Extrem-Videobeweis in den Niederlanden Ein Albtraum - aber vorbildlich

Ein Tor aberkannt, dafür auf der Gegenseite Elfmeter gegeben, alles öffentlich dokumentiert: Eine Entscheidung in den Niederlanden steht für den vorbildhaften Umgang mit dem Videobeweis, findet Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt.
Schiedsrichter Martin van den Kerkhof

Schiedsrichter Martin van den Kerkhof

Foto: imago/VI Images

Es klingt wie der schlimmste Albtraum für jeden Videoassistenten: Bei einem Spiel der niederländischen Eredivisie wurde ein reguläres Tor nachträglich aberkannt - weil der Schiedsrichter zuvor ein elfmeterreifes Foul auf der anderen Seite übersehen hatte. Doch tatsächlich könnte der kuriose Fall eine Wende im Umgang mit dem VAR einleiten - wenn sich denn die Bundesliga ein Beispiel an der niederländischen Praxis nähme. Denn die setzt auf Transparenz.

Was war geschehen?

Im Spiel zwischen Vitesse Arnheim und dem SC Heerenveen lief die 88. Minute: Martin Ödegaard erzielte den vermeintlich entscheidenden Treffer zum 3:1. Doch der Unparteiische Martin van den Kerkhof stutzte, denn sein Videoassistent meldete sich. Van den Kerkhof war entgangen, dass Arnheim-Verteidiger Jake Clarke-Salter zuvor im eigenen Strafraum seinen Gegner Pelle van Amersfoort am Trikot festgehalten hatte.

Zur Person
Foto: Stefanie Fiebrig

Der Publizist Alex Feuerherdt ist Mitgründer und -betreiber von "Collinas Erben", einem Podcast, der sich mit der Schiedsrichterei beschäftigt. Zudem ist er seit 1985 selbst Schiedsrichter und hat Spiele bis zur Oberliga geleitet. Er ist seit Jahren verantwortlich für die Aus- und Fortbildung der Referees in Köln sowie Schiedsrichter-Coach im Fußballverband Mittelrhein. Als Experte tritt er regelmäßig in Radio- und TV-Sendungen auf.

Videoassistent Danny Makkelie, der in dieser Funktion auch bei der Weltmeisterschaft in Russland im Einsatz war, fiel das bei der Überprüfung der Szene am Bildschirm auf. Es kam deshalb zu einer Kontaktaufnahme mit dem Spielleiter und daraufhin zu einem On-Field-Review durch den Referee am Spielfeldrand. Van den Kerkhof annullierte schließlich den Treffer für die Hausherren und entschied stattdessen auf Strafstoß für die Gäste. Sam Lammers traf vom Punkt, und statt 3:1 endete die Begegnung 2:2.

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Vorbildliche Transparenz

Ein Video, das der niederländische Fußballverband KNVB auf seinem YouTube-Kanal veröffentlicht hat, dokumentiert den gesamten Prozess der Entscheidungsfindung in Wort und Bild. Aufgenommen wurde es im Videokontrollraum, zu sehen sind nicht nur mehrere Wiederholungen der Szene, sondern auch Makkelie und dessen Assistent bei der Arbeit.

Man hört die Kommunikation mit dem Schiedsrichterteam. Dadurch wird deutlich, wie der Unparteiische die Situation wahrnimmt, warum der Videoassistent interveniert, welche Bilder der Referee auf dem Monitor am Spielfeldrand zu sehen bekommt und weshalb er schließlich auf Elfmeter entscheidet. Eine vorbildliche Transparenz.

Makkelie hält sich dabei strikt an die Richtlinien für die Videoassistenten, die das International Football Association Board (Ifab) festgelegt hat. Schon während des Konters von Vitesse, der mit dem später aberkannten Tor endet, überprüft er die Szene im Strafraum der Gastgeber, während sein Assistent den weiteren Spielverlauf verfolgt.

"Hast du das Festhalten gesehen?"

Dabei sieht Makkelie, wie Clarke-Salter nach einer Freistoßflanke in den Strafraum der Arnheimer seinen Heerenveener Gegenspieler am Trikot zieht und dieser, als der Ball in der Nähe ist, zu Boden geht. Eine Szene, in der vieles für einen Strafstoß spricht. Makkelies Kollege auf dem Feld hat jedoch weiterspielen lassen.

Das Ifab-Protokoll sieht in solchen Fällen vor, dass der Videoassistent zunächst seine Wahrnehmung mit der des Unparteiischen abgleicht. Dazu kommt es, als das Spiel wegen des Tors ohnehin unterbrochen ist. "Vor dem Tor gab es im Strafraum ein Festhalten", sagt Makkelie zu van den Kerkhof. "Meine Frage an dich ist: Hast du das Festhalten gesehen?" Der Referee erwidert: "Ich habe gesehen, dass sie beide" - gemeint sind Clarke-Salter und sein Gegenspieler van Amersfoort - "zu Boden gegangen sind. Ich weiß aber nicht, wer wen festgehalten hat."

Damit ist klar, dass der Schiedsrichter die Situation nicht vollständig wahrgenommen hat - kein Wunder angesichts des Gedränges im Strafraum nach der Freistoßflanke. Hätte van den Kerkhof mitgeteilt, dass er das Halten gegen van Amersfoort eindeutig gesehen habe, es für ihn aber nicht ursächlich für den Sturz des Spielers gewesen sei, dann hätte Makkelie laut Protokoll keine weiteren Schritte unternehmen sollen.

Entscheidung am Spielfeldrand

Denn völlig abwegig wäre diese Einschätzung nicht gewesen. Da der Referee aber eingeräumt hat, den Zweikampf nicht gänzlich erfasst zu haben, empfiehlt ihm der Videoassistent nun, sich selbst ein Bild zu machen: "Ich schlage vor, dass du dir das im On-Field-Review anschaust."

Als van den Kerkhof vor dem Bildschirm an der Seitenlinie steht, spielt Makkelie ihm die maßgeblichen Bilder ein und beschreibt, was sie zeigen: "Die Nummer 14 hält das Trikot der Nummer 19 fest, hält es immer noch fest, hält es immer noch fest. Jetzt geht das Trikot nach oben, jetzt geht das Trikot nach oben. Und da kommt auch der Ball. Du entscheidest. Er hält deutlich das Trikot fest. Es ist an dir."

Der Unparteiische bittet darum, die Szene aus einem weiteren Blickwinkel sehen zu können. Der Videoassistent zeigt sie ihm und rät ihm schließlich, einen Strafstoß zu geben. Van den Kerkhof stimmt zu, geht aufs Feld zurück und zeichnet die Umrisse eines Monitors in die Luft - das bekannte Signal, dass eine Entscheidung geändert wird.

Bemerkenswert sind die Ruhe und die Präzision, mit denen die Videoprüfung und das Review in einer besonders heiklen, spielentscheidenden Situation kurz vor Schluss abgelaufen sind. Beachtlich ist aber auch, dass der KNVB nicht nur diese Entscheidung dokumentiert hat, sondern regelmäßig Videos von Spielszenen veröffentlicht, in denen es zu einem Zusammenwirken von Schiedsrichter und Videoassistent gekommen ist.

Derartige Offenheit für die Bundesliga "im Moment nicht" geplant

Der Grund liegt auf der Hand: Durch Transparenz soll die Akzeptanz des Videobeweises in der Öffentlichkeit verbessert werden. Beim DFB dagegen hat man sich bislang nicht zu einer solchen Offenheit entschließen können. Zwar werden Eingriffe der Videoassistenten regelmäßig auf der Website des DFB erklärt, aber an eine öffentliche Dokumentation ist nicht gedacht.

"Zumindest im Moment nicht", wie Jochen Drees erklärt, der Projektleiter für die Videoassistenten. Man beobachte das niederländische Modell genau und werde besprechen, ob es auch für die Bundesliga in Frage kommt. "Vorher müssten aber noch einige Unwägbarkeiten geklärt werden, darunter auch sportrechtliche Fragen, die sich aus der Veröffentlichung der Kommunikation im Schiedsrichterteam ergeben", so Drees.

Eine erste Ausnahme machte der DFB kürzlich in Berlin bei einer Regelschulung für Journalisten: Dort wurden mehrere Spielszenen, in denen es zu einem Eingriff des Videoassistenten kam, in Bild und Ton gezeigt. Das mediale Echo darauf war durchweg positiv.

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