Ex-St. Pauli-Profi Biermann Besuch von Gott und dem weinenden Engel

Sein Selbstmordversuch misslang: Der zweifache Familienvater Andreas Biermann wollte vor seinen Problemen davonlaufen - und wachte im Krankenhaus wieder auf. In seiner Biografie beschreibt der ehemalige Profi des FC St. Pauli seinen Weg zurück ins Leben.

Ex-Profi Biermann: "Ich wollte nicht mehr aufwachen"
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Ex-Profi Biermann: "Ich wollte nicht mehr aufwachen"

Von Rainer Schäfer


An diesem Morgen hat Gott seinen kantigen Schädel kahl rasiert, er trägt ein graues Kapuzen-Shirt, über der Oberlippe und am Kinn hat er Bartstoppeln stehen lassen wie ein DJ. Wenn er redet, hat er den harten Slang der Menschen, die im Hamburger Stadtteil Bramfeld aufgewachsen sind. Neben Gott sitzt eine Frau, die ununterbrochen heult und sich die Nase schnäuzt. Seit wann weinen Engel?, denkt Andreas Biermann und schließt schnell wieder die Augen.

Gott und der weinende Engel verschwimmen immer wieder im dichten Nebel des Krankenzimmerweiß. Ein paar Augenschläge weiter weiß Biermann, dass er nicht da ist, wo er sein möchte. In seinem Arm stecken Kanülen, neben seinen Beinen, an den kühlen Metallstangen des Bettes befestigt, hängt ein Katheterbeutel, in den unangenehm langsam Urin sickert. Uringelb ist nicht die Farbe, die er beim Aufwachen sehen möchte.

An seinem Bett sitzen seine Frau und Holger Stanislawski. "Dass der liebe Gott nicht wie Stani aussieht und die Engel nicht wie Juliane, war mir irgendwann klar", erinnert sich Andreas Biermann. Er musste irgendwo hängen geblieben sein, beim Versuch, diese Welt zu verlassen. Nur langsam fängt sein Kopf an zu arbeiten und die Eindrücke zu ordnen, irgendwo zwischen Vollnarkose, Alptraum und Wirklichkeit. Es fällt im schwer, zurück in das Leben zu kommen, aus dem er sich verabschiedet hatte, endgültig und mit der größtmöglichen Entschiedenheit: seinem Suizidversuch.

Biermann liegt auf der Intensivstation des Krankenhauses Altona. Er hat überlebt, er ist sich allerdings nicht sicher, ob er froh darüber sein soll. Nicht mal der Versuch, sich das Leben zu nehmen, war so verlaufen, wie er sich das ausgedacht hatte. "Ich wollte nicht mehr aufwachen, die Gedanken nicht mehr leben zu können, waren immer stärker geworden."

Flirt mit anderen Frauen

Jetzt wollen alle wissen, wie es dazu kommen konnte. Biermann soll reden und erklären, dabei hat er es sich abgewöhnt, seine Gefühle zu zeigen und über seine Befindlichkeit zu sprechen, auch mit seiner Frau. "Du verstehst es sowieso nicht", war seine Standardantwort, wenn sie sich Sorgen machte und Fragen stellte. Er hat sich hinter dem Panzer seiner Depression versteckt, nicht mehr in der Lage, auf andere zuzugehen. Nicht mal auf die, die versuchten, ihm einen Vorschuss an Liebe, Nachsicht und Geduld zu geben.

Andreas Biermann ist unsicher, wie er sich verhalten soll. Auch seiner Frau gegenüber, die nach Antworten sucht, warum ihr Leben in wenigen Stunden brutal aus den Fugen gerissen wurde. Juliane Biermann hat auf dem Laptop ihres Mannes E-Mails gefunden, er hatte mit anderen Frauen geflirtet. Sie weiß nicht, ob sie ihm noch vertrauen kann, ob sie gemeinsam dieses defekte Leben noch einmal reparieren können. "Ich musste ein paar Antworten von ihm haben", sagt Juliane Biermann, "dringend, sobald er dazu in der Lage war."

Andreas Biermann weint, er liebt seine Frau, auch wenn er es nicht zeigen kann. Vom Krankenbett aus telefoniert er, entschuldigt sich bei den Menschen, die von seinem Suizidversuch wissen. Es sind nicht viele. Vor allem wegen seiner beiden kleinen Kinder hat er starke Schuldgefühle, wenn er daran denkt, "was ich bereit gewesen bin, hinter mir zu lassen". Biermann ist intelligent, aber was in seinem Kopf vor sich geht, kann er nicht erklären. Er hat Dinge getan, die andere verletzt und ihn beinahe das Leben gekostet haben.

Von der Mannschaft meldet sich niemand

Noch ist Biermann nicht in der Lage, seine Gedanken und Geheimnisse Preis zu geben. Er hat gelernt, wie er sich mit einem Mix aus Argumenten und Lügen durchschlagen kann. Er ist gut darin, er wirkt ruhig und kontrolliert. Er kann eine Ausgeglichenheit vortäuschen, die entwaffnend ist. Als die Psychologin im Krankenhaus mit ihm redet, hat er sie schnell davon überzeugt, dass er wegen seiner finanziellen Probleme im Affekt gehandelt habe. Biermann schildert, dass er zuletzt jeden Tag mehrere Stunden gepokert und dabei hohe Summen verloren habe. Da sei es zur Kurzschlusshandlung gekommen.

Das Gespräch ist kurz und konstruktiv, Biermann ist einsichtig, er will sich therapieren lassen. Er willigt ein, sich wegen Spielsucht behandeln zu lassen, das ist die Diagnose nach dem Gespräch, weitere Nachfragen und Untersuchungen bleiben aus. Biermann versichert der Psychologin, dass er nie wieder versuchen werde, sich das Leben zu nehmen. So sicher ist er sich da allerdings nicht. In seinem Kopf dreht sich alles, immer wieder enden die Gedanken an dem Punkt, dass ohnehin alles sinnlos sei, was er tue.

Am Abend kommt Trainer Holger Stanislawski vorbei, um mit Biermann zu reden. Stanislawski geht davon aus, dass er sich umbringen wollte, weil er Geld verzockt habe. "Junge, wegen 20.000 Euro kannst du doch nicht dein Leben wegwerfen", sagt Stanislawski. Von der Mannschaft meldet sich niemand, obwohl Stanislawski sie von Biermanns Suizidversuch unterrichtet hat. Dass Andreas Biermann sich ambulant wegen Spielsucht behandeln lässt, ist auch mit den Verantwortlichen des FC St. Pauli, Manager Helmut Schulte und Trainer Holger Stanislawski, abgesprochen.

Der Suizidversuch und dass Biermann offensichtlich spielsüchtig ist, soll nicht öffentlich gemacht werden. Offiziell ist Biermann erkrankt, eine Meldung, die niemand mehr erstaunt. Er ist der Ergänzungsspieler am Millerntor mit den häufigsten Fehlzeiten wegen Verletzungen und Krankheiten. Aber Biermann möchte keine lange Auszeit nehmen, er ist härter zu sich und seinem Körper als seine Krankenakte ahnen lässt.

Am 21. Oktober 2009, einem Mittwoch, holt ihn Juliane Biermann aus dem Krankenhaus ab, vier Tage später, am 25. Oktober, spielt er für die zweite Mannschaft des FC St. Pauli in der 3. Liga. Auf ausdrücklichen Wunsch von Biermann, der zurück will in den Ablauf des Alltags, der ihm ein wenig Halt bietet. Biermann spürt zwar noch, dass ihm Anfang der Woche ein Blasenkatheter gelegt worden ist, aber es ist ihm egal, er möchte zurück auf das Fußballfeld. Schmerzen kann er gut aushalten. Ein wenig waren sie auch die Strafe dafür, was er anderen und sich angetan hatte. Er musste weiterleben, mehr unfreiwillig als bereitwillig.

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