Ex-Profi Gascoigne Der sich selbst kaputtmacht

Von Matthias Paskowsky

2. Teil: Gascoignes Absturz - Verletzungen, Alkohol, Gewalt


Paul Gascoigne hat sich selbst nicht lieb. Schon als Kind begann er damit, sich Hals über Kopf in Situationen zu stürzen, die ihm nicht selten einen Aufenthalt im lokalen Spital bescherten. Ungefähr 30 Operationen hat er durchgemacht. Seine schwerste Sportverletzung hat er sich 1991 im englischen Cupfinale konsequenterweise selbst zugefügt, durch ein ebenso unangemessenes wie übermotiviertes Tackling an Gary Charles. Der Vorfall, der ihn fast seinen Anschlussvertrag bei Lazio gekostet hätte, war symptomatisch für Gascoigne, dessen Lebensstil ihm keinen Eintrag im Lexikon der asketischen Musterathleten bescheren wird. Immer wieder war er im Laufe seiner Karriere verletzt, und mit den Zwangspausen kamen die Einsamkeit, die Langeweile und der Suff. Zuletzt nahm er auch Kokain.

Dabei wäre ein langer Blick in den Spiegel keine schlechte Idee gewesen. Vielleicht hätte er Selbsterkenntnis über die pathologische Neigung gebracht, sich Verantwortungen ins Kontor zu schreiben, die nicht seine sind. Gascoigne hat sich seinen Problemen sehr spät gestellt, vielleicht zu spät. Stattdessen ging er den Weg des autoaggressiven Alkoholikers bis zum Ende. Er verprügelte öffentlichkeitswirksam seine Frau, was dem Selbsthass Futter und seiner Sucht Rechtfertigung gab.

Paul Gascoigne ist ein tieftrauriger Mensch, der seine Not nur lindern kann, wenn er andere zum Lächeln bringt. Bei Tottenham, Lazio und den Rangers kriegen sie noch heute feuchte Augen, wenn sie an seine Auftritte denken, selbst wenn er manchmal unkontrolliert und eigensinnig war und taktische Konzepte über den Haufen geworfen hat. Dabei darf nicht unterschlagen werden, dass nach seiner Rückkehr aus Italien kein englischer Club das Geld für das unstete Enfant terrible aufbringen wollte, weshalb er schließlich bei den Rangers in der schottischen Liga landete.

Er galt als unregierbar und formschwankend, auch seine Verletzungsanfälligkeit gereichte ihm nicht zum Vorteil. Doch der unsichere Kantonist überraschte auch schärfste Kritiker immer wieder. Er glänzte vor allem dann, wenn er seine existenziellen Ängste im Fußball kanalisieren konnte, wenn er sie mit dem Ball am Fuß kompensierte. Das gelang ihm nach seinem unseligen Absturz in die Abgründe der häuslichen Gewalt gegen seine Frau Sheryl immer seltener. Zuletzt zeigte er bei Everton – mittlerweile 35-jährig – Man-of-the-Match-Vorstellungen, obwohl der geschundene Körper seinem wachen Fußballverstand nur noch schwer folgen konnte. Immerhin war er auch im Spätherbst seiner Karriere noch so populär, dass der Zeugwart schon vor Weihnachten in der Chefetage vorstellig werden musste, um ein höheres Textilbudget für Gascoigne zu erwirken. Nach jedem Punktspiel standen die Gegenspieler Schlange nach seinem Trikot, ein in der Premier League nicht unbedingt üblicher Vorgang.

An Gascoignes Einsamkeit änderte das nichts. Er war der erste, der morgens das Trainingsgelände betrat, am Abend schloss er das Tor mit dem Platzwart zu. Mitarbeiter des FC Everton erinnern sich, wie Gascoigne allein im strömenden Regen auf einem Ball saß und der U18 beim Training zuguckte. Wann immer er längere Zeit ohne Fußball sein musste, geriet er in Schwierigkeiten. Als er bei Lazio spielte, hat er in der Langeweile der Sommerpause einmal Terry Ritson angerufen und ihn nach Rom eingeladen. Keinen Penny würde ihn das kosten, alles ginge auf ihn. "'Was soll das werden, Paul?', habe ich ihn gefragt. Ich hatte nicht die Absicht, zu jenen zu gehören, die sich von ihm aushalten lassen, und von denen gab es genug. 'Du hast dein Leben, und ich hab meines, lass uns da nichts durcheinanderbringen.' Ich weiß nicht, ob er das damals verstanden hat."

Paul Gascoigne scheint vieles nicht verstanden zu haben. Und doch schwebt sein langer Schatten über Fußballengland, das nicht zu wissen scheint, wie sehr es den Exzentriker vermisst. Und natürlich würden sie ihn ob des scheinbaren Mangels an Intellekt dort niemals exzentrisch, sondern immer nur wahnsinnig nennen. Der Kampfhund mit dem Kindergesicht, wie ihn Juve-Besitzer Gianni Agnelli einmal nannte, hat Millionen inspiriert, als er feixend an Gegenspielern vorbeizog und seinen Hunger mit Toren oder Marsriegeln stillte, die ihm von den Rängen zuflogen. Jetzt ist er auf dem besten Wege, "den Bestie zu machen" und sich nach einem viel zu schnellen Leben vorzeitig zu Tode zu trinken. Gascoigne kann sich nur selbst retten. Er muss den "Gazza" in sich zu Grabe tragen. "Jeder Mensch braucht im Leben jemanden, der ihn liebt", hat Gascoignes Jugendtrainer Terry Ritson noch gesagt. Es ist höchste Zeit, dass Paul Gascoigne bei sich selbst damit anfängt.

Erster Teil: Allein in schlechter Gesellschaft

Zweiter Teil: Ein ungesundes Maß an Chaos



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