Fan-Gipfel in Berlin Alle wollen reden, doch keiner weiß, mit wem

Der Gipfel zum DFL-Konzeptpapier "Sicheres Stadionerlebnis" hat deutlich gemacht: Alle Seiten sind um eine Einigung bemüht, doch niemand weiß wirklich, wie sie erzielt werden kann. Zu verhärtet sind die Fronten zwischen Fans und Verbänden, zu unklar die Zuständigkeiten und Kommunikationswege.
Fan-Kongress in Berlin: Suche nach Gesprächen

Fan-Kongress in Berlin: Suche nach Gesprächen

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Am Ende wirkten alle etwas abgekämpft. Ein Tag voll langwieriger Gespräche und Debatten lag hinter den rund 250 Fans und Fanvertretern aus 49 Vereinen. Allein die Diskussion und Abstimmung um die genaue Formulierung jedes Satzes der Abschlusserklärung hatte mehr als zwei Stunden gedauert. Doch es hat sich gelohnt: Das zweiseitige, hart erarbeitete Dokument ist immerhin ein handfestes Ergebnis des Fan-Gipfels zum Thema Gewalt in Berlin. Konkrete Beschlüsse oder Maßnahmen wurden allerdings nicht getroffen.

Doch das war auch nicht Sinn und Zweck der Veranstaltung - so weit ist man noch lange nicht. Vielmehr ging es darum, die verfahrenen Fronten zwischen Liga-Verantwortlichen und Fans etwas aufzuweichen und miteinander ins sachliche Gespräch zu kommen. Es ging um "verbale Abrüstung", wie es der designierte Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) Andreas Rettig formulierte. Kurzentschlossen hatte er bei den Organisatoren um eine Teilnahme gebeten. Ein wichtiges Zeichen.

Denn zentraler Punkt des Kongresses war das DFL-Konzeptpapier zum "Sicheren Stadionerlebnis", dessen ersten Entwurf mehrere Vereine abgelehnt hatten. Das 32-seitige Positionspapier war nach dem Sicherheitsgipfel im Juli und der Innenministerkonferenz von DFL und DFB erarbeitet worden und beinhaltet unter anderem einen Strafenkatalog für gewalttätige Fans.

Kritik am Sicherheitspapier der DFL

Politik und Polizei hatten sich allerdings - angeblich, weil sie nicht eingeladen worden waren - nicht um eine Teilnahme an dem Kongress bemüht. Sehr zum Unmut der Anwesenden. "DFB- und DFL-Vertreter haben gezeigt, dass man keine Einladung brauchte. Alle hätten kommen können", sagte Christian Arbeit, Sprecher des gastgebenden 1. FC Union Berlin. Hinter vorgehaltener Hand kommentierte ein Teilnehmer: "Die Staatsvertreter müssen endlich kapieren, dass Dialogfähigkeit nicht heißt, sich immer dann ein Mikrofon zu suchen, wenn man mal wieder eine Hardliner-Forderung verkünden möchte."

Die Dialogbereitschaft ihrerseits hielten die Fans in dem Dokument fest, ebenso ihre Entschlossenheit, auf demokratischem Weg an Entscheidungsprozessen der DFL teilzunehmen. Zudem fordern sie die Politik in dem Papier auf, "den Fußball nicht zu benutzen, um von politischen Versäumnissen in anderen Bereichen abzulenken". Am Thema Fußball "ein Exempel zu statuieren und den Vereinen die Lösungen höchst komplizierter sozialer Probleme abzuverlangen", sei "in höchstem Maße unfair und ebenso kurzsichtig", heißt es weiter.

Auch die Diskussionen in Berlin machten wieder klar: Die Fans fühlen sich übergangen und ausgeschlossen - und sehen sich zudem mit Drohgebärden wie der Abschaffung der Stehplätze konfrontiert. Auf dieser Basis habe das DFL-Sicherheitspapier ihrer Ansicht nach keine Erfolgschance. Ursprünglich wollte die Liga am 12. Dezember über ihr Konzept abstimmen. Schon vor dem Gipfel hatten Fans und Vereine deutlich gemacht, dass dieser Termin aus ihrer Sicht nicht einzuhalten sei. Zu wenig seien sie daran beteiligt, zu wenig Mitspracherecht werde ihnen eingeräumt.

Rettig: "Fehler beim Transport der Botschaft"

"Dieses Papier sollte in die Tonne gekloppt werden. Es darf keine Abstimmung geben, da dieses Konzept keine Akzeptanz hat. Man sollte bei null anfangen", sagte Sven Brux, Sicherheitsbeauftragter des FC St. Pauli. Seiner Ansicht nach hat die Gewalt in den Stadien nicht grundsätzlich zugenommen: "Wenn es so viel Gewalt gäbe, wie behauptet, könnten wir dann die höchsten Zuschauerzahlen in Europa haben, die dazu auch noch ständig steigen? Wären die Stadien unsicher, würden die Leute wegbleiben."

Diese Meinung teilen zahlreiche Fans: Mehr als 20.000 Anhänger unterschiedlicher Vereine haben sich bereits in eine Liste eingetragen, die seit kurzem von der Dortmunder Fan-Initiative "Ich fühl' mich sicher"  ins Internet gestellt wurde. Mit der Aktion wollen sie deutlich machen, dass sie keine Angst haben, ins Stadion zu gehen und die Gewaltdebatte in ihren Augen überzogen ist.

Dennoch konnte das Thema Gewalt angesichts der jüngsten Vorfälle beim Revierderby zwischen Schalke und Dortmund und den Randalebildern vom Pokalspiel von Dynamo Dresden in Hannover nicht komplett ausgeblendet werden. Fanforscher Jonas Gabler glaubt, wer Gewalt beim Fußball suche, werde sie dort auch finden - oder provozieren können: "Aus meiner Sicht wäre es daher wünschenswert, wenn es endlich zu einer sachgerechten Debatte über Gewalt in der Gesellschaft und im Fußball kommen würde", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Wenngleich an diesem Abend alle um den offenen Dialog bemüht waren, wurde erneut deutlich, dass es zwischen Liga und Fans erhebliche Kommunikationsprobleme gibt - DFL-Mann Rettig bezeichnete dies als gegenseitige "Wahrnehmungsfehler" oder "Fehler beim Transport der Botschaft". Gabler sagte: "Es ist klarer als je zuvor, dass es einen riesigen Diskussionsbedarf gibt. Völlig unklar aber ist, wer am Ende über das konkrete Vorgehen im Bereich Sicherheit beim Fußball die Entscheidungsgewalt hat."

Wahrscheinlich war diese Erkenntnis die wichtigste des Gipfels: Alle wollen reden, doch keiner weiß, mit wem.

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