Ex-St. Pauli-Profi Biermann "Jetzt kann ich Robert Enke verstehen"

Hat Teresa Enke ihm das Leben gerettet? In seiner Biografie erinnert sich Andreas Biermann daran, wie ihn die Witwe des Torhüters dazu brachte, eine Therapie gegen seine Depressionen zu beginnen. Die Jobsuche gestaltet sich für den ehemaligen Profi des FC St. Pauli hingegen mehr als schwierig.

Ex-Profi Biermann: Jobangebot über 1500 Euro brutto
DPA

Ex-Profi Biermann: Jobangebot über 1500 Euro brutto

Von Rainer Schäfer


Als Andreas Biermann den FC St. Pauli verlässt, sagt er: "Ich weiß, dass ich trotz meiner Erkrankung fußballerisch gut bin. Ich bin gespannt, ob ich eine Chance kriege. Dass Depressionen heilen, ist noch nicht in den Managerköpfen verankert." Noch kämpft er um sein Spiel. Sein Ziel ist es, als erster Profi geheilt in den Fußball zurückzukehren. Es wäre ein erster Schritt, dass Depressionen im Fußball nicht mehr als Makel gelten. Biermann schläft zum ersten Mal seit einigen Jahren wieder gut, er fühlt sich körperlich so gut wie lange nicht mehr. Er richtet das Haus in Falkensee ein. Immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass sie bald wieder umziehen müssen, wenn er ein Angebot bekommt.

Biermann würde gerne umziehen, wenn er wieder Fußball spielen könnte. Der Sommer vergeht, der Fußball kommt wieder zurück. Doch Biermann findet keinen neuen Club. Bei seinem Berater Henry Hennig gehen unverbindliche Anfragen ein von sechs Zweit- und Drittligisten, das Interesse erkaltet jedoch schnell, sobald das Thema Depressionen anklingt. "Den Fußballer Biermann könnten wir gut gebrauchen, aber als Depressiver ist er ein zu großes Risiko", heißt es in den Absagen.

Einer der Vereine gibt tatsächlich ein Angebot ab, in dem sich alle Zweifel niederschlagen: Biermann soll 1500 Euro brutto Grundgehalt beziehen. Er spürt, dass er sich ausgeschlossen hat, weil er seine Erkrankung öffentlich gemacht hat. Er hat gegen eine Regel verstoßen, gegen die wichtigste Fußballregel: Er hat Schwäche gezeigt. "Das Bewusstsein für diese Krankheit ist im Fußball überhaupt nicht da. Sie wird immer noch als Schwäche ausgelegt", weiß Biermann heute. Er hat sich angreifbar gemacht, dabei vollbringt er das, was Robert Enke nie geschafft hat: Über seine Erkrankung zu reden.

Ex-Kollege Ebbers: "Das Outing hat Biermanns Karriere beendet"

Während Andreas Biermann in der Psychiatrie sitzt, lassen sich weitere Sportler wegen Depressionen behandeln. Anonym. Biermann ist kein Einzelfall, Leistungssportler sind besonders anfällig für psychische Erkrankungen. Robert Enkes Tod hat manchem die Augen geöffnet, für kurze Zeit wird über Tabus wie Depressionen geredet. Kurze Zeit liegt sich die Nation betroffen in den Armen, der Unterhaltungsbetrieb Fußball scheint bereit zu sein für Veränderungen und Korrekturen. "Fußball ist nicht alles", hatte DFB-Präsident Theo Zwanziger bei der Trauerfeier für Robert Enke in Hannover betont. "Ihr könnt unglaublich viel dazu tun, wenn ihr bereit seid, euch zu zeigen, wenn Unrecht geschieht. Wenn ihr bereit seid, das Kartell der Tabuisierer und Verschweiger einer Gesellschaft zu brechen. Ein Stück mehr Menschlichkeit, ein Stück mehr Zivilcourage, ein Stück mehr Bekenntnis zur Würde des Menschen, des Nächsten, des anderen. Das wird Robert Enke gerecht." Aber inzwischen wird wieder das Bild des Fußballprofis beschworen, das sich am besten verkaufen lässt: Als moderner Gladiator, der keine Schwächen kennt, der nur körperliche Grenzen akzeptiert. Deislers Leiden, Enkes Tod und Biermanns radikale Offenheit haben nichts bewirkt im Profifußball.

Biermann ist keiner, der große Ansprüche stellt, der sich zu wichtig nimmt. Er ist nur einmal nach vorne geprescht, als er seine Erkrankung öffentlich gemacht hat. Weil er weiß, wie verloren man ist mit dieser Krankheit. Dass man Hilfe braucht, wenn man überleben will. "Es sieht so aus", sagt Marius Ebbers nachdenklich, "dass das Outing als Depressiver Biermanns Karriere beendet hat. Es sieht so aus, als ob es ihn sportlich den Kragen gekostet hätte. Wenn er mit seinen Fähigkeiten keine Chance kriegt, auf hohem Niveau Fußball zu spielen, dann muss man das so sehen." Ebbers weiter: "Ich kann es nicht verstehen, wie mit ihm und dem Thema Depression umgegangen wird. Man hat gehofft, dass es nach Enke anders gehandhabt wird, aber da hinkt der Fußball noch weit hinterher."

Den Todestag von Robert Enke verbringt Biermann in Empede, wo der Torhüter mit seiner Familie gelebt hat. Teresa Enke lebt immer noch da, sie hat Biermann eingeladen, den Tag dort mit anderen Trauergästen zu verbringen. Mit Jörg Neblung, dem Freund und Berater Enkes, fährt Biermann zu der Stelle, wo Enke auf einen Zug gewartet hatte. Der Regen prasselt ihnen in die Gesichter, aber sie schaffen es, eine Kerze anzuzünden und an die Schienen zu stellen. Als kurz darauf ein Zug vorbei donnert, sacken Biermanns Knie zusammen. Hier ist es also passiert, fährt es ihm durch den Kopf. Einen kurzen Moment stellt er sich direkt neben die Schienen, um sich vorzustellen, wie ein Zug auf ihn zugerast kommt. Das Gefühl, sich vom Leben verabschiedet zu haben, kennt er schon. Biermann springt schnell herunter von dem Schottergeröll, zurück auf festen Boden, zurück ins Leben.

"Bei mir hätten nicht so viele trauern müssen"

Als am Abend in der Dorfkirche die Gedenkfeier stattfindet, foltern ihn konfuse Gedanken. Menschen weinen um ihn herum, Biermann hat keine Tränen übrig, aber er beobachtet, "wie weh das tut, wenn sie trauern". Wenn er seinen Suizidversuch durchgezogen hätte, wäre Enke dann drei Wochen später überhaupt auf die Schienen gegangen? "Bei mir hätten nicht so viele trauern müssen", denkt er, "das wäre besser gewesen." Am nächsten Morgen geht Teresa Enke mit Andreas Biermann und ihren Hunden spazieren. Er muss immer wieder daran denken, dass er sich nur in Therapie begeben hat, weil sie so offen über die Erkrankung ihres Mannes gesprochen hatte. Sie war es, die ihm vermutlich das Leben gerettet hat. Es steht wie eine stumme Übereinkunft zwischen ihnen, dass Enkes Tod nicht sinnlos gewesen ist. Nach dem Spaziergang will Biermann die Hunde ins Haus lassen, alle gehen rein, bis auf einen. Er bleibt einfach stehen und wartet. Biermann fordert ihn immer wieder auf, endlich ins Haus zu treten. Er weiß nicht, dass der Hund blind und taub ist und das Leben an ihm vorbeifließt, wie lange Zeit an Biermann.

Ein Leben ohne Fußball hat Andreas Biermann für wertlos gehalten. Monatelang war er niedergeschlagen und frustriert, weil er keine Chance bekommen hat, noch einmal zurückzukommen. Sebastian Deisler hat sich nicht gemeldet auf einen Brief, den er ihm geschrieben hatte. Heute weiß er: Fußball bleibt, wie er ist, eine rückständige Männerbastion. Sich als Depressiver zu outen, hat nichts verbessert. Nicht den Fußball, nicht seine persönliche Situation. "Ich kann jetzt auch Robert Enke verstehen, dass er seine Erkrankung nicht öffentlich gemacht hat", sagt Biermann, "aber ich würde es wieder so machen, weil es mich als Mensch weitergebracht hat." Andreas Biermann will Sportpsychologie studieren. Um dort zu sein, wo niemand war, als er selbst Hilfe gebraucht hätte.

insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fpa, 20.03.2011
1. Nicht nur im Fußball, und nicht nur bei Depressionen
Zitat von sysopHat Teresa Enke ihm das Leben gerettet? In seiner Biografie erinnert sich Andreas Biermann daran, wie ihn*die Witwe des Torhüters*dazu brachte,*eine Therapie gegen seine Depressionen*zu beginnen.*Die Jobsuche*gestaltet sich für den ehemaligen Profi des FC St. Pauli hingegen*mehr als schwierig. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,749510,00.html
Sich mit einer psychischen Erkrankung zu outen bleibt höchst problematisch. Und zwar nicht nur im Fußball, im Grunde überall in der Gesellschaft. Und was für Depressionen gilt, gilt leider im gleichen Maße auch für ADHS und Bipolare Störungen, Promblemfelder bei denen ich viele Jahre in der Selbsthilfe tätig war. Mit einem solchen Label bekommt man nicht nur im Profi-Sport keinen Job mehr, in der Industrie genauso wenig. Gerade im Feld des ADHS werde ich auf Grund jener persönlichen 20 Jahre Langzeiterfahrungen von Journalisten immer mal wieder angesprochen, ob ich nicht Kontakte zu Personen herstellen könnte, die gerade auch auf Grund ihrer Therapie erfolgreich durch Schule und Studium marschiert sind und heute auch erfolgreich damit umgehen können. Ich muss diese Wünsche leider grundsätzlich ablehnen, denn auch wenn man damit umgehen kann, etliche Grundeigenschaften, wie Stimmungslabilität, Schwierigkeiten sich in Gruppen einzufügen, alles auf den letzten Drücker machen, krasser Leistungsabfall bei Routine, usw. - das bleibt ja alles (im Grunde lebenslang) erhalten. Man kann die Arbeitgeber ja sogar ein wenig verstehen. "Heilen" kann man immer nur den grenzübertretenden Schritt von der Veranlagung zu Störung bzw. Krankheit, nicht aber die Veranlagung selbst. Mit den beiden gesellschaftlichen Prämissen: "Der Mensch sei nur das, was er in jedem Augenblick ökonomisch leistet." und "Im Zweifel wird eine bedingungslose Anpassung erwartet, die notfalls auch gegen den Willen des Anzupassenden erzwungen werden muss.", kann man Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen nicht gesellschaftlich integrieren. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Die Ursache der Stigmatisierung ist in den allermeisten Fällen ja nicht böswillig, sondern nur die eigene Schutzreaktion auf obige Prämissen. Die, die es dennoch schaffen (vor allem in den Bereichen Musik, Kunst, Theater und Medien), haben es stets aus eigener Kraft geschafft. Diese Beispiele - öffentlich machen darf man sie leider immer erst nach deren Tod - machen mehr Hoffnung als jeder Wunsch nach besserer gesellschaftlicher Akzeptanz. Outen und Aufklärung bewirkt leider eben nicht, dass die anderen sich dann auf die besonderen Fähigkeiten der betroffenen fokussieren, sondern im Gegenteil weiter stets auf die Schwächen. Selbst bei den gutwilligen entsteht meist eher Mitleid als Mitnahme. Schwierig. So glauben sich - wieder bei ADHS - auch gutwillige TV-Journalisten, die wirklich helfen wollen, das Off-Label-Problem (d.h. Medikation bei Erwachsenen wird von den Kassen oft nicht getragen, oder gar den verschreibenden Ärzten in Rechnung gestellt) öffentlich zu machen, zu unrecht mißtraut, wenn man sich weigert, ihnen die gewünschten Bilder zu liefern. Denn das Beispiel von Biermann zeigt, als Berater/Coach solcher Menschen darf man sie nicht zum öffentlichen Outing verlocken. Außer sie wollen sich persönlich bewußt und willentlich opfern für ihresgleichen. So etwas gibt es hin und wieder ja auch, nicht nur beim Reaktorunfall in Japan.
aridion 20.03.2011
2. Sind denn schon wieder 2 Wochen um?
So langsam bekommt diese Biermann Geschichte hier den Touch eines Starschnittes....alle 2 Wochen kommt ein neues Kapitel aus diesem "Besteller" und wenn man lange genug sich mit diesen Artikeln rumquält, braucht man dieses "Meisterwerk" auch nicht mehr kaufen. Ein Mensch hatte Probleme, weil er spielsüchtig war. OK, das ist tragisch, kommt aber in Deutschland öfter vor. Das dieser Mensch bei St. Pauli versucht hat Fussball zu spielen, macht das Schicksal dieses speziellen Menschen allerdings nicht erwähnenswerter als jenes all derer, die zu Hause sitzen und nciht wissen, wie sie aus der Problematik herauskommen sollen, eher das Gegenteil ist der Fall...
Yves73 20.03.2011
3. Was ist richtig ?
Kurz vorab - ich bin selbst betroffen und habe jetzt auch durch die Krankheit meinen Job verloren. Nach 8 Monaten Krankheitsausfall habe ich in der Bank bei der ich arbeite keine Chance mehr einen neuen Job zu finden. Natürlich darf mir deswegen nicht gekündigt werden. Aber es geht trotzdem ganz einfach. Kurze interne Reorganisation, man selbst ist nicht dabei und hat dann "alle Zeit, die man braucht". In der Reintegrationsphase wurden mir Aufgaben zugeteilt, die dermassen unter meinem Niveau waren. Ich musste zum Teil Aufgaben erledigen, die ich selbst Studenten nicht übergeben hätte. Ein Jahr lang. Immer wieder habe ich darum gebeten, etwas anspruchsvolleres tun zu dürfen. Keine Chance. Am Ende des Jahres gab es eine katastrophale Beurteilung, weil ich mein Potential nicht ausschöpfen konnte. ??? Interne Bewerbungen waren zu Anfang immer begeistert aufgenommen worden. Nach einem Blick in die Personalakte waren die Jobs dann seltsamerweise immer schon vergeben, wurden nicht mehr besetzt oder man hat mich einfach nicht mehr informiert, geschweige denn eine Absage geschickt. Und das in einem global agierenden Unternehmen mit knapp 70.000 Mitarbeitern. Es scheint leider eher die Regel, als die Ausnahme zu sein, dass das Thema in der Arbeitswelt ein Tabu-Thema ist. Mein ehemaliger Vorgesetzter hatte mir insgeheim erzählt, dass er selbst auch Jahre lang darunter gelitten hatte. Er hat es aber immer verschwiegen, weil er sonst das gleiche Schicksal erfahren hätte wie ich. Wie auch immer - ich kann nur jedem raten, sich behandeln zu lassen. Arbeitsplatz hin oder her. Einen neuen Job zu finden ist leichter, als mit dem Verlust der Familie, oder dem Verlust des sozialen Umfeldes zurecht zu kommen. Geschweige denn, den finalen Schritt zu tun, der zwar als einfacher Ausweg vor einem liegt. Nach der Behandlung geht es mir wieder wesentlich besser. Ein neuer Job ist in Aussicht, die Familie steht nach wie vor hinter mir. Glück gehabt, oder alles richtig gemacht?
Kains Abel 20.03.2011
4. Öh?
Zitat von aridionSo langsam bekommt diese Biermann Geschichte hier den Touch eines Starschnittes....alle 2 Wochen kommt ein neues Kapitel aus diesem "Besteller" und wenn man lange genug sich mit diesen Artikeln rumquält, braucht man dieses "Meisterwerk" auch nicht mehr kaufen. Ein Mensch hatte Probleme, weil er spielsüchtig war. OK, das ist tragisch, kommt aber in Deutschland öfter vor. Das dieser Mensch bei St. Pauli versucht hat Fussball zu spielen, macht das Schicksal dieses speziellen Menschen allerdings nicht erwähnenswerter als jenes all derer, die zu Hause sitzen und nciht wissen, wie sie aus der Problematik herauskommen sollen, eher das Gegenteil ist der Fall...
Öh, habe ich einen anderen Artikel gelesen oder bringen Sie da irgendwas durcheinander?
schna´sel, 20.03.2011
5. All Along the Watchtower
Zitat von fpaSich mit einer psychischen Erkrankung zu outen bleibt höchst problematisch. Und zwar nicht nur im Fußball, im Grunde überall in der Gesellschaft. Und was für Depressionen gilt, gilt leider im gleichen Maße auch für ADHS und Bipolare Störungen, Promblemfelder bei denen ich viele Jahre in der Selbsthilfe tätig war. Mit einem solchen Label bekommt man nicht nur im Profi-Sport keinen Job mehr, in der Industrie genauso wenig. Gerade im Feld des ADHS werde ich auf Grund jener persönlichen 20 Jahre Langzeiterfahrungen von Journalisten immer mal wieder angesprochen, ob ich nicht Kontakte zu Personen herstellen könnte, die gerade auch auf Grund ihrer Therapie erfolgreich durch Schule und Studium marschiert sind und heute auch erfolgreich damit umgehen können. Ich muss diese Wünsche leider grundsätzlich ablehnen, denn auch wenn man damit umgehen kann, etliche Grundeigenschaften, wie Stimmungslabilität, Schwierigkeiten sich in Gruppen einzufügen, alles auf den letzten Drücker machen, krasser Leistungsabfall bei Routine, usw. - das bleibt ja alles (im Grunde lebenslang) erhalten. Man kann die Arbeitgeber ja sogar ein wenig verstehen. "Heilen" kann man immer nur den grenzübertretenden Schritt von der Veranlagung zu Störung bzw. Krankheit, nicht aber die Veranlagung selbst. Mit den beiden gesellschaftlichen Prämissen: "Der Mensch sei nur das, was er in jedem Augenblick ökonomisch leistet." und "Im Zweifel wird eine bedingungslose Anpassung erwartet, die notfalls auch gegen den Willen des Anzupassenden erzwungen werden muss.", kann man Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen nicht gesellschaftlich integrieren. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Die Ursache der Stigmatisierung ist in den allermeisten Fällen ja nicht böswillig, sondern nur die eigene Schutzreaktion auf obige Prämissen. Die, die es dennoch schaffen (vor allem in den Bereichen Musik, Kunst, Theater und Medien), haben es stets aus eigener Kraft geschafft. Diese Beispiele - öffentlich machen darf man sie leider immer erst nach deren Tod - machen mehr Hoffnung als jeder Wunsch nach besserer gesellschaftlicher Akzeptanz. Outen und Aufklärung bewirkt leider eben nicht, dass die anderen sich dann auf die besonderen Fähigkeiten der betroffenen fokussieren, sondern im Gegenteil weiter stets auf die Schwächen. Selbst bei den gutwilligen entsteht meist eher Mitleid als Mitnahme. Schwierig. So glauben sich - wieder bei ADHS - auch gutwillige TV-Journalisten, die wirklich helfen wollen, das Off-Label-Problem (d.h. Medikation bei Erwachsenen wird von den Kassen oft nicht getragen, oder gar den verschreibenden Ärzten in Rechnung gestellt) öffentlich zu machen, zu unrecht mißtraut, wenn man sich weigert, ihnen die gewünschten Bilder zu liefern. Denn das Beispiel von Biermann zeigt, als Berater/Coach solcher Menschen darf man sie nicht zum öffentlichen Outing verlocken. Außer sie wollen sich persönlich bewußt und willentlich opfern für ihresgleichen. So etwas gibt es hin und wieder ja auch, nicht nur beim Reaktorunfall in Japan.
Natürlich ist das in den meisten Fällen nicht bösartig. Es gibt dennoch keinerlei Hoffnung dafür, dass ich an diesen Prämissen jemals auch nur das Geringste verändern ließe. Schauen Sie sich die Schlagzeilen an: Interessant sind immer nur die Meldungen, in denen es um die Bestätigung eben jener Bedingungen geht. Krieg, Gewalt, lecker Katastrophen. Oder News und Unterhaltungsware. Für Konsumenten, den Markt aufbereitet und für die Massen mundgerecht verpackt. Klitschko, Gaddafi, Fukushima - so ist die Welt und nichts anderes verkauft sich. Auch der Sport ist ja auch nicht mehr als gezähmte, ritualisierte Aggression. Und die Wenigen, die erfolgreich durch die Hölle der Haifischbecken von Musik, Kunst, Theater und Medien gegangen sind, wiegen die Vielen, die dort auf der Strecke bleiben und dann doch unerkannt und ausgemustert in der Sozialhilfe landen nicht auf. Gerade in den Bereichen geht doch nur noch um Erfolg. Oder um die Seilschaften subventionierter Kultur. Und damit verbunden Anpassung an Interessengruppen, Lobbys und Macht. Das sind dieselben Strukturen. Erfolg, im klassischen Sinne. Und der taugt nicht viel als Vorbild für einen Depressiven. Weil die Erfolgreichen immer nur die sind, die sich ihre Empfindsamkeit abtrainiert haben. No Way Out of here...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.