SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

20. März 2011, 10:31 Uhr

Ex-St. Pauli-Profi Biermann

"Jetzt kann ich Robert Enke verstehen"

Von Rainer Schäfer

Hat Teresa Enke ihm das Leben gerettet? In seiner Biografie erinnert sich Andreas Biermann daran, wie ihn die Witwe des Torhüters dazu brachte, eine Therapie gegen seine Depressionen zu beginnen. Die Jobsuche gestaltet sich für den ehemaligen Profi des FC St. Pauli hingegen mehr als schwierig.

Als Andreas Biermann den FC St. Pauli verlässt, sagt er: "Ich weiß, dass ich trotz meiner Erkrankung fußballerisch gut bin. Ich bin gespannt, ob ich eine Chance kriege. Dass Depressionen heilen, ist noch nicht in den Managerköpfen verankert." Noch kämpft er um sein Spiel. Sein Ziel ist es, als erster Profi geheilt in den Fußball zurückzukehren. Es wäre ein erster Schritt, dass Depressionen im Fußball nicht mehr als Makel gelten. Biermann schläft zum ersten Mal seit einigen Jahren wieder gut, er fühlt sich körperlich so gut wie lange nicht mehr. Er richtet das Haus in Falkensee ein. Immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass sie bald wieder umziehen müssen, wenn er ein Angebot bekommt.

Biermann würde gerne umziehen, wenn er wieder Fußball spielen könnte. Der Sommer vergeht, der Fußball kommt wieder zurück. Doch Biermann findet keinen neuen Club. Bei seinem Berater Henry Hennig gehen unverbindliche Anfragen ein von sechs Zweit- und Drittligisten, das Interesse erkaltet jedoch schnell, sobald das Thema Depressionen anklingt. "Den Fußballer Biermann könnten wir gut gebrauchen, aber als Depressiver ist er ein zu großes Risiko", heißt es in den Absagen.

Einer der Vereine gibt tatsächlich ein Angebot ab, in dem sich alle Zweifel niederschlagen: Biermann soll 1500 Euro brutto Grundgehalt beziehen. Er spürt, dass er sich ausgeschlossen hat, weil er seine Erkrankung öffentlich gemacht hat. Er hat gegen eine Regel verstoßen, gegen die wichtigste Fußballregel: Er hat Schwäche gezeigt. "Das Bewusstsein für diese Krankheit ist im Fußball überhaupt nicht da. Sie wird immer noch als Schwäche ausgelegt", weiß Biermann heute. Er hat sich angreifbar gemacht, dabei vollbringt er das, was Robert Enke nie geschafft hat: Über seine Erkrankung zu reden.

Ex-Kollege Ebbers: "Das Outing hat Biermanns Karriere beendet"

Während Andreas Biermann in der Psychiatrie sitzt, lassen sich weitere Sportler wegen Depressionen behandeln. Anonym. Biermann ist kein Einzelfall, Leistungssportler sind besonders anfällig für psychische Erkrankungen. Robert Enkes Tod hat manchem die Augen geöffnet, für kurze Zeit wird über Tabus wie Depressionen geredet. Kurze Zeit liegt sich die Nation betroffen in den Armen, der Unterhaltungsbetrieb Fußball scheint bereit zu sein für Veränderungen und Korrekturen. "Fußball ist nicht alles", hatte DFB-Präsident Theo Zwanziger bei der Trauerfeier für Robert Enke in Hannover betont. "Ihr könnt unglaublich viel dazu tun, wenn ihr bereit seid, euch zu zeigen, wenn Unrecht geschieht. Wenn ihr bereit seid, das Kartell der Tabuisierer und Verschweiger einer Gesellschaft zu brechen. Ein Stück mehr Menschlichkeit, ein Stück mehr Zivilcourage, ein Stück mehr Bekenntnis zur Würde des Menschen, des Nächsten, des anderen. Das wird Robert Enke gerecht." Aber inzwischen wird wieder das Bild des Fußballprofis beschworen, das sich am besten verkaufen lässt: Als moderner Gladiator, der keine Schwächen kennt, der nur körperliche Grenzen akzeptiert. Deislers Leiden, Enkes Tod und Biermanns radikale Offenheit haben nichts bewirkt im Profifußball.

Biermann ist keiner, der große Ansprüche stellt, der sich zu wichtig nimmt. Er ist nur einmal nach vorne geprescht, als er seine Erkrankung öffentlich gemacht hat. Weil er weiß, wie verloren man ist mit dieser Krankheit. Dass man Hilfe braucht, wenn man überleben will. "Es sieht so aus", sagt Marius Ebbers nachdenklich, "dass das Outing als Depressiver Biermanns Karriere beendet hat. Es sieht so aus, als ob es ihn sportlich den Kragen gekostet hätte. Wenn er mit seinen Fähigkeiten keine Chance kriegt, auf hohem Niveau Fußball zu spielen, dann muss man das so sehen." Ebbers weiter: "Ich kann es nicht verstehen, wie mit ihm und dem Thema Depression umgegangen wird. Man hat gehofft, dass es nach Enke anders gehandhabt wird, aber da hinkt der Fußball noch weit hinterher."

Den Todestag von Robert Enke verbringt Biermann in Empede, wo der Torhüter mit seiner Familie gelebt hat. Teresa Enke lebt immer noch da, sie hat Biermann eingeladen, den Tag dort mit anderen Trauergästen zu verbringen. Mit Jörg Neblung, dem Freund und Berater Enkes, fährt Biermann zu der Stelle, wo Enke auf einen Zug gewartet hatte. Der Regen prasselt ihnen in die Gesichter, aber sie schaffen es, eine Kerze anzuzünden und an die Schienen zu stellen. Als kurz darauf ein Zug vorbei donnert, sacken Biermanns Knie zusammen. Hier ist es also passiert, fährt es ihm durch den Kopf. Einen kurzen Moment stellt er sich direkt neben die Schienen, um sich vorzustellen, wie ein Zug auf ihn zugerast kommt. Das Gefühl, sich vom Leben verabschiedet zu haben, kennt er schon. Biermann springt schnell herunter von dem Schottergeröll, zurück auf festen Boden, zurück ins Leben.

"Bei mir hätten nicht so viele trauern müssen"

Als am Abend in der Dorfkirche die Gedenkfeier stattfindet, foltern ihn konfuse Gedanken. Menschen weinen um ihn herum, Biermann hat keine Tränen übrig, aber er beobachtet, "wie weh das tut, wenn sie trauern". Wenn er seinen Suizidversuch durchgezogen hätte, wäre Enke dann drei Wochen später überhaupt auf die Schienen gegangen? "Bei mir hätten nicht so viele trauern müssen", denkt er, "das wäre besser gewesen." Am nächsten Morgen geht Teresa Enke mit Andreas Biermann und ihren Hunden spazieren. Er muss immer wieder daran denken, dass er sich nur in Therapie begeben hat, weil sie so offen über die Erkrankung ihres Mannes gesprochen hatte. Sie war es, die ihm vermutlich das Leben gerettet hat. Es steht wie eine stumme Übereinkunft zwischen ihnen, dass Enkes Tod nicht sinnlos gewesen ist. Nach dem Spaziergang will Biermann die Hunde ins Haus lassen, alle gehen rein, bis auf einen. Er bleibt einfach stehen und wartet. Biermann fordert ihn immer wieder auf, endlich ins Haus zu treten. Er weiß nicht, dass der Hund blind und taub ist und das Leben an ihm vorbeifließt, wie lange Zeit an Biermann.

Ein Leben ohne Fußball hat Andreas Biermann für wertlos gehalten. Monatelang war er niedergeschlagen und frustriert, weil er keine Chance bekommen hat, noch einmal zurückzukommen. Sebastian Deisler hat sich nicht gemeldet auf einen Brief, den er ihm geschrieben hatte. Heute weiß er: Fußball bleibt, wie er ist, eine rückständige Männerbastion. Sich als Depressiver zu outen, hat nichts verbessert. Nicht den Fußball, nicht seine persönliche Situation. "Ich kann jetzt auch Robert Enke verstehen, dass er seine Erkrankung nicht öffentlich gemacht hat", sagt Biermann, "aber ich würde es wieder so machen, weil es mich als Mensch weitergebracht hat." Andreas Biermann will Sportpsychologie studieren. Um dort zu sein, wo niemand war, als er selbst Hilfe gebraucht hätte.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung