Ewiger Titelfavorit England Der Einmal-und-nie-wieder-Weltmeister

Alle vier Jahre zählt England zu den WM-Favoriten - bloß warum? Mit Ausnahme von 1966 hat das Team selten Großes geleistet. Auch jetzt sieht es nicht besser aus. Eine Abrechnung.

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Es war eine andere Welt. Der TSV 1860 München war Deutscher Fußball-Meister, Ludwig Erhard Bundeskanzler. Die Queen hieß zwar schon Elizabeth, war aber erst 40 - und England Weltmeister. Es war das Jahr 1966.

Geoff Hurst hatte das Team um den legendären Bobby Charlton im Finale der Heim-WM erstmals zum Titel geschossen, mit dem umstrittenen Wembley-Tor gegen Deutschland. Seither zählte das Mutterland des modernen Fußballs vor jeder WM zum kleinen Kreis der großen Turnierfavoriten.

Nur folgten keine weiteren Triumphe - sondern nunmehr 44 Jahre Schmerz und frühes Scheitern. Zehn Weltmeisterschaften sind seit dem Sieg von Wembley vergangen. 1974, 1978 und 1994 verpasste England sogar die Endrunde. 1990 in Italien reichte es zumindest mal fürs Halbfinale. Mehr gab es auf der Insel nicht zu feiern.

Das sollte sich in diesem Jahr eigentlich ändern. Wie schon 2006, 2002, 1998...

Diesmal sind die Erwartungen besonders hoch gewesen. Dafür gab es einige plausible Gründe: Führungsspieler wie John Terry (29), Steven Gerrard (30), Frank Lampard (31) und Wayne Rooney (24) zeigten sich in der abgelaufenen Premier-League-Saison in Spitzenform. Mit ihren Clubs scheiterten sie früh in der Champions League, so konnten sie ausgeruht und gut vorbereitet nach Südafrika reisen.

"Ich habe keine Fehler gemacht, absolut nicht"

Zum größten Hoffnungsträger überhaupt wurde ein Italiener - Fabio Capello, der Trainer der Engländer, der im Vereinsfußball reihenweise Titel gewonnen hatte. Er übernahm die Mannschaft an einem Tiefpunkt, nach der verpassten Qualifikation zur EM 2008. Souverän führte er sie zur WM. Neun Siege in zehn Spielen, 34 Treffer, attraktive Spielweise. Die britische Presse feierte Capello als "The man with a plan", als den Mann mit einem Plan. Der englische Verband verlängerte seinen Vertrag noch vor Turnierbeginn bis 2012.

Doch beim kläglichen 1:1 zum Auftakt gegen die USA ging Capellos Plan gründlich daneben. England steckt schon vor dem zweiten Gruppenspiel am Freitag gegen Algerien (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in einer Krise. Und die Kritik der britischen Presse trifft vor allem den Trainer. "Capellos Tüfteleien verbrennen die Hoffnungen der Nation", schrieb etwa die Londoner "Times". "Ich habe keine Fehler gemacht, absolut nicht", sagt der Coach, aber die Liste der Vorhaltungen ist lang:

  • Keine Klarheit in der Torwartfrage. Capello machte Robert Green kurzfristig zur Nummer eins. Der Torhüter erfuhr erst kurz vor der Abfahrt ins Stadion von seinem Einsatz, hatte kaum Zeit, sich auf die Situation einzustellen - und patzte prompt. Auch vor der Partie gegen Algerien will Capello erst spät entscheiden, wer im Tor steht. Greens Konkurrent, der 39-jährige David James, stänkerte in den vergangenen Tagen bereits: "Ich bin immer noch die Nummer eins - ich habe nur nicht gespielt." Weitere Unruhe ist vorprogrammiert.

  • Der Einsatz von James Milner. Der Mittelfeldmann von Aston Villa litt vor dem USA-Spiel drei Tage lang schwer an einem Magen-Darm-Virus, stand dennoch überraschend in der Startelf - und nach 30 Minuten am Rande einer Roten Karte. Capello musste ihn früh auswechseln.

  • Die Einwechslung von Peter Crouch in der Schlussphase. Anschließend spielte das Team fast ausschließlich weite, hohe Bälle auf den 2,01-Meter großen Angreifer - ein Rückfall in schlimmste Kick-and-Rush-Zeiten.

Capello dürfte seine Meinung zum USA-Spiel ("Alles ist positiv, nur das Ergebnis nicht") also ziemlich exklusiv haben. Zumal er in der Abwehr mit massiven Personalproblemen zu kämpfen hat. Nach dem Ausfall von Kapitän Rio Ferdinand verletzte sich Ersatz Ledley King an der Leiste. Der Ersatz für den Ersatz ist der erst kürzlich reaktivierte Jamie Carragher. In der zweiten Halbzeit gegen die USA fiel der 32-Jährige vor allem wegen seiner behäbigen Bewegungen auf.

Es ist wie bei so vielen WM-Turnieren zuvor. Die Euphorie im englischen Lager ist Ernüchterung gewichen. Warum passiert das immer wieder? Es sind eine Reihe von Gründen, die die Three Lions als Einmal-und-nie-wieder-Weltmeister erscheinen lassen:

  • Die fehlende Klasse der Torhüter. Greens Fehlgriff reiht sich ein in eine einzigartige Tradition von Pleiten, Pech und Pannen. Seit der englischen Torwart-Legende Gordon Banks, Weltmeister von 1966, kam nicht viel Gutes nach. Oldie David James ist wegen seiner regelmäßigen Aussetzer als "Calamity James" ("Katastrophen-James") bekannt. Scott Carson und Paul "Misses" Robinson trugen ihren Teil zum Scheitern in der Qualifikation für die EM 2008 bei. David Seaman ließ 2002 bei der Niederlage im WM-Viertelfinale gegen Brasilien einen eher harmlosen Freistoß Ronaldinhos passieren.

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Fußball-WM 2010: England, deine Keeper
  • Das Trauma Elfmeterschießen. Dreimal traten die Engländer in der WM-Geschichte zum Elfmeterschießen an, dreimal flogen sie aus dem Turnier. Es begann 1990 im Halbfinale gegen Deutschland, als Bodo Illgner den Schuss von Stuart Pearce (heute Capellos Co-Trainer) hielt und Chris Waddle verzog. Auch 1998 im Achtelfinale gegen Argentinien und 2006 im Viertelfinale gegen Portugal kam das Aus im Showdown. Ein Phänomen, das sogar Psychologen beschäftigt.

  • Unbeherrschtheiten der Stars auf dem Platz. Beim Scheitern 1998 schwächte David Beckham sein Team durch eine Rote Karte, acht Jahre später flog Rooney gegen Portugal wegen einer Tätlichkeit vom Platz. Und der Stürmer stellte erst kürzlich wieder sein aufbrausendes Temperament unter Beweis. Im letzten Test vor der WM pöbelte er den Schiedsrichter an.

  • Gravierende Leistungsunterschiede vieler Spieler. Eine Supersaison in den Clubs, miese Leistung in der Nationalelf - bestes Beispiel dafür ist das Mittelfeld-Duo Frank Lampard und Steven Gerrard. Lampard traf in der abgelaufenen Premier-League-Saison 22-mal für den FC Chelsea. Gegen die USA ging überhaupt keine Torgefahr von ihm aus. Gerrard ist der Leader beim FC Liverpool. Gegen die USA tauchte er nach seinem Führungstreffer ab, übernahm nach dem Ausgleich keine Verantwortung auf dem Platz.

Außerhalb des Spielfeldes leisteten sich in diesem Jahr außerdem zwei Profis Eskapaden. So trennte sich Sängerin Cheryl Cole von ihrem Mann Ashley, Linksverteidiger bei Chelsea und in der Nationalelf, weil ihm Affären nachgesagt werden. Für einen Skandal sorgte auch sein Mannschaftskollege John Terry, 29, verheiratet und "Dad of the year 2008", der eine monatelange Sex-Affäre mit dem Unterwäschemodel Vanessa Perroncel hatte - der Freundin seines Teamkollegen Wayne Bridge.

Capello entzog Terry daraufhin die Kapitänsbinde. Der will die Spitzenposition in der Mannschaftshierarchie jedoch nicht einfach räumen. "Ich bin der Boss. Ich bin zwar als Kapitän abgesetzt worden, aber ich habe Fabio Capello gesagt, dass sich nichts ändern wird", sagte Terry vor dem Turnier. Ein Machtkampf.

Ob Capellos Plan in Südafrika zum Titel führt, scheint äußerst fraglich. Die Zahl der Baustellen in seinem Team ist enorm. Aber 2014 ist ja schon die nächste WM.

Dann wird England wohl wieder als Favorit gehandelt - und die Queen vermutlich immer noch Elizabeth heißen.

mit Material von sid und dpa

insgesamt 340 Beiträge
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Seite 1
Brieli 01.06.2010
1.
Zitat von sysopEngland fühlt sich reif für den Titel. Doch erst gilt es, die Vorrunde zu überstehen. Setzen sich die Briten gegen die USA, Algerien und Slowenien durch?
Ja. England und USA.
klumpenhund 01.06.2010
2.
Zitat von sysopEngland fühlt sich reif für den Titel. Doch erst gilt es, die Vorrunde zu überstehen. Setzen sich die Briten gegen die USA, Algerien und Slowenien durch?
Keine Überraschungen: 1.) England, trotz der mageren Vorbereitungsspiele 2.) USA 3.) Slowenien 4.) Algerien
BeckerC1972, 01.06.2010
3.
England Slowenien Algerien USA
Polar, 01.06.2010
4.
Zitat von sysopEngland fühlt sich reif für den Titel. Doch erst gilt es, die Vorrunde zu überstehen. Setzen sich die Briten gegen die USA, Algerien und Slowenien durch?
1. Slowenien ist eines meiner Lieblingsurlaubsländer 2. Algerien...war da nicht mal was? 3. und 4. ...und Tschüss. Na okay, gezz ma im Ernst: 1. England 2. USA 3. Algerien 4. Slowenien
ray05, 02.06.2010
5.
Zitat von Polar1. Slowenien ist eines meiner Lieblingsurlaubsländer 2. Algerien...war da nicht mal was? 3. und 4. ...und Tschüss. Na okay, gezz ma im Ernst: 1. England 2. USA 3. Algerien 4. Slowenien
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