Frankfurts Gegner FC Chelsea Der Blues der Blues

Roman Abramowitsch päppelte den FC Chelsea einst zu einem Spitzenklub hoch. Doch nun wendet er sich ab. Die Londoner, Frankfurts Gegner im Europa-League-Halbfinale, stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Die Stamford Brigde, die Heimstätte des FC Chelsea, wirkt mit ihrem antiquierten Wellblech-Charme nicht mehr zeitgemäß.
Andrew Boyers / REUTERS

Die Stamford Brigde, die Heimstätte des FC Chelsea, wirkt mit ihrem antiquierten Wellblech-Charme nicht mehr zeitgemäß.


Als die Ära von Roman Abramowitsch beim FC Chelsea noch jung und aufregend war, recherchierte ein englischer Zeitungsreporter exakt, auf welch mysteriöse, glamouröse Weise - Privatjet, Yacht, gepanzerte Limousine - der russische Milliardär alle zwei Wochen zu den Spielen der Blues anreiste.

Die Geschichte kam im Umfeld des Oligarchen nicht gut an, man verstand sie dort als Sicherheitsrisiko. Ein Mittelsmann teilte dem Journalisten am Telefon mit Nachdruck mit, dass er sich in Zukunft doch besser auf rein sportliche Themen konzentrieren solle.

Knapp 16 Jahre nach der Übernahme des Westlondoner Vereins durch den Rohstofftycoon wird um dessen genaue Anreisepläne kein Geheimnis mehr gemacht. Sein Sitz auf der Gegengerade bleibt ja schon seit vielen Monaten leer. Im Mai 2018 hat der 53-Jährige den Antrag auf die Verlängerung seines Investoren-Visums zurückgezogen und der Stamford Bridge den Rücken gekehrt. Wie viele dem Kreml nahe stehenden Russen bekam er in Großbritannien Probleme mit der Aufnahmegenehmigung, als Theresa Mays Regierung nach dem Giftanschlag auf den Ex-Geheimagenten Sergej Skripal in Salisbury (März 2018) als Vergeltungsaktion gegen Wladimir Putin den Druck auf die schwerreiche "Londongrad"-Community erhöhte.

Abramowitsch soll 3,3 Milliarden Euro als Kaufpreis aufgerufen haben

Abramowitsch verzichtete erstmals seit zehn Jahren auf den Kauf einer Stadionloge, für die er zuvor pro Saison mindestens eine Million Pfund ausgegeben hatte. Der Rückzug des Mannes, der Chelsea nach 2003 zu einem internationalen Spitzenklub hochpäppelte, ist nicht nur von symbolischer Natur. Im Zuge von Abramowitschs Visum-Schwierigkeiten teilte Chelsea mit, dass die Pläne für den milliardenteuren Ausbau der Spielstätte an der Fulham Road auf 60.000 Plätze "wegen unvorteilhafter Investitionsbedingungen" auf unbestimmte Zeit ausgesetzt seien. Der FC Chelsea steht vor einer ungewissen Zukunft. Am Abend treten die Londoner im Hinspiel des Europa-League-Halbfinals bei Eintracht Frankfurt an (21 Uhr/Liveticker bei SPIEGEL ONLINE, TV: RTL).

Der Verein dementiert zwar energisch Berichte, wonach der Verein zum Verkauf stünde, doch in der Londoner Finanzwelt hört man immer wieder, dass Gespräche stattfinden. Gerade in Amerika sollen sich zahlreiche Firmen für das in bester Lage unweit der Themse situierte Fußballunternehmen interessieren, was vielleicht auch erklärt, warum Chelsea im Januar den 20 Jahre alten US-Nationalspieler Christian Pulisic für 64 Millionen Euro von Borussia Dortmund für die kommende Saison verpflichtete.

Christian Pulisic wurde von Chelsea für 64 Millionen Euro von Borussia Dortmund verpflichtet - auch als Zugpferd für die USA.
Stuart Franklin / Getty Images

Christian Pulisic wurde von Chelsea für 64 Millionen Euro von Borussia Dortmund verpflichtet - auch als Zugpferd für die USA.

Selbst mit dem in seiner Heimat als Superstar gefeierten Pulisic als mögliches Zugpferd wird es jedoch nicht einfach werden, einen geeigneten Käufer zu finden. Abramowitsch hat dem Vernehmen nach einen Kaufpreis von 3,3 Milliarden Euro aufgerufen. Darin enthalten wäre die Rückzahlung von 1,5 Milliarden Euro, die er dem Verein als unverzinsliches Darlehen zur Verfügung gestellt hat, aber noch nicht die vergleichbaren Kosten für den aus Wettbewerbsgründen dringend benötigten Stamford-Bridge-Neubau.

Chelseas eher kleines Stadion wirkt mit einer Kapazität von 40.000 Zuschauern und seinem antiquierten Wellblech-Charme im Vergleich zu den Stahl- und Glasbauten von den Londoner Rivalen Arsenal und Tottenham Hotspur wie ein Relikt aus dem viktorianischen Zeitalter.

Ab Sommer 2020 droht eine Transfersperre durch die Fifa

Zusätzlich verkompliziert wird die blaue Gemengelage durch eine drohende Transfersperre bis Sommer 2020 durch die Fifa. Chelsea wurde vom Verband in erster Instanz schuldig gesprochen, im großen Stil gegen die Auflagen für die Verpflichtung von Nachwuchsspielern verstoßen zu haben. Es gibt noch keinen Termin für die Verhandlung des Einspruchs der Londoner und dementsprechend keine Möglichkeit, die Kaderplanungen für die nächste Spielzeit ernsthaft voranzutreiben.

Den belgischen Flügelstürmer Eden Hazard zieht es zu Real Madrid, Englands Jungstar Callum Hudson-Odoi, derzeit an der Achillessehne verletzt, zu den Bayern. Doch wie kann Chelsea beide gehen lassen, wenn man möglicherweise keinen Ersatz kaufen darf und dazu auch nicht weiß, ob man in den Genuss der Champions-League-Millionen kommt? Geschäftsführerin Marina Granowskaia muss, den Kombattanten aus der letzten "Game of Thrones"-Folge nicht unähnlich, momentan nahezu in völliger Dunkelheit operieren.

Abhilfe könnte der reichste Mann Großbritanniens leisten. Sir Jim Ratcliff, 66, bestätigte am Mittwoch, dass es Verhandlungen mit Chelsea gebe. "Man kann nichts ausschließen, aber ich weiß nicht, wo diese Gespräche am Ende hinführen", sagte der Besitzer des Petrochemie-Konzerns Ineos.

Ob der wegen Frackingbohrungen seines Unternehmens im Norden des Landes angefeindete Unternehmer (geschätztes Privatvermögen 14 Milliarden Euro) und prominente Brexit-Fan nach der Übernahme des Sky-Radsport-Teams der Öffentlichkeit eine zusätzliche Angriffsfläche bieten will, ist allerdings ebenso fraglich wie die grundsätzliche Entschlossenheit des ständig zwischen Moskau, Tel Aviv und der Karibik hin und her pendelnden Russen Abramowitsch, sich tatsächlich von seinem Lieblingsspielzeug zu trennen.

Vertraute berichten, dass im Privatjet, auf der Yacht und in der Limousine des Exil-Regenten noch immer verlässlich der Fernseher läuft, wenn seine Blues kicken.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
zweitakterle 02.05.2019
1. so ists dann halt auch wieder.....
erst die Milliarden einsacken.....und nicht über ein Ende der Abramowitschzeit nachdenken.... Solch ein Ende kommt immer ungelegen, wenns dann da ist. Noch wichtiger : was wird dann aus der aparten Marina Granowskaia?? Die fehlt dann womöglich auch noch....nicht auszuhalten!
widower+2 02.05.2019
2. Gut so!
Möge Chelsea da landen, wo es hingehört. Maximal in den Abstiegskampf der Premier League. Wenn der alte Mateschitz mal die Lust verliert, das Zeitliche segnet und seine Erben andere Pläne haben, wird es dem neuestens gehypten angeblichen Ostclub schnell die Lichter ausblasen.
Nonvaio01 02.05.2019
3. lassen Sie es doch einfach
Zitat von zweitakterleerst die Milliarden einsacken.....und nicht über ein Ende der Abramowitschzeit nachdenken.... Solch ein Ende kommt immer ungelegen, wenns dann da ist. Noch wichtiger : was wird dann aus der aparten Marina Granowskaia?? Die fehlt dann womöglich auch noch....nicht auszuhalten!
fast alle Pl clubs sind in privat besitz. Liverpool City Manu Tottenham Arsenal Um nur mal die Top vereine zu nennen.
Nonvaio01 02.05.2019
4. dann wollen Sie auch
Zitat von widower+2Möge Chelsea da landen, wo es hingehört. Maximal in den Abstiegskampf der Premier League. Wenn der alte Mateschitz mal die Lust verliert, das Zeitliche segnet und seine Erben andere Pläne haben, wird es dem neuestens gehypten angeblichen Ostclub schnell die Lichter ausblasen.
Liverpool, Arsenal, Tottenham, Manu und City nicht mehr in der PL? um nur ein paar zu nennen.
kfbham 02.05.2019
5. Premier League Club günstig abzugeben
When Chelsea tatsächlich zum Verkauf ansteht, wird es an potenziellen Käufern nicht mangeln. Die Premier League hat die mit Abstand lukrativsten Übertragungsrechte; die letzten 15 Jahre haben Chelsea zu einem international bekannten Namen gemacht; der Standort London ist nach wie vor sehr sehr attraktiv. Man schaue sich z.B. Stan Kroenke an, seit kurzem effektiv Alleininhaber von Arsenal: er kommt kaum jemals zu den Spielen London, hat aber gerade kürzlich seinem Minderheitseigner Usmanov ein milliardenschweres Anteilspaket abgekauft. Kroenke mag Sportsfan sein, ist aber auch ein knallharter Geschäftsmann. Und dann ist es natürlich so dass selbst im exklusiven Klub der Milliardäre nur wenige sich das finanzielle Risiko eines führenden Premier League Klub als Statussymbol leisten können. Also, ich würde sagen, Abramowich wird diesen Klub schnell los, wenn er wirklich möchte; vielleicht nicht ganz 3,3 Milliarden, but viel weniger wird's nicht.
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