Fan-Gewalt Polizei soll Randalierer mit Drohnen überwachen

Sachsen gegen Hooligans: Das Innenministerium will gewaltbereite Fußballfans künftig mit unbemannten Aufklärungsflugzeugen beobachten. Die Aktion ist Teil eines neuen Maßnahmenkatalogs - der gleich mehrere umstrittene Ideen enthält.


Hooligan-Angriffe auf die Polizei in Dresden, gleich zwei bewaffnete Überfälle auf Weihnachtsfeiern rivalisierender Fans in Leipzig: Was im Freistaat Sachsen allein in den vergangenen vier Wochen im Zusammenhang mit Fußballgewalt passierte, stellt die Bilanz aller anderen Bundesländer in den Schatten.

Randalierende Fußballfans: In Zukunft aus der Luft gefilmt
DPA

Randalierende Fußballfans: In Zukunft aus der Luft gefilmt

Die Politik bemüht sich zu zeigen, dass sie noch Herr der Lage ist. "Wenn wir gemeinsam mit den Vereinen die Ausschreitungen bei Fußballspielen nicht in den Griff kriegen, befürchte ich einen weiteren Imageverlust für Sachsen und die Nichtberücksichtigung bei der Vergabe von internationalen Spielen", sagte Innenminister Albrecht Buttolo (CDU).

Um das zu verhindern, werde man künftig noch massiver gegen die Gewalttäter vorgehen. So soll eine sogenannte Drohne angeschafft werden. Eine ziemlich spektakuläre Maßnahme, wenn es um Fußball geht: Drohnen, mit Videokamera versehene unbemannte Aufklärungsflugzeuge, werden normalerweise vom Militär genutzt, beispielsweise zur Feindbeobachtung. Bei der Bundeswehr kamen diese Drohnen im Kosovo-Krieg zum Einsatz.

Dass man demnächst auf eine Drohne zurückgreifen könne, habe die Polizei in Leipzig "auch erst heute Morgen erfahren", sagte Sprecher Andreas Loepki zu SPIEGEL ONLINE. "Wir werden die aber gegebenenfalls natürlich einsetzen." Erfahrungen mit der neuen Gerätschaft hat man bisher in Leipzig nicht. Wie andernorts auch setzte man bei Bedarf Hubschrauberstaffeln ein.

Der Rest des martialisch anmutenden Maßnahmekatalogs entpuppt sich allerdings bei genauerem Hinsehen als Aufzählung von Maßnahmen, die bereits durchgeführt werden. Zivilbeamte werden schon lange flächendeckend eingesetzt, das Gleiche gilt für die "gemeinsamen Sicherheitsberatungen" zwischen Polizei, Vereinen und Verbänden. Zudem sollen alle 500 im Lande registrierten Hooligans Meldeauflagen bekommen. Auch das wurde bereits während der WM exerziert.

Ein weiteres Problem: Die beiden Überfälle von Leipzig wurden nicht von erfassten Hooligans, sondern von Fangruppierungen aus dem Ultraspektrum begangen. Und das völlig unabhängig von einem Spieltag - Meldeauflagen hätten hier also auch nicht gegriffen. Auch die propagierte "konsequente Erteilung von Stadionverboten" lässt Fragen offen. So ist sie nicht viel mehr als ein Eingeständnis, dass die Erteilung bislang inkonsequent war. Das allerdings wäre verwunderlich, alleine bei Dynamo Dresden haben etwa 450 Personen bereits jetzt Stadionverbot.

Ebenfalls gut gemeint, aber wirkungslos dürfte die begleitende Imagekampagne fallen. Fünf Spieler der maßgeblichen sächsischen Vereine posieren da auf einem Poster mit dem Slogan "..dann zieh unser Trikot aus". Egal, ob die Gewalttäter aus dem Hooligan- oder aus dem Ultraspektrum kamen - Trikots tragen weder die einen noch die anderen. Und Spieler sind für beide Gruppierungen keine Autoritätspersonen, sondern potenzielle Fahnenflüchtige, die beim nächstbesten Angebot den Verein wechseln.

Ministeriumssprecher Steffen Große bestätigt jedoch auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass zusätzlich zu dem Arsenal an repressiven Maßnahmen eine alte Forderung der kritischen Fanszene umgesetzt wird. 300.000 Euro aus Landesmitteln will die sächsische Landesregierung künftig in Fanprojekte investieren. Bislang hatte sich das CDU-geführte Sachsen hartnäckig geweigert, die sozialarbeiterisch tätigen Einrichtungen nachhaltig mit zu finanzieren. Dass der Sinneswandel tatsächlich ein Sinneswandel ist, dementiert man allerdings im Innenministerium: "Uns war schon immer bewusst, dass man neben der Repression auch präventiv arbeiten muss", so Große. Die entscheidende Initiative, dem Bewusstsein endlich auch Taten folgen zu lassen, sei indes von Klaus Reichenbach, dem Präsidenten des sächsischen Fußballverbandes, gekommen. "Wir haben das Geld dann beschafft."

Christian Kabs vom Dresdner Fanprojekt zeigte sich dann auch einigermaßen überrascht, als er von SPIEGEL ONLINE auf den nahenden Geldsegen angesprochen wurde. Die Nachricht aus dem Innenministerium, die Sprecher Große als "taufrisch" bezeichnete, war offenbar so brandneu, dass sie auch die Betroffenen überraschte. "Das ist natürlich eine tolle Sache, dass da Einsicht eingekehrt ist", sagt Kabs, "dafür haben wir schließlich jahrelang gekämpft".

Noch Ende Dezember hatte man den dritten Mitarbeiter des Fanprojektes verabschieden müssen. Sein Vertrag konnte nicht verlängert werden, da das Land ein Modellprojekt auslaufen ließ und seine Unterstützung komplett strich. Der Kollege war unter anderem für die gewaltpräventive Arbeit an Schulen zuständig. Ein Bereich, der bislang wegzufallen drohte. Vielleicht könne man sich also künftig wieder verstärkt der Arbeit mit den 12- bis 16-Jährigen widmen, so Kabs. "Ich glaube das alles aber erst, wenn ich es schwarz auf weiß vor mir sehe."



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Seite 1
Knorpsl, 14.01.2008
1. Das ist sie: Die Zukunft der Polizeiarbeit
Hunderttausende in Videotechnik investieren und das Geld durch Stellenstreichung einsparen. Tolle Sache: irgendwann marschieren die Hooligangs gänzlich ohne Polizeipräsenz durch die Straßen - aber dafür hat man super Videobilder. Hervorragende Leistung, meine Herren Innenminister. Daran erkennt man wahren Sachverstand.
vhf 14.01.2008
2.
Zitat von sysopSachsens Polizei soll mit zusätzlich 300.000 Euro im Bereich der Videotechnik aufgerüstet werden. Auch wird eine sogenannte Drohne, eine "fliegende Kamera" angeschafft, die bei Fußball-Krawallen für beweissichere Bilder sorgen soll. Können Drohnen Ihrer Meinung nach vor Randalen schützen oder wird hier nur unnötig Geld verbrannt?
Ich denk nicht dass so ein Teil Vorteile gegenueber einem Hubschrauber hat. Radar-Unsichtbarkeit ist irrelevant und ein Abschussrisiko besteht sicher auch nicht. Aber vielleicht ist sie ja billiger als ein zusaetzlicher Hubschrauber. Was vielleicht eher helfen wuerde waere, wenn die Uebergriffe der Fans dazu fuehren, dass die Mannschaften nicht mehr spielen duerfen. Dann hat jede Mannschaft ein wirtschaftliches Interesse an friedlichen Fans, der Staat als Steuerempfaenger auch und wenns um Geld geht, tut sich meist auch was.
P-Berg, 14.01.2008
3.
Zitat von sysopSachsens Polizei soll mit zusätzlich 300.000 Euro im Bereich der Videotechnik aufgerüstet werden. Auch wird eine sogenannte Drohne, eine "fliegende Kamera" angeschafft, die bei Fußball-Krawallen für beweissichere Bilder sorgen soll. Können Drohnen Ihrer Meinung nach vor Randalen schützen oder wird hier nur unnötig Geld verbrannt?
Konnten die Videokameras und die Aufnahmen der (verhinderten) Kofferbomber diese im Sommer 2006 stoppen ? Was für eine grandiose Geldverschwendung !
Kassian 14.01.2008
4.
Ich würde eben die Fußballspiele der betreffenden Clubs ganz streichen, immer wieder hört man nur Namen wie Lok Leipzig etc. Müssen wir wirklich mit Steuergelder dafür bezahlen das Polizeischutz (wieviele waren das zuletzt, 3000 Mann bei einem Kreisligaspiel?) verhindert das diese Chaoten sich die Köpfe einschlagen? Aber wir sind ja im Aufschwung, wir haben ja das Geld. P.S.: mir ist wohlbewusst das die wahren Fans nicht mit der Minderheit der Krawallbrüder gleichgesetzt werden darf, aber wir wollen hier doch wirklich keine italienischen Verhältnisse oder?
Der zu spät geborene, 14.01.2008
5.
Zitat von vhfIch denk nicht dass so ein Teil Vorteile gegenueber einem Hubschrauber hat. Radar-Unsichtbarkeit ist irrelevant und ein Abschussrisiko besteht sicher auch nicht. Aber vielleicht ist sie ja billiger als ein zusaetzlicher Hubschrauber. Was vielleicht eher helfen wuerde waere, wenn die Uebergriffe der Fans dazu fuehren, dass die Mannschaften nicht mehr spielen duerfen. Dann hat jede Mannschaft ein wirtschaftliches Interesse an friedlichen Fans, der Staat als Steuerempfaenger auch und wenns um Geld geht, tut sich meist auch was.
Naja, die Vereine rufen ja nicht zur Gewalt auf. Ich finde es schon ziemlich seltsam wie die "Staatsmacht" vor den Typen kapituliert. Aber den Bauern, die als Endlagergegner im Wendtlandt protestierten, die Rücklichter am Bulldog mitm Schlagstock zerschlagen, das koennen die Typen. Oder festgekettete Asylbewerber in der gekachelten Zelle verbrennen lassen. Erbärmlich. Aber den Bürger schützen? Man schaue zu den Maikrawallen in Berlin, wo die Damen und Herren in Grün oft tatenlos zusehen wie Bürgern Eigentum vernichtet wird. Oder die Szene während des G8 Gipfels, als ein Hauseigentümer eine ganze Hundertschaft erst anbrüllen musste, um das Demolieren seines Gartenzauns zu beenden. Da ist dann im zweifelsfall natürlich die Gesundheit der Beamten vorrangig. Wozu gibts die Polizei eigentlich? Diese Leute begehen delikte wie Sachbeschädigung,Diebstahl, Körperverletzung und die Polizei kann "die Identität einiger Täter" feststellen? Und was macht die Justiz? Schickt die "Jungs" in den Streichelzoo oder was?
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