Exil-Liebe zum FCB Mia san mia – auch im Revier!

Obwohl es seine Schulzeit in Dortmund verkomplizierte, entschied sich Elmar Neveling dafür, zu den Bayern zu halten. Er wuchs mit Erfolgen auf und ertrug 1999 die schlimmste aller Niederlagen. Jetzt heißt es, ein Jahr Verlierer-Cup zu überstehen.


So langsam bin ich es wirklich leid. Wieso muss ich mich eigentlich immer rechtfertigen, wenn ich mich als Anhänger des FC Bayern zu erkennen gebe? "Scheiß Erfolgsfan", heißt es dann. Ja, Kruzifix, natürlich sind die Bayern erfolgreich! Will mir ernsthaft jemand erzählen, dass man deshalb eine Liebe zu einem Team aufbaut, weil es gerade einen jämmerlichen Mist zusammenkickt? Wobei meine Bayern das letzte Saison ja auch getan haben. Immerhin eine Reaktion seiner Mitmenschen erhält man nach einem solchen Outing immer. Für die Einen bin ich ab sofort Abschaum, war das Verhältnis zuvor auch noch so herzlich. Die Anderen reagieren begeistert, was allerdings eher selten vorkommt. Dazwischen gibt es … nichts. Aber wer will schon die neutrale Mitte? Die soll mal schön in Wolfsburg bleiben.

Überzeugter Anhänger der Bayern zu sein, stärkt jedenfalls den Willen. Das stellte ich bereits zu meiner Schulzeit fest, als ich in einer Mischung aus Stolz und Naivität im roten Opel-Trikot in der Klasse erschien. Dazu muss man wissen: Ich wohne in Dortmund, der Stadt, in der ein Bayer etwa einem Dreiviertel-Schalker auf der Geht-gar-nicht-Skala entspricht. Vorstellen, entschuldigen und schnell wieder verduften. Sonst wird's ungemütlich. Bayern-Fan zu sein, das formt hier den Charakter. Oder es verdirbt ihn.

Wie ich zu den Roten gekommen bin? Nun, als Jahrgang 1976 bin ich mit den Bayern der achtziger Jahre groß geworden: Matthäus, Augenthaler, Pflügler, Pfaff – Typen, wie es sie in der Bundesliga heute kaum noch gibt. Mit echten bayerischen Urviechern wie dem Weißbier-Auge. Da galt ein "Mia san mia" noch etwas. Zu dieser Zeit nahm ich alles persönlich, war geradezu fanatisch. Schließlich war neben dem Montags-"Kicker" jeder vom FC Bayern mein bester Freund. Auch, weil meine Zahl an Freunden sonst recht überschaubar war. Ich ging auf Mitschüler los, wenn sie nur im Ansatz etwas gegen meine Bayern sagten. Insbesondere den Uli Hoeneß mochten sie gar nicht, ein arroganter Sack wäre der. So'n Schmarrn. Was kann er dafür, dass er eben immer Recht behält? Siehe Daum.

Ich verachtete Real Madrid, weil dessen Juanito den liegenden Fußballgott Matthäus (ach der ewige Loddar, was habe ich ihn geliebt!) ins Gesicht trat und im Santiago Bernabéu direkt neben Jean-Marie Pfaff ein Messer niederging. Dafür haben wir Real dann wie immer aus dem Europacup gekegelt. Während der Horrorsaison 1991/1992 wurde meine Besessenheit ganz übel. Bayern geriet zeitweise in Abstiegsgefahr, was partout nicht in mein Weltbild passte. Fast jede Woche setzte es eine Niederlage, dazu die ständige Häme in der Schule. Das Bayern-Trikot erzeugte nur noch Mitleid. So müssen sich Schalker als Rekordmeister der Herzen fühlen. Schrecklich. Direkt nach der Sportschau, wenn ich sie mir überhaupt ansah, verschwand ich samt alter Kicker-Ausgaben aus besseren Tagen im Bett. Ein Dasein als Einsiedler.

Glaubensbekenntnis
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Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Im Mai 1999 schlug sie dann so richtig, die Stunde der Bayern-Hasser. Wir gegen ManU, Endspiel Champions League. Das elendige. Im Europacupfinale 1987 war es die Hacke von Portos Madjer, nun die Treffer in der Nachspielzeit von Solskjaer und Sheringham, die mein Bayern-Herz bluten ließen. Die Häme stieg ins Unermessliche. Jetzt wäre mir die neutrale Mitte doch bedeutend lieber gewesen. Und wie war das noch: "Die Bayern haben eh' immer nur Glück." Ne, is klar.

Inzwischen hält sich mein Fanatismus in Grenzen. Der Triumph von 2001 gegen Valencia hat mich milder gestimmt. An diesem erlösenden 23. Mai fiel ich nach Kahns letztem gehaltenen Elfer auf die Knie, das Weizenglas rechts in der Hand, die Flasche links. Erst hielt ich inne, der Atem stockte. Ich konnte es kaum glauben. Kommt nicht doch noch von irgendwo ein Madjer angerauscht oder gibt es vielleicht eine Wiederholung des Elfers?

Gab es nicht. Dafür eine Woche lang Ekstase, in der ich abwechselnd mit jedem meiner elf FCB-Trikots herumstolzierte. Genau dieses eine Mal bereute ich es, nicht mehr in der Schule zu sein. Mein Trikot wäre am nächsten Tag geplatzt vor Stolz. Und noch heute hängt das Siegerposter von Titan Kahn, Effe, Giovane & Co. eingerahmt vor meinem Bett.

Live habe ich das Spiel damals kaum gesehen, nur kurzes Reinzappen war möglich. Es war nicht auszuhalten, ManU war einfach noch in zu frischer Erinnerung. Noch immer schalte ich bei der Champions League um, wenn es mir zu spannend wird. Naja, nun brauche ich das ja nicht, der Verlierer-Cup (auch Uefa-Cup genannt) ruft.

Zum Glück wird im nächsten Jahr wieder alles besser. Als Deutscher Meister 2008 sind meine Bayern dann automatisch für die Champions League qualifiziert.



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