Europameister Griechenland Ottos Wunder von Lissabon

Die griechische Fußball-Nationalelf hat sensationell die EM in Portugal gewonnen. Nach dem verdienten Endspiel-Erfolg gegen den Gastgeber wird erwartet, dass sich Griechenlands Coach Otto Rehhagel für den vakanten Posten des Bundestrainers bewirbt.

Von Till Schwertfeger, Lissabon


Erster Triumph bei einer EM: Otto Rehhagel, der deutsche Trainer der Griechen
AFP

Erster Triumph bei einer EM: Otto Rehhagel, der deutsche Trainer der Griechen

Erst als alles gewonnen war, ignorierten Griechenlands Nationalspieler kurzfristig ihren Lehrmeister aus Deutschland. Stolz hatte sich Otto Rehhagel für das offizielle Siegerfoto hinter der gelben Bande postiert, auf der in roter Schrift "Uefa Euro 2004: Greece - Champion" leuchtete, aber er stand dort nahe der Seitenlinie ganz allein und winkte deshalb aufgeregt die Europameister zu sich. Doch Angelos Charisteas, der in der 57. Minute den entscheidenden Treffer zum 1:0-Finalerfolg gegen Gastgeber Portugal erzielt hatte, und seine Spielkameraden blieben am Mittelkreis und ließen lieber den "Coupe Henri Delaunay" kreisen.

Doch das hatte Rehhagel ihnen schnell verziehen. "Meinen herzlichen Dank an die Mannschaft", sagte der 65-Jährige eine halbe Stunde später auf der Pressekonferenz, "sie hat sich wunderbar diszipliniert verhalten. Das ist bei einer Truppe von insgesamt 30 Mann nicht immer einfach." Ein Sonderlob bekam Torschütze Charisteas: "Er ist einer der Top-Stars dieser EM gewesen." Die Siegermedaille um den Hals, schloss Rehhagel seine Manöverkritik mit dem Satz: "Sie haben ein Wunder vollbracht."

Auf den Tag genau 50 Jahre nach dem "Wunder von Bern", als Deutschland gegen Ungarn erstmals Weltmeister wurde, gelang Griechenlands Fußballern die größte Sensation in der Geschichte der Europameisterschaften. Kapitän Theodoros Zagorakis erklärte feierlich: "Ich widme den Pokal allen Griechen auf der Welt. Wir haben ihnen nicht nur Freude, sondern auch Stolz gegeben." Auch sein Coach dachte nach dem Sieg in anderen Dimensionen. "Das 1:0 geht weit über die sportlichen Begriffe hinaus. Das ein ganz außergewöhnliches Ereignis für den griechischen und europäischen Fußball", sagte Rehhagel und fügte wie ein Fußball-Gott hinzu, "was die Politik versucht, schafft der Fußball. Er ist in der Lage, alle zu vereinen. Alle Menschen werden Brüder."

Bereits nach 20 Minuten hatte sich im Estádio da Luz nicht nur bei den blau-weiß gekleideten Fans das unheimliche Gefühl breit gemacht, dass das neben Lettland als krasser Außenseiter in die EM gestartete Team den Titel holen würde. Die Portugiesen, besonders ihre Antreiber Luis Figo und Deco, waren müde und gehemmt, die Griechen aber wie bei den 1:0-Siegen in den Runden zuvor gegen Frankreich und Tschechien: sicher in der Abwehr, enorm zweikampfstark und taktisch sehr gut eingestellt. "Sie spielen mit den Fehlern des Gegners", sagte Portugals schwer enttäuschter Coach Luiz Felipe Scolari anerkennend, der aus der 1:2-Niederlage im Eröffnungsspiel offenbar nicht die richtigen Schlüsse hatte ziehen können.

Charisteas nach dem entscheidenden Tor im Finale
DPA

Charisteas nach dem entscheidenden Tor im Finale

Erstmals bei Welt- und Europameisterschaften gewann in Lissabon ein Team mit einem ausländischen Trainer den Titel. Rehhagels Schützlinge waren bei dieser EM die besseren Deutschen: eine Turniermannschaft, die ihre minimalen Chancen zum maximalen Erfolg verwertet. Vor den Augen des extra zum Endspiel eingeflogenen griechischen Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis traf nach Angelis Basinas' Eckball Angreifer Charisteas, der beim Deutschen Meister Werder Bremen in der vergangenen Saison nur vierte Wahl war. Alle drei Treffer in den K.o.-Spielen waren Kopfballtore, zwei davon nach Standardsituationen.

Jubel der Außenseiter: Griechische Spieler tragen den Henry-Delaunay-Pokal im Luz-Stadion spazieren
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Jubel der Außenseiter: Griechische Spieler tragen den Henry-Delaunay-Pokal im Luz-Stadion spazieren

Die Fans der zuvor chronisch erfolglosen Griechen wussten, bei wem sie sich für die ungewohnt effektive Arbeit ihres Nationalteams zu bedanken hatten. Mit überschwänglichen "Otto Rehhagel"-Sprechchören, wobei sie den Nachnamen auf der zweiten Silbe betonten, feierten sie den Vater des Erfolges, der vor der Fankurve wild winkend allerdings wie ein orientierungsloser Einweiser auf dem Flughafen aussah.

Dass seine Reise mit dem griechischen Nationalteam bald beendet sein könnte, darauf deutet Rehhagels Nicht-Antwort auf die Frage hin, ob er mit dem neuen Europameister bis zur WM 2006 weiterarbeiten werde: "Es wäre fatal, über andere Dinge als über meine Spieler zu reden. Wir werden einen schönen Abend verbringen und dann nach Athen zurück fliegen." Weil der Deutsche Fußball-Bund verzweifelt einen Nachfolger für Rudi Völler sucht und das Amt des Bundestrainers Rehhagels Lebenstraum ist, könnte es sein letzter Flug als Trainer nach Griechenland sein.

Portugal - Griechenland 0:1 (0:0)
0:1 Charisteas (57.)
Portugal: Ricardo - Miguel (43. Paulo Ferreira), Jorge Andrade, Ricardo Carvarlho, Nuno Valente - Ronaldo, Maniche, Deco, Costinha (61. Rui Costa), Luis Figo - Pauleta (74. Nuno Gomes)
Griechenland: Nikopolidis - Seitaridis, Kapsis, Dellas, Fyssas - Zagorakis, Katouranis, Basinas - Giannakopoulos (76. Venetidis), Charisteas - Vryzas (81. Papadopoulos)
Schiedsrichter: Merk (Deutschland)
Zuschauer: 62.865
Gelbe Karten: Costinha, Maniche - Seitaridis, Basinas, Fyssas, Papadopoulos

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