Ex-Profi Gascoigne Der sich selbst kaputtmacht

Gewaltiger Niedergang: Paul Gascoigne hat seine Laufbahn mit Drogen- und Gewaltexzessen ruiniert. Das Magazin "11 FREUNDE" hat in Gascoignes Heimatort Dunston im Nordosten Englands nach Gründen für den Absturz des früheren Weltklassespielers gesucht. Hier der dritte Teil der Serie.

Von Matthias Paskowsky


In Dunston steht eine der letzten Bastionen Paul Gascoignes: der Dunston Excelsior Working Mens Club in der Staithes Road. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis die Gastwirtschaft für die TV-Serie "Britanniens härteste Kneipen" entdeckt werden wird. Fremde sind hier so willkommen wie Gerichtsvollzieher oder Männer in Anzügen und gewählter südenglischer Mundart. Im Fernsehen läuft ein Pferderennen, das Pint kostet weniger als zwei Pfund. Das Excelsior war Paul Gascoignes Basis, bevor es ihn in die Welt trieb. Hier haben sie bei den großen Turnieren eine Leinwand aufgestellt, um ihren Jungen zu feiern.

Gascoigne bei Boston United: Körper kann dem Fußballverstand nicht mehr folgen
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Gascoigne bei Boston United: Körper kann dem Fußballverstand nicht mehr folgen

Das Verhältnis zum Barkeeper des Excelsior ist von Beginn an zerrüttet. Journalisten genießen hier kein hohes Ansehen. Der Barkeeper schweigt, während er das Wechselgeld in kleinstmöglicher Stückelung auf die Biermatte schaufelt. Dann wischt er hingebungsvoll mit dem Lappen über die Zapfhähne.

Vor der Tür des Working Mens Club steht ein Mann, dessen Unterarme nicht nur verwaschene Tätowierungen, sondern auch jene Gefäßveränderungen zeigen, die man Lebersternchen nennt. Langsam rauchend blickt er mit glasigen Augen auf eine pinkfarbene Stretchlimousine, die einige Meter entfernt auf der anderen Straßenseite parkt. Das Bild wirkt, als habe jemand eine visuelle Metapher für das Spannungsfeld des zu plötzlichem Ruhm gelangten Arbeiterkindes Paul Gascoigne inszenieren wollen.

Man fragt den Mann nach dem Weg zur Spoor Street und fühlt sich sofort schuldig. Der Mann kämpft, ringt um Worte und zeigt dabei eine Anstrengung, als hätte man ihn um eine ballistische Neuberechnung für den Start der Ariane-Rakete gebeten. Am Ende deutet er mit der Hand vage nach Süden. Dabei will er reden, auch über Paul, doch die Konzentration fällt schwer.

Früher seien Gascoigne und sein Bruder Carl oft hier gewesen, doch jetzt sei das vorbei. Der Working Mens Club sei in Ordnung. Es gebe keinen Ärger, und wenn, dann werde noch fair gekämpft, ohne Flaschen und Aschenbecher. Als Kind habe er in der Nähe der Gascoignes gewohnt, nicht weit von der Spoor Street. Sie hätten oft gemeinsam im Park gespielt, der war ja nur 100 Meter entfernt. Aber Carl habe ja auch früh mit dem Trinken angefangen. Dann ist es still vor dem Excelsior. "The drinks got me now", sagt der Mann leise, bevor er in der Tür verschwindet.

Die Spoor Street ist 500 Meter und einen Rechtsknick entfernt. An ihrem Ende gibt es einen Park mit drei Fußballfeldern in Sichtweite zu Newcastle United auf dem anderen Ufer der Tyne. Vor einem Tor sitzen Michael, Michael und Marc mit ein paar Fußbällen und fingern ihr Kebab aus dem Packpapier. "Gascoigne. Ja, der hat hier gewohnt. Aber der ist ja nur noch auf Drogen", sagt Michael I. "Seine Familie lebt da oben", sagt Michael II. und weist mit dem Kopf in Richtung der Anhöhe von Knightside, der feinen Wohngegend von Dunston. "Da hat er ihnen Häuser gekauft."

Die Frage nach ihren Vorbildern belustigt sie erst, dann fallen altbekannte Namen: Shearer, Carrick und Cristiano Ronaldo. Noch lustiger finden sie, dass sie in diesem Zusammenhang nach Gascoigne gefragt werden. Sie wissen nichts über den ehemaligen Nationalspieler aus ihrem Heimatort, der bei der WM 1990 ins Allstar-Team gewählt wurde und der überragende Spieler der Europameisterschaft 1996 war. Nur ihre Eltern sprechen hin und wieder über Gascoigne, wenn der sich mal wieder auf die Titelseiten getrunken hat.

Paul Gascoigne ist etwas jünger gewesen als die drei Teenager, als ihm eine Reihe von Ereignissen widerfuhr, die weitaus ältere Menschen aus der Bahn geworfen hätten. Beim Gedanken an Stevens Tod müsse er weinen, hat er einmal gesagt. Und dass er schuld gewesen sei am Unfall des jüngeren Bruders seines besten Freundes Keith. Steven ist vor ein Auto gerannt und in den Armen des zehnjährigen Paul Gascoigne gestorben, der eigentlich auf ihn hatte aufpassen sollen. Das steht in seiner Biografie. Auch dass wenig später sein Vater Hirnblutungen erlitt und Paul ihm Löffel in den Mund stecken musste, damit er nicht an seiner eigenen Zunge erstickte. Dass die Mutter die Familie mit drei Jobs ernähren musste, Paul von der Schule flog und an sich die ersten Zwangshandlungen beobachtete. Sein Trainer Terry Ritson hat ihn in dieser Phase erlebt und sich Sorgen gemacht. Warum sich Gascoigne die Schuld für den Tod Stevens gibt, versteht er bis heute nicht: "Es waren noch andere Jungs da, er war nicht für ihn verantwortlich, schon gar nicht allein. Ich weiß nicht, warum er das alles auf sich nimmt."



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