Fan-Krawalle in Dresden Ignoranz, Schuldzuweisungen, Hilflosigkeit

Schwerer Vorwurf am Tag nach der Fan-Randale von Dresden: Die Straßenschlachten hätten durch eine Verlegung des Fünftliga-Spiels Dynamo Dresden gegen Lok Leipzig verhindert werden können. Polizei, Verband und Vereine schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

In Dresden geht der Schwarze Peter um. Nach den Krawallen im Anschluss an das Derby zwischen Dynamo und Lok Leipzig besteht die Aufarbeitung zu großen Teilen aus Ignoranz, Verleugnung und Schuldzuweisungen. Den schärfsten Vorwurf erhebt dabei Lok-Präsident Steffen Kubald. "Die Eskalationen hätten verhindert werden können, wenn der sächsische Fußballverband einer Verlegung des Spiels zugestimmt hätte", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Der DFB habe einen Vorschlag der Leipziger an den Sächsischen Fußball-Verband (SFV) herangetragen, das Heimrecht zu tauschen und das Spiel auf den Samstag ins Leipziger Zentralstadion zu verlegen. Für diesen Tag war das Traditionsderby der Dresdner Regionalliga-Mannschaft gegen Union Berlin terminiert, ebenfalls ein Spiel der höchsten Sicherheitsstufe. Doch der Sächsische Fußball-Verband lehnte laut Kubald diesen Vorschlag mit der Begründung ab, "dass sonst der Spielplan durcheinander kommt. Außerdem sei eine Fantrennung im Rückspiel dann nicht zu gewährleisten, weil zu dieser Zeit das Dresdner Stadion neu gebaut wird".

SPIEGEL ONLINE wollte den Sicherheitsbeauftragten des Sächsischen Fußball-Verbandes, Udo Ueberschär, mit diesem Vorwurf konfrontieren. Dieser zeigte sich jedoch nicht gesprächsbereit. "Ich habe heute den ganzen Tag zu tun, kann nicht mit Ihnen sprechen", sagte er am Telefon. Auf Nachfrage, dass es doch von öffentlichem Interesse sei, wenn 600 Fußballfans am Rande einer Fünftliga-Begegnung randalieren, erwiderte er: "Das ist ihre Meinung. Rufen Sie die Pressestelle des Verbandes an."

Dort wird man beim Stichwort "Randale" direkt an SFV-Präsident Klaus Reichenbach verwiesen. Warum der Verband einer Verlegung nicht zugestimmt habe? "Da lach ich mich kaputt", sagt Reichenbach zu SPIEGEL ONLINE. Sein Verband habe sehr wohl im Vorfeld der Partie bei der Polizei angefragt, ob man das Heimrecht tauschen soll. "Die Polizei hat gesagt, dass sie auf die Situation mit zwei Spielen an einem Wochenende in Dresden eingestellt sei und dass die Spiele wie angesetzt durchgeführt werden sollen", so Reichenbach. Ohnehin sei eine Verlegung keine Lösung, schließlich stünden immer wieder brisante Paarungen auf dem Spielplan: "Irgendwann müssen die Spiele ja ausgetragen werden."

"Vielen ging es um bloße Gewalt"

Auch Dynamo Dresden reklamiert die Idee der Spielverlegung für sich. Markus Hendel, Interims-Sicherheitsbeauftragter der Dresdner: "Wir haben den Vorschlag gemacht, das Heimrecht der zweiten Mannschaft zu verlegen, um Brisanz aus dem Leipzig-Spiel zu nehmen." Er bestätigt, dass die Polizei "aus logistischen Gründen" kein Interesse an dieser Maßnahme hatte. Logistische Gründe?

Eine Nachfrage bei der Polizei in Dresden bringt letztlich etwas Licht ins Dunkel: "Wenn beide Spiele an einem Tag ausgetragen worden wären, hätten wir unsere Kräfte auf beide Partien verteilen müssen", so Dresdens Polizeipressesprecher Thomas Herbst. "Zeitgleich mit dem Spiel der ersten Mannschaft hätte sich kein Dynamo-Fan für unsere Partie interessiert und es wäre bestimmt ruhig geblieben", so Kubald. Herbst hält dagegen: "Vielen ging es gar nicht um das Fußballspiel, sondern um bloße Gewalt. Dann hätte es die Ausschreitungen eben schon einen Tag früher gegeben."

Eines eint an diesem Tag sowohl die Polizei, als auch den Verband und die Vereine: Sie wissen nicht, wie das Problem gelöst werden soll. Selbst das sächsische Innenministerium macht aus der Hilflosigkeit keinen Hehl: "Solange ein solcher Aufwand nötig ist, um diese Veranstaltungen durchzuführen, werden wir das gewährleisten", so Pressesprecher Andreas Schumann. An Adhoc-Maßnahmen sei das Innenministerium nicht interessiert. "Es bringt nichts, jetzt mit einer gewissen Polemik schnelle Lösungen zu finden."

Fanprojekt contra Fußballverband

Die Höhe der horrenden Kosten, die der Einsatz der rund 1300 Polizeibeamten verursacht hat, beträgt geschätzte 450.000 Euro. "Unsere Beamten müssen ja sowieso bezahlt werden, ob sie nun an diesem Wochenende im Einsatz sind oder nicht", wiegelt Schumann ab. "Das ist unfassbar, wenn man sich überlegt, in welcher Liga wir uns bewegen und welcher Aufwand betrieben werden muss", sagte der Präsident des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes (NOFV), Hans-Georg Moldenhauer, der zugleich DFB-Vizepräsident ist.

Vielleicht wäre es sinnvoll, einen Teil dieses Betrages in präventive Fanarbeit zu stecken. Ob mit dem Geld dort allerdings sinnvoll gearbeitet wird, daran zweifelt Verbandspräsident Reichenbach: "Dresden erhält 240.000 Euro für die Arbeit mit den Fans. Wir müssen uns schon hinterfragen, warum sich noch so wenig bewegt."

Konfrontiert mit dieser Aussage verschlägt es Dresdens Fanprojektmitarbeiter Torsten Rudolph fast die Sprache: "Mal abgesehen davon, dass die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, nicht halb so hoch sind wie die Zahl, die Herr Reichenbach nennt, führt er unsere Arbeit der letzten zwei Jahre damit ad absurdum." Drei Mitarbeiter versuchen seit Anfang 2005 in Dresden eine sozialpädagogische Fanarbeit aufzubauen. "Natürlich geht das nicht von heute auf morgen, aber unsere Arbeit zeigt die ersten Erfolge, gerade was Prävention bei Jugendlichen betrifft", so Rudolph.

Ob der erfolgreiche Weg allerdings in dieser Form weiter beschritten werden kann ist fraglich. Denn ausgerechnet die Politiker im Land Sachsen, das maßgeblich die Kosten für die Polizeieinsätze trägt, denken offenbar über eine Kürzung der Fördergelder für das Fanprojekt nach. "Es sieht so aus, als würde uns im kommenden Jahr mehr als ein Drittel der Zuschüsse fehlen. Dann müssten wir uns von einem Mitarbeiter trennen", so Rudolph, der sich dennoch nicht am Schwarze-Peter-Spiel beteiligen will. "Es wird Zeit, dass wir endlich alle an einem Strang ziehen. Diese ständigen Schuldzuweisungen helfen keinem."

Hoffentlich findet dieser Appell schnell Gehör. Am Mittwoch spielt Dynamo Dresden im Sachsenpokal in Leipzig - allerdings bei Sachsen II. Auch dieses Spiel wird wieder von einem Großaufgebot der Polizei abgesichert.

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