Ex-Hattrick-Rekordhalter Tönnies "Ich bin Lewandowski nicht böse"

24 Jahre hielt Michael Tönnies den Rekord des schnellsten Hattricks der Bundesliga-Geschichte. Jetzt hat Bayerns Robert Lewandowski den ehemaligen Stürmer vom MSV Duisburg übertroffen. Ein Anruf beim Ex-Rekordhalter.

Ex-Duisburg-Profi: Heute Stadionsprecher beim Klub
imago/Christoph Reichwein

Ex-Duisburg-Profi: Heute Stadionsprecher beim Klub

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SPIEGEL ONLINE: Herr Tönnies, gegen den VfL Wolfsburg hat Robert Lewandowski in 3 Minuten und 22 Sekunden den schnellsten Hattrick der Bundesliga-Geschichte geschossen. Haben Sie das Spiel gesehen?

Tönnies: Ich war live auf der Couch dabei. Und bereits beim zweiten Tor von Lewandowski habe ich gewusst: Heute ist es soweit, heute passiert es. Und dann ist es auch so gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Bundesliga-Rekord, drei Tore in fünf Minuten, ist nach 24 Jahren geknackt worden. Wie ist die Gefühlslage?

Tönnies: Es ist schade, aber irgendwann musste es so kommen. Aber: Was Robert Lewandowski gegen Wolfsburg geleistet hat, war einfach großartig. Eine tolle Leistung und auch noch in einem Spitzenspiel. Ich habe Respekt, Lewandowski ist ein würdiger Nachfolger, ich bin ihm nicht böse. Jetzt bin ich halt nur noch Zweiter.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten 1991 mit dem MSV Duisburg gegen den Karlsruher SC (6:2) den Hattrick geschossen, erzielten in diesem Spiel wie Lewandowski fünf Tore. Aber Sie haben sogar noch einen Treffer vorbereitet.

Tönnies: Sehen Sie, ich bin doch noch einen Zacken besser als Lewandowski (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Oliver Kahn stand damals beim KSC im Tor. Wie hat der reagiert?

Tönnies: Kahn war damals noch sehr jung. Und er machte einen ziemlich niedergeschlagenen Eindruck. Ich könnte mir vorstellen, er fühlte sich durch die vielen Gegentore angestochen, einmal der beste Torwart der Welt zu werden. Das ist er ja dann auch geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie den Rekord damals gefeiert?

Tönnies: Ich bin in meine Stammkneipe gegangen und habe ein paar Bier getrunken. Aber es war Dienstag, um 1 Uhr hatte der Wirt bereits dichtgemacht, es war nichts los. Zu Hause habe ich noch die US Open geguckt, ich war aufgeregt und konnte nicht schlafen. Eine Riesenparty war das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie wohl Lewandowski seinen Rekord gefeiert hat? Immerhin ist ja Oktoberfest.

Tönnies: Heute macht überall jeder ein Foto, das ganze Geschäft hat sich verändert. Ich glaube, er wird mit seiner Frau ein Glas Rotwein getrunken haben, aber dann war Schluss.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es für Sie nach dem Fünferpack gegen Karlsruhe weiter?

Tönnies: Bereits am Freitag mussten wir wieder ran, in Bremen, dort haben wir 1:5 verloren.

Michael Tönnies war nicht der Erste, hier sehen Sie alle Fünf-Tore-Männer der Bundesliga-Geschichte:

Karl-Heinz Thielen, 7. Dezember 1963, 1. FC Köln – 1. FC Kaiserslautern

Gleich in der ersten Bundesligasaison gab es den ersten Fünferpack. Beim 5:1-Sieg der Kölner gegen Lautern erzielte Thielen alle fünf Treffer. Das 1:0 fiel noch vor der Pause (32. Minute), nach dem Seitenwechsel gelang Thielen ein Hattrick (48./60./65.) zum 4:0, in der 74. Minute folgte das 5:1. Köln wurde am Ende Meister, Kaiserslautern entging als Zwölfter dem Abstieg.

Rudolf Brunnenmeier, 27. Februar 1965, 1860 München – Karlsruher SC

In der Saison 1964/1965 wurde Brunnenmeier mit 24 Treffern Torschützenkönig der Bundesliga. Allein fünf davon erzielte er beim 9:0 der Münchner "Löwen" gegen den KSC. Bereits nach sechs Minuten hatte er zweimal getroffen (2. und 6. Minute), in der 57. Minute folgte das 6:0, später noch das 8:0 und 9:0 (65./77.). 1860 wurde am Saisonende Vierter, der KSC Vorletzter. Absteigen musste aber kein Klub, weil die Bundesliga zur folgenden Saison von 16 auf 18 Teams aufgestockt wurde.

Franz Brungs, 2. Dezember 1967, 1. FC Nürnberg – Bayern München

Die späten Sechzigerjahre waren eine Zeit, als sich der 1. FC Nürnberg noch auf Augenhöhe mit dem FC Bayern befand – und nicht selten sogar besser war. Wie am 16. Spieltag der Saison 1967/1968, als der "Club" 7:3 gewann. Brungs erzielte zwischen der 37. und 62. Minute das 3:0, 4:0, 5:0 und 6:0, in der 75. Minute folgte das 7:1. Nürnberg wurde am Ende Meister, die Bayern mussten sich mit Platz fünf begnügen.

Klaus Scheer, 1. September 1971, Schalke 04 – 1. FC Köln

Schon zur Halbzeit war die Partie zugunsten der Schalker entschieden, nachdem Stürmer Scheer in der 2., 6., 33. und 42. Minute getroffen hatte. Später folgte noch der Treffer zum 6:1 (72.). Für die Gelsenkirchener langte es am Ende der Saison 1971/1972 aber nur zu Platz zwei, drei Punkte hinter dem FC Bayern. Köln wurde Vierter.

Gerd Müller, 19. Februar 1972, Bayern München – Rot-Weiß Oberhausen

Zwei Fünferpacks in einer Spielzeit, das gab es in der Saison 1971/1972. Nach Schalkes Klaus Scheer (vorheriges Bild) traf auch Bayerns Rekordtorjäger Gerd Müller beim 7:0 gegen RWO fünfmal. Der "Bomber der Nation" erzielte vor der Pause das 1:0 (38. Minute) und traf in Halbzeit zwei viermal in Folge (51./54./77./82.). Ein Fünferpack gelang Müller noch drei weitere Male: beim 6:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern in der Saison 1972/1973, beim 7:4 gegen Hertha BSC in der Saison 1975/1976 und beim 9:0 gegen TeBe Berlin in der Saison 1976/1977.

Jupp Heynckes, 29. April 1978, Borussia Mönchengladbach – Borussia Dortmund

Das 12:0 der Gladbacher gegen den BVB am letzten Spieltag der Saison 1977/1978 ist bis heute der höchste Sieg der Bundesligageschichte. Es war zugleich nach insgesamt zwölf Jahren das letzte Bundesligaspiel von Jupp Heynckes als Profi für die Borussia – und nie zuvor hatte er öfter getroffen. Heynckes erzielte das 1:0 (1. Minute), das 2:0 (12.), das 5:0 (32.), das 7:0 (59.) und das 10:0 (77.). Doch selbst dieser hohe Sieg langte nicht zum Titel, Gladbach fehlten am Ende drei Tore zum punktgleichen Meister Köln.

Manfred Burgsmüller, 6. November 1982, Borussia Dortmund – Arminia Bielefeld

Auf Platz zwei der torreichsten Spiele der Bundesligageschichte liegt unter anderem das 11:1 des BVB gegen Bielefeld. Dabei traf Manfred Burgmüller fünfmal (19./46./60./69./72. Minute). Seine insgesamt 135 Treffer sind bis heute Vereinsrekord von Borussia Dortmund. In der Liste der erfolgreichsten Bundesliga-Torjäger liegt er mit insgesamt 213 Treffern auf Platz vier hinter Gerd Müller (365 Tore), Klaus Fischer (268) und Jupp Heynckes (220).

Atli Edvaldsson, 4. Juni 1983 , Fortuna Düsseldorf – Eintracht Frankfurt

Er war der erste Isländer in der Bundesliga – und der erste Ausländer, dem ein Fünferpack gelang: Fortuna-Angreifer Atli Edvaldsson konnte bereits in der ersten Halbzeit (3., 9., 36. Minute) über einen lupenreinen Hattrick jubeln, in der zweiten Halbzeit gab es dann noch zwei weitere Tore (53./82.). Das Spiel endete 5:1 für Düsseldorf. "Das war ein toller Tag. Ich hatte schon zwei Tore geschossen und dachte, jetzt könnte ich ja der Abwehr ein bisschen helfen. Aber Willibert Kremer, der Trainer, schrie mich an: 'Atli! Ab nach vorne!' Ich war also mehr oder weniger gezwungen, noch mehr Tore zu machen."

Dieter Hoeneß, 25. Februar 1984, Bayern München – Eintracht Braunschweig

Dieter Hoeneß ließ sich Zeit. Lange hatten die Münchner mit nur einem Tor von Karl-Heinz Rummenigge in Führung gelegen, doch dann drehte der Angreifer auf. Bis zum Abpfiff traf Hoeneß fünfmal (67., 69., 75., 86. und 89. Minute), 6:0 war dann auch der Endstand. Trotz dieses Fünferpacks wird Hoeneß meist eher mit seinem Turban-Spiel in Verbindung gebracht, als er im Pokalfinale 1982 gegen Nürnberg trotz einer Kopfverletzung noch für den 4:2-Endstand sorgte – per Kopf.

Jürgen Klinsmann, 15. März 1986, Fortuna Düsseldorf – VfB Stuttgart

Eigentlich war Fortuna Düsseldorf im Heimspiel gegen Stuttgart zunächst viel stärker als die Gäste, doch gegen einen jungen, blonden Stürmer in den Reihen des VfB hatten sie kein Mittel: Jürgen Klinsmann nutzte erst eine Unsicherheit in der Fortuna-Defensive, dann einen Patzer des gegnerischen Keepers, traf dann noch per Kopf sowie nach zwei starken Alleingängen (36., 47., 49., 75., 78.). Das Spiel endete 7:0, für Klinsmann war es das persönliche Highlight der Saison, insgesamt kam er auf 16 Treffer.

Frank Hartmann, 1. November 1986, 1. FC Kaiserslautern – Schalke 04

Ausgerechnet! Dieses Wort wird im Fußball gerne benutzt, im Fall von Frank Hartmanns Galaabend trifft es aber zu. Ausgerechnet gegen seinen früheren Arbeitgeber hatte der Offensivspieler seinen besten Auftritt. Vor der Saison 1986/1987 war er von Schalke nach Kaiserslautern gewechselt. Und im ersten Aufeinandertreffen mit seinem alten Klub traf er dann gleich fünfmal (19., 22., 53., 73. und 90. Minute). Jürgen Wegmann erzielte das einzige Tor der Gäste, das Spiel endete 5:1.

Michael Tönnies, 27. August 1991, MSV Duisburg – Karlsruher SC

Lange hielt Michael Tönnies den Rekord für den schnellsten Hattrick der Bundesligageschichte. Das ist nun vorbei, Robert Lewandowski hat den früheren Angreifer abgelöst. Tönnies hatte sein Kunststück im Trikot des MSV Duisburg gezeigt, im Spiel gegen den Karlsruher SC gelangen ihm insgesamt fünf Tore (11., 12., 16., 37. und 68. Minute). "Da brachen alle Dämme", sagte Tönnies später. Übrigens stand im Tor des KSC damals kein Fliegenfänger: Es war Oliver Kahn.

Robert Lewandowski, 22. September 2015, Bayern München – VfL Wolfsburg

Wenn sogar Josep Guardiola ungläubig schaut und keine richtige Erklärung für die Leistung eines Spielers findet, dann ist klar, dass etwas Außergewöhnliches geschehen ist. Immerhin hat der Mann jahrelang mit Lionel Messi zusammengearbeitet. Robert Lewandowski hat mit seinem Fünferpack in neun Minuten (51., 52., 55., 57. und 60. Minute) nicht nur seinen Trainer sprachlos gemacht und den VfL Wolfsburg gedemütigt, sondern sich auch gleich einen Eintrag in die Bundesliga-Geschichtsbücher gesichert: Schnellster Hattrick, schnellster Viererpack, schnellster Fünferpack.

Dieter Müller, 17. August 1977, 1. FC Köln – Werder Bremen

Was wäre gewesen, wenn Wolfsburg-Verteidiger Ricardo Rodríguez nicht noch auf der Linie gerettet hätte? Ganz einfach: Dann hätte Lewandowski auch noch den Rekord von Dieter Müller eingestellt. Der Angreifer hatte in den späten Siebzigerjahren das bisher Unerreichte geschafft: sechs Tore in einem Spiel (12., 23., 32., 52., 73. und 85. Minute). Gelungen ist ihm das beim 7:2 gegen Werder. Müller wurde am Ende der Saison Meister mit Köln, die Torjägerkanone musste er sich mit seinem Namensvetter Gerd Müller vom FC Bayern teilen – beide kamen auf 24 Treffer.



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huelin 23.09.2015
1. Und Nummer 13
Wahnsinn! Schon der 13te Thread zu Bayern-Wolfsburg. Wird SPON jetzt von VW gesponsert, oder was ist da los?
albert schulz 23.09.2015
2. ein echtes Thema
Zitat von huelinWahnsinn! Schon der 13te Thread zu Bayern-Wolfsburg. Wird SPON jetzt von VW gesponsert, oder was ist da los?
Es passiert halt nichts, und wenn doch was passiert, hat die Presse keine Ahnung oder will oder kann nichts darüber sagen. Sport ist das Allheilmittel. Der stört keine Sau und man kann schreiben, was man will. Bald wird der Spiegel wie Bild zu achtzig und mehr Prozent nur noch aus Sport bestehen, weil er ganz klare Vorgaben zu beachten hat, worüber er auf keinen Fall berichten darf. Und worüber er zwingend berichten muß. Und was zu zensieren ist. Das Problem hat ein selbständiger Kollege schon vor vielen Jahren in Worte gekleidet: Bei Geschäftsbesprechungen kann man nicht über Religion, Politik, Frauen, Ideologie, Gesellschaft, Erziehung oder sonst ein interessantes Thema reden, weil man garantiert aneckt. Am schlimmsten ist die Philosophie, weil die immer nach dem Grund fragt. Und sie verlangt Logik. Die ist den Menschen ein echter Graus. Auch Fakten mögen die Menschen so gar nicht. Der Sport hingegen hat Fakten, er hat eine unbestechliche Logik, nämlich das Ergebnis, und kein Mensch interessiert sich wirklich dafür. Das ist unheimlich attraktiv, wenn man nichts zu sagen hat. Wie so mancher Redner im Bundestag. Der wäre auch froh und glücklich, wenn er über den BVB berichten könnte.
hafnafjoerdur 23.09.2015
3. Dann lesen Sie halt etwas anderes
Zitat von huelinWahnsinn! Schon der 13te Thread zu Bayern-Wolfsburg. Wird SPON jetzt von VW gesponsert, oder was ist da los?
Ich habe hier übrigens weniger zu Bayern oder Wolfsburg gelesen, sondern ein unterhaltsames Interview mit einem ehemaligen Bundesligaspieler, der ganz witzig und sympathisch geantwortet hat. Was gibt es daran schon wieder auszusetzen?
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