Ex-Nationalspieler Thon "Bayern hatte richtig Schiss"

"Das ist die Entscheidung", japste TV-Reporter Figgemeier 1984 beim Duell zwischen Schalke und Bayern. In der 118. Minute des Pokalspiels hatte Dieter Hoeneß zum 6:5 getroffen. Doch Figgemeier lag falsch. Im "11 FREUNDE"-Interview erinnert sich Olaf Thon, was dann geschah.

Frage: Herr Thon, sie haben 1984 als 18-Jähriger im Pokalhalbfinale gegen den späteren Sieger FC Bayern drei Tore erzielt. Was ist Ihnen von diesem Spiel heute noch vor Augen?

Thon: Besonders gerne erinnere ich mich daran, dass ich mit links, mit rechts und mit dem Kopf ein Tor erzielte. Und an das finale Tor zum 6:6 – da kann man ja Bücher drüber schreiben. Als wir in die Verlängerung gingen, stand es 4:4. In der ersten Halbzeit fiel kein Tor, erst in der 112. Minute dann das 4:5 durch Dieter Hoeneß. Wir glichen drei Minuten später zum wiederholten Male aus – Bernard Dietz war der Torschütze. In der 118. Minute stocherte Dieter Hoeneß den Ball nach einem Junghans Fehler ins Tor.

Frage: Für ZDF-Kommentator Eberhard Figgemeier war das Spiel zu diesem Zeitpunkt gelaufen.

Thon: Ich weiß nicht wie oft der Fernsehreporter bis dahin von einer endgültigen Entscheidung gesprochen hatte. Dann schenkte uns der Schiedsrichter ein paar Minuten Nachspielzeit. Wir starteten den letzten Angriff des Spiels, ich bekam den Ball und hämmerte ihn über Jean-Marie Pfaff ins Tor. Dieses letzte Tor wird immer in meiner Erinnerung sein. Wenn heute jemand ankommt und zu mir sagt "6:6", dann macht es sofort klick, und ich habe wieder dieses Tor und die Sekunden danach im Kopf, als sich alle auf mich stürzten und ich unter ihnen begraben wurde.

Frage: Sie müssen am Ende Ihrer Kräfte gewesen sein.

Thon: Das Spiel entwickelte irgendwann eine Dynamik, in der man im Grunde gar nicht mehr überlegte, ob man müde ist. Es lief alles wie ein Film, wie in Trance. Und wenn man dann noch gegen die alten Helden, gegen Rummenigge, gegen Pfaff oder Lerby spielt, dann laufen die Beine wie von selbst. In diesem Spiel konnte man einfach nicht müde werden.

Frage: Schalke 04 ging als krasser Außenseiter ins Spiel, spielten damals noch in der zweiten Liga. Nach zwölf Minuten stand es aber schon 0:2. Normalerweise bricht ein Außenseiter gegen so ein Starensemble spätestens dann ein.

Thon: Das stimmt. Ich dachte auch kurz: Das gibt eine richtige Packung. Aber wir machten schnell den Anschluss und egalisierten innerhalb von sieben Minuten. Und ab da war ich mir sicher: Die Bayern sind heute nicht unbesiegbar. Wir hatten ja auch eine tolle Mannschaft: Bernard Dietz, Klaus Täuber, Thomas Kruse, Klaus Berge und wie sie alle heißen.

Frage: Hatten Sie das Gefühl, dass die Bayern-Stars nach dem 2:0 überheblich oder fahrlässig wurden?

Thon: Durchaus. Die Bayern zogen sich zurück, schalteten die bekannten Gänge herunter, wahrscheinlich dachten sie, dass sie die verbleibenden 78 Minuten auf Konter spielen können. Doch nachdem wir das 2:2 geschossen hatten, entwickelte sich ein absolut zwangloses Spiel, ein Spiel dessen Handlung ständig einen neuen Verlauf nahm.

Frage: Haben Sie nach Ihrem Tor zum 2:2-Ausgleich in die Gesichter der Bayern-Spieler geschaut?

Thon: Natürlich – sorgenvolle Blicke überall. Und auch wenn Rummenigge vor der Pause die Bayern wieder 3:2 in Führung schoss, war ich mir sicher: Die haben richtig Schiss, die sitzen nun in der Kabine und denen schlottern die Knie.

Frage: Hätte dieses Spiel überhaupt einen Sieger verdient gehabt?

Thon: Eigentlich nicht. Doch ich glaube, wenn es ein Elfmeterschießen gegeben hätte, wären wir als Gewinner vom Platz gegangen. Ich fand es damals ziemlich frustrierend, dass es an diesem Abend keine Entscheidung geben konnte.

Frage: Das Wiederholungsspiel verlor Schalke in München 2:3. Hätten Sie im Nachhinein das erste Spiel lieber 1:0 gewonnen oder ist Ihnen die Erfahrung dieses epochalen Spiels wichtiger gewesen?

Thon: Es war mir damals schon bewusst, dass dieses Spiel, so wie es letztlich gelaufen ist, viel bedeutender sein wird – für die Mannschaft und auch für mich persönlich –, als wenn wir gewonnen hätten. Deswegen hätte ich die Erfahrung dieses 6:6-Spiels nie gegen einen schnöden 1:0-Sieg eingetauscht.

Frage: Auch wenn Sie vielleicht den DFB-Pokal gewonnen hätten?

Thon: Und was wäre gewesen, wenn wir dann im Finale verloren hätten? Ich mag solche Gedankenspiele nicht. Das ist alles rein hypothetisch. Ich behalte bis heute einfach dieses 6:6 in meinem Herzen und freue mich, dass ich bis zu meinem Lebensende darüber philosophieren kann. (lacht)

Frage: Haben Sie in Ihrer Karriere eigentlich ein Spiel erlebt, das annähernd die Dramatik dieses Halbfinales erreichte?

Thon: Nein. Das Uefa-Cup-Finale in Mailand 1997 war natürlich auch spannend. Doch es hatte nicht diese dramatischen Brüche wie das Spiel gegen Bayern. Das Halbfinale der WM 1990 war ein ebensolches Highlight für mich, auch weil ich den entscheidenden Elfmeter verwandelte.

Rolf Töpperwien outet Thon vor laufender Kamera nach dem Spiel als Bayern-Fan, vier Jahre später wechselt Thon zum FCB. Lesen Sie, wie der Wechsel zu Stande kam und wem Thon am Samstag die Daumen drückt.

Frage: Haben Sie Rolf Töpperwien verziehen?

Thon: Wieso?

Frage: Nach dem DFB-Halbfinale stellte Töpperwien Sie vor laufenden Kameras als Bayern-Fan bloß.

Thon: (lacht) Ach, darauf wollen Sie hinaus. Ja, das stimmt. Töpperwien hatte irgendwie herausgefunden, dass ich als kleiner Junge in rot-weißer Bayern-Bettwäsche schlief – obwohl das eigentlich nur meine Eltern wussten. Natürlich sprach er mich drauf an, eine bessere Gelegenheit hätte es ja kaum geben können.

Frage: Gab es Schelte der S04-Fans?

Thon: Nicht an diesem Abend, ich schoss ja drei Tore im Spiel. Aber später durfte ich mir gelegentlich den einen oder anderen Spruch anhören. Doch damit muss man als Profi umgehen können – und dazu muss man dann auch stehen.

Frage: Wie wird man in Gelsenkirchen überhaupt zum Bayern-Fan?

Thon: Ich war sechs Jahre alt und liebte Gerd Müller. So einfach war das. Ich liebte offensiven Fußball, ich liebte Tore, große Spiele und dramatische Wendungen. Und Gerd Müller war in solchen Spielen stets mittendrin, meist als Matchwinner. Spätestens nach dem WM-Finale von 1974, in dem Gerd Müller das Siegtor gegen die Niederlande schoss, war dann klar: Gerd Müller ist mein Held und der FC Bayern mein Club – vorerst.

Frage: Schalke hatte doch auch großartige Stürmer.

Thon: Das stimmt. Klaus Fischer zum Beispiel. Der sitzt heute bei Heimspielen ein paar Plätze neben mir und weiß, dass er meine Nummer zwei ist. Auf Gerd Müller lasse ich aber auch heute noch nichts kommen. (lacht)

Frage: 1988, vier Jahre nach diesem legendären 6:6-Spiel, wechselten Sie zum FC Bayern. Ging damals für Sie ein Traum in Erfüllung?

Thon: Zu der Zeit tendierte ich eher zu einem Wechsel ins Ausland. Mailand oder Madrid – um es mit Möller zu sagen: Hauptsache Italien. (lacht) Mir lagen Angebote aus Genua und von Atlético Madrid vor. Und ein lang gehegter Traum von mir war es, eines Tages für den AC Mailand zu spielen.

Frage: Waren Sie nicht glücklich über den Wechsel nach München?

Thon: Doch, natürlich. Gerade wenn man bedenkt, dass es in meiner Kindheit genau zwei Vereine gab, für die ich schwärmte: Schalke 04 und den FC Bayern. Wer kann heute schon sagen, dass er für die Vereine spielt, von denen er seit jeher Fan ist? Ich habe sechs Spielzeiten in München gespielt und wurde in dieser Zeit dreimal Deutscher Meister. Es wurden sehr schöne Jahre, genauso schön, wie Uli Hoeneß es mir in unserem ersten Gespräch versprach.

Frage: Der damalige Bayern-Coach Udo Lattek hätte Sie am liebsten direkt nach dem Pokal-Halbfinale verpflichtet. Kam er nach dem Spiel zu Ihnen?

Thon: Nein. Ich war aber auch schwer auffindbar, denn die Fans ließen mich nicht mehr von ihren Schultern. Ich drehte fast eine Stunde lang Ehrenrunden im Parkstadion. Die Bayern-Spieler standen derweil konsterniert und ratlos an der Linie oder verschwanden in den Katakomben. Und Udo Lattek gab ein Interview und sagte in etwa: "Für den Jungen würde ich sofort zehn Millionen Mark hinlegen." Als ich 1988 nach München ging, bezahlten sie nur vier Millionen. Ich war also ein richtiges Schnäppchen. (lacht)

Frage: Zum Schluss sind noch Ihre hellseherischen Fähigkeiten gefragt, Herr Thon: Wie geht die Neuauflage am Samstag aus?

Thon: Ich und Hellseher? (lacht) Na gut, ich probier's: Solche Spiele gehen ja oft Unentschieden aus. Aber ich wünsche mir ein 2:0.

Das Interview führte Andreas Bock

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