artikel wurden geschrieben über diesen famosen Klub und seine noch famosere Anhängerschaft, der es gelingt, einfach mal mit 30.000 Frankfurtern das Camp Nou in Barcelona zu kapern. Die Bilder davon und auch vom Platzsturm nach dem Finaleinzug gegen West Ham Anfang Mai fanden weltweit Beachtung.

Nun, da die Eintracht am Abend im Europa-League-Endspiel auf Glasgow trifft (21 Uhr/TV: RTL), wird man wohl wieder ähnlich eindrucksvolle Bilder zu sehen bekommen. Über 50.000 Frankfurter sollen zum Finalort nach Sevilla gereist ein.

Um zu verstehen, welche Wucht dieser Verein entwickeln kann – und was er Menschen bedeutet – hilft das Beispiel von Meik Sieling.

Der 28-Jährige fuhr mit nach Barcelona, Rom oder Bordeaux. Seine Freunde vom Fanklub »Sektion Pfeffi« (in Anlehnung an einen beliebten Pfefferminzlikör) helfen ihm stets bei der Anreise, wuchten den Rollstuhl in die Busse, Bahnen oder eben auf den Rasen. Ihr Klub besteht seit 2015, die meisten Mitstreiter kennen sich aus Schultagen.

Daniel Beste ist einer davon und erzählt: »Als Meik gesagt hat ›Auf‹, haben wir ihn gepackt und sind Vollgas auf den Platz. Das absolute Highlight war dann das Bild mit Hinti vor der Kurve.«

Foto: Jürgen Kessler / IMAGO

Mit dem Abwehrspieler Hinteregger blieben die Jungs auch danach in Kontakt, wie Sieling berichtet: »Ein Foto von uns war in einer österreichischen Zeitung. Da habe ich kurzerhand Hinti über Instagram angeschrieben, und er hat mir das Blatt besorgt.« Als »denkwürdige Szenen« beschrieben deutsche und österreichische Medien die Bilder von Sieling, Beste und Dominik Zissel, der vor dem wogenden Fan-Meer den Rollstuhl schob.

Doch so ergreifend die Bilder nach dem Spiel gegen West Ham waren, auch für die drei Freunde wartet noch ein emotionales Highlight beim Finale in Sevilla. »Das ist das i-Tüpfelchen«, sagt Sieling.

»Wir sind in F23 im Rolli-Block. Aber mal schauen, ob wir da bleiben, wenn die Eintracht gewinnt.«

Eintracht-Fan Meik Sieling vor dem Endspiel gegen Glasgow

So meldet er sich in diesen Tagen auch am Telefon aus Spanien. Er reiste mit seinen Freunden über Malaga nach Sevilla an. »Ich habe eine Karte über das normale Bewerbungsverfahren erhalten. Wir sind in F23 im Rolli-Block«, sagt Sieling und fügt mit einem Lachen an: »Aber mal schauen, ob wir da bleiben, wenn die Eintracht gewinnt.«

Er sei natürlich etwas aufgeregt, weil die Rangers Mannschaften wie Dortmund oder Leipzig ausgeschaltet haben. Doch seinem Optimismus tut das keinen Abbruch: »Wir gewinnen 3:0 und die Eintracht wird Europapokalsieger. Die Spieler werden sich unsterblich machen.«

Und sollte dann in großen Bildbänden über den historischen Erfolg berichtet werden, könnte es ja sogar sein, dass die Fotos von Sieling und seinen Freunden darin zu finden sind.