Kritik an französischer Polizei Ex-DFB-Sicherheitschef Spahn sieht EM auf Krawallkurs

Konzeptlos, unkommunikativ und knallhart: Der frühere DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn kritisiert die französische Polizei schwer für ihr Vorgehen bei den Fan-Krawallen.

Helmut Spahn, Präsident der Offenbacher Kickers und Ex-Sicherheitschef des DFB
imago/ Hartenfelser

Helmut Spahn, Präsident der Offenbacher Kickers und Ex-Sicherheitschef des DFB


Der frühere DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn hat nach den schweren Ausschreitungen in Marseille Vorwürfe gegen die Verantwortlichen der französischen Polizei erhoben. "Der Austausch der Franzosen mit szenekundigen Beamten anderer Länder ist mangelhaft. Das Konzept stimmt nicht, es wird zu spät reagiert", sagte Spahn der Zeitung "Bild": "Die Bilder zeigen, dass die französische Polizei der Lage stets hinterherrennt. Das war ja auch im Stadion so, als erst mal gar nichts passierte, bis die Spezialeinheit kam. Als Polizei muss man aber schon aktiv werden, bevor sich die Ausschreitungen überhaupt richtig entwickeln."

Spahn hat kein Verständnis für das Vorgehen der französischen Sicherheitskräfte im Zuge der Krawalle, bei denen am Samstag rund um die Partie zwischen England und Russland (1:1) 35 Personen verletzt wurden (eine davon lebensgefährlich). "Nach dem Spiel bekam ich besorgte Nachrichten zahlreicher Fans. Sie haben sich in Marseille gefühlt wie in einem Kriegsgebiet. Denn die Polizei unterscheidet nicht zwischen Fans und Hooligans, sondern geht beispielsweise mit Tränengas gegen alle vor", äußerte der Hesse.

Das deckt sich mit Berichten der britischen Medien, die schon das Agieren der französischen Sicherheitskräfte im Vorfeld des Spiels von "Daily Mirror" bis "Guardian" als schwerfällig, aber knallhart geschildert hatten. Ohne zwischen Angreifern und Angegriffenen zu unterscheiden, sei auf Tränengas und harten Einsatz gesetzt worden. Das habe nicht zur Deeskalation beigetragen.

Der "Guardian" zitierte einen Augenzeugen, den 53-jährigen Bauern Ian King, der mit seinem gerade volljährigen Sohn angereist war. King sagte der Zeitung, dass die zwei an einem Tag dreimal mit Tränengas beschossen worden seien. King: "Das war völlig unnötig. Es stimmt, die Fans waren ausgelassen und sangen. Aber die französische Polizei reagierte darauf mit Tränengas und rückte gegen die Fans vor."

Sein Sohn ergänzte: "Es wirkte nicht angemessen. Die haben es schlimmer gemacht als nötig."

Spahn: "Sie können es nicht"

Mit Blick auf den weiteren Verlauf der Endrunde sieht Spahn schwarz. "Ich glaube, dass sich die Probleme bei dieser EM kurzfristig nicht mehr lösen lassen. Ehrlich gesagt ist es auch ein wenig erschreckend, dass die Franzosen die Standards der letzten 15 Jahre im Umgang mit Problem-Fans nicht wahrgenommen oder ignoriert haben", sagte der 55-Jährige: "Jetzt bricht natürlich Hektik aus, und es werden noch viel mehr Polizisten zu den Spielen geschickt. Aber auch das kann provozieren und zu noch wüsteren Schlägereien führen."

Für die ebenfalls als Risikospiel eingestufte Partie zwischen Deutschland und Polen am Donnerstag in Paris (21 Uhr/ZDF) kann Spahn nur hoffen: "Ich kann den deutschen Fans nur wünschen, dass die Sicherheitskräfte aus den bisherigen Vorfällen die richtigen Schlüsse ziehen und endlich eng mit den szenekundigen Beamten aus Deutschland und Polen zusammenarbeiten."

Auch die Europäische Fußball-Union (Uefa) sieht Spahn in der Pflicht. "Weshalb ist es zu dieser Situation gekommen? Da ist jetzt auch die Uefa gefordert, dies dementsprechend zu überprüfen und auch die Konsequenzen zu ziehen. Und hoffentlich für die nächsten Spiele mit dem Organisationskomitee der Franzosen Maßnahmen einzuleiten, um das so gut es geht zu verhindern", sagte Spahn bei Sky Sport News HD.

Der Grund für die Auseinandersetzungen zwischen Russen und Engländern im Stadion ist für Spahn der Schwarzmarkt. "Das war in Südafrika so. Das hatten wir in Deutschland. Wenn wir wussten, wir haben 15.000 Tickets an die Engländer verkauft, dann war es so, dass trotzdem 40.000 im Stadion waren. Darauf muss man vorbereitet sein."

sid/pat

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