Leipziger Europa-League-Aus in Glasgow Harmlos im Hexenkessel

Leipzig hat den K. o. im Europa-League-Halbfinale selbst verschuldet: Zu passiv agierte das Team, das selbst gegen müde Rangers nicht zuschlug. Getragen von den euphorischen Fans siegte Glasgow für eine verstorbene Klublegende.
Jubelnde Glasgower, enttäuschte Leipziger

Jubelnde Glasgower, enttäuschte Leipziger

Foto: OLI SCARFF / AFP

Die Explosion: Eine gute Viertelstunde hielten die Leipziger das Ibrox-Stadion und seine so fürchterlich lauten Fans relativ leise. Dann gewann Glen Kamara artistisch ein Duell gegen zwei RB-Spieler an der Außenlinie und steckte durch zu Ryan Kent. Der drang von links in den Strafraum ein und fand am langen Pfosten James Tavernier, der den Ball über die Linie drückte. Die knapp 50.000 Fans brüllten, jubelten, weinten. Die Druckwelle wurde zum Orkan.

Ergebnis: Die Glasgow Rangers haben das Halbfinalrückspiel der Europa League 3:1 (2:0) gegen RB Leipzig gewonnen. Die Schotten stehen damit nach dem 0:1 (0:0) im Hinspiel zum fünften Mal im Finale eines Europapokalwettbewerbs. Hier geht es zum Spielbericht.

Erste Hälfte: Taverniers 1:0 brachte RB zum Wackeln. Bereits fünf Minuten später erhöhte Kamara mit einem Flachschuss aus 18 Metern auf 2:0 (24. Minute). Dani Olmo vergab die erste gute Gelegenheit für die Gäste (28.), im Gegenzug ließ Joe Aribo das 3:0 liegen, als er aus drei Metern den Ball nicht über die Linie brachte (29.). Der Angreifer musste kurz vor dem Halbzeitpfiff das Feld verlassen, als er von einem wuchtigen Freistoß an der Schläfe getroffen wurde. Es war in den ersten 45 Minuten ein viel zu passiver Auftritt der Leipziger, die keinen Ball aufs Tor brachten.

Mister 1:0: Unwichtige Tore sind seine Sache nicht: Tavernier hatte bereits im Viertelfinalrückspiel gegen Braga das 1:0 erzielt, im Achtelfinalhinspiel gegen Belgrad zum 1:0 getroffen und in der Runde davor beim Weiterkommen gegen Dortmund jeweils in Hin- und Rückspiel das 1:0 markiert.

Christopher Nkunku (M.) erzielte RBs einzigen Treffer

Christopher Nkunku (M.) erzielte RBs einzigen Treffer

Foto: IMAGO/Sven Sonntag / IMAGO/Picture Point LE

Zweite Hälfte: Rangers-Trainer Giovanni van Bronckhorst, seit November 2021 als Nachfolger von Steven Gerrard im Amt, konnte zunächst entspannt bleiben. Sein Team war weiterhin präsenter und hielt den Gegner weit vom eigenen Tor entfernt. Erst nach 70 Minuten meldete sich Leipzig im Spiel an: Zunächst scheiterte Konrad Laimer am 40-jährigen Torhüter Allan McGregor, dann traf Sekunden später Christopher Nkunku nach einer Traumflanke von Angeliño (70.). Es war der 32. Pflichtspieltreffer des Franzosen in dieser Spielzeit. Bei den Rangers schwanden nun die Kräfte, RB war obenauf. Doch wieder nahm die Partie eine unerwartete Wendung: Kents tückische Flanke wurde von den Leipzigern gerade noch auf der Linie geklärt, John Lundstram verwandelte den Nachschuss zum Weiterkommen (81.).

Die Wucht der Tradition: RB-Trainer Domenico Tedesco war vor der Partie noch optimistisch: »Alle Spieler wissen, was uns hier erwartet. Die Fans sind gigantisch hier. Darauf freuen wir uns.« Größere Freude hätte es Tedesco womöglich bereitet, wenn mehr Leipziger den Weg nach Schottland gefunden hätten. 2200 Zuschauer und Zuschauerinnen hätten die Gäste mit nach Glasgow bringen dürfen, doch nur 1000 Tickets wurden abgerufen. So blieb die blau-rot-weiße Druckwelle ungebrochen.

Schweigeminute für Jimmy Bell

Schweigeminute für Jimmy Bell

Foto: OLI SCARFF / AFP

Für Jimmy Bell: Am Sonntag hatte er beim »Old Firm« gegen Stadtrivale Celtic noch zugeschaut, am Dienstag war Zeugwart und Klublegende Jimmy Bell im Alter von 69 Jahren überraschend gestorben. Rangers-Kapitän Tavernier würdigte ihn als »das schlagende Herz und die Seele unseres Vereins«. 36 Jahre war Bell im Klub, die Rangers gedachten ihm vor Anpfiff mit einer Schweigeminute.

Durchhänger zur Unzeit: Am vergangenen Wochenende fiel RB durch die 1:3-Liganiederlage bei Borussia Mönchengladbach aus den Champions-League-Rängen, jetzt folgte das Halbfinal-Aus in der Europa League. Zwei Spieltage hat man noch, den wichtigen Platz vier zu erobern. Sonst droht bei einer Niederlage im Finale des DFB-Pokals gegen den SC Freiburg ein unbefriedigendes Ende einer Saison, die so schlecht begann, aber dann nach einer starken Performance unter dem neuen Trainer Tedesco zum Träumen von Titeln und Königsklasse einlud.

Finale in Sevilla: Am 18. Mai (21 Uhr) kommt es nun zum Wunschfinale für Nostalgiker zwischen dem Rangers FC und Eintracht Frankfurt, das sich gegen West Ham United durchsetzte. Ein Duell mit Historie: Am 5. Mai 1960, also exakt vor 62 Jahren, hatte sich die Eintracht mit einem 6:3 bei den Rangers für das Finale im Europapokal der Landesmeister qualifiziert. Einen geschichtsträchtigeren und stimmungsreicheren Abschluss hätte sich die Europa League nicht wünschen können.