Lebensgefährliche Attacke auf Fortuna-Fan "Ich schlag den auch noch tot!"

Er wollte ein Fußballspiel seiner Fortuna Düsseldorf sehen - und landete mit schweren Schädelverletzungen auf der Intensivstation. Zehn junge Männer prügelten einen Fortuna-Anhänger im Stadion fast zu Tode. Der Ordnungsdienst war über die Gewalttäter informiert, hatte aber keine Zeit einzugreifen.
Schläger-Opfer O.: Wut auf den Ordnungsdienst

Schläger-Opfer O.: Wut auf den Ordnungsdienst

Foto: SPIEGEL ONLINE

Nachts sind sie da. Sie stehen an der Bettkante, starren ihn gesichtslos an, so lange, bis er schweißgebadet aufwacht. Bevor er wieder einschlafen kann, leuchtet er das Zimmer mit dem Licht seines Handys aus, jede Ecke. Da sind keine Männer. Sie sind in seinem Kopf, die ganze Zeit.

Es war der 20. Oktober, der FC Bayern zu Gast bei Bundesliga-Aufsteiger Fortuna Düsseldorf. Obi, er möchte bei seinem Spitznamen genannt werden, stand im Stadion, wie immer auf der Südtribüne bei den Fortuna-Ultras. Zur Halbzeit lag sein Club schon 0:2 zurück, drei Bayern-Tore sollten noch folgen. Die Stimmung unter den Fans war trotzdem gut. Nur in Block 154, oben bei den Sitzrängen, suchten zehn junge Männer Ärger. Sie pöbelten Zuschauer an, warfen mit Essen und Getränkebechern. Obis Freundin, die getrennt von ihm in diesem Block saß, und andere Zuschauer fühlten sich belästigt und bedroht.

"Sie schrieb mir eine SMS, dass sie sich unwohl fühle. Ich bat sie, nach dem Spiel im Block zu warten, ich würde sie abholen", sagt Obi. Eine Entscheidung, die ihn fast das Leben gekostet hätte.

"Kommt raus, ich schlag den auch noch tot!"

Seine Freundin zeigte ihm die Krawallmacher, die gerade den Block verlassen wollten. Am Ende der Treppe sprach Obi einen von ihnen an, sagte "dass man sich bei uns im Stadion ordentlich benimmt". Kaum ausgesprochen, stürzten sich zwei andere aus der Gruppe auf ihn und prügelten ihn zu Boden. Sie hielten seine Arme auf dem Rücken fest, während der Dritte ihm ins Gesicht und auf den Kopf trat. Mit gezielten Kniestößen zertrümmerte er Obi den Schädel.

Kein Polizist oder Ordner hatte die Szene beobachtet, Obis Freunde halfen dem Verletzten und kümmerten sich zunächst nicht um die Täter. Die konnten das Stadion so unbehelligt verlassen. Zeugen sagten später aus, einer der Schläger habe noch in den Durchgang zum Innenraum gerufen: "Kommt raus, ich schlag den auch noch tot!"

Obis Zustand verschlechterte sich schnell, kurze Zeit später verlor er das Bewusstsein. Zwei Notärzte kämpften bis zum Eintreffen in der Uni-Klinik um sein Leben. In einer Notoperation wurde ihm der zerstörte Stirnknochen weggefräst und durch eine Titanplatte ersetzt. Obi überlebte, aber ob er wieder ganz gesund wird, ob er seinen Beruf als Logistiker wieder ausüben kann, niemand kann es sagen.

Täter verrieten sich auf Facebook

An einer Krücke geht der 33-Jährige durch die Düsseldorfer Altstadt, auf dem Kopf eine Mütze, die mittlerweile zu seinem ständigen Sicherheitshelm geworden ist - gegen die unerträglichen Kopfschmerzen wegen der kaputten Nerven. Er fühlt sich nicht wohl, viele Menschen auf unkontrollierbarem Raum machen ihm Angst. Er traut sich nur dorthin, wo er das Publikum kennt. In der Kneipe "Tills" setzt er sich mit dem Rücken zur Wand.

Nein, auf die Schläger sei er eigentlich nicht mehr wütend, das habe gar keinen Sinn, sagt er. Zwei Täter konnten wenige Wochen nach der Attacke identifiziert werden, die organisierte Fanszene und der Verein hatten mit Flugblättern, auf der Stadionleinwand und im Internet nach ihnen gesucht. Am Ende verriet sich einer der Täter in einem Fan-Forum auf Facebook selbst, weil er den Vorfall schilderte, wie ihn nur ein unmittelbar Beteiligter erlebt haben konnte. Gegen zwei Haupttäter läuft eine Anklage, doch bis es zum Prozess kommt, wird noch einige Zeit vergehen.

"Wenn sie nach dem Jugendstrafrecht verurteilt werden, haben sie kaum etwas zu befürchten", sagt Obi. Er geht davon aus, auch erst einmal auf den Prozesskosten von geschätzten 20.000 Euro sitzen zu bleiben, "das sind Geringverdiener oder Arbeitslose", sagt er. Seine Wut richtet sich mittlerweile gegen eine andere Gruppe: den Düsseldorfer Ordnungsdienst Klüh.

Die Schläger gehören nicht zur organisierten Fanszene

Die Schläger gehören zu keiner Fangruppe der Fortuna, sie waren in der Anonymität der seit dem Aufstieg rasant gewachsenen Anhängerschaft ins Stadion gekommen, schon bei einem vorherigen Spiel waren sie auffällig geworden. Auch während der Partie gegen die Bayern war der Ordner am Block 154 einige Male von mehreren Zuschauern auf die Störer hingewiesen worden. Doch er schritt nicht ein, verständigte auch nicht die Polizei. "Und nach dem Spiel war er sofort weg", sagt Obi.

Seit dem Platzsturm im Relegationsspiel gegen Hertha BSC wird dem Düsseldorfer Ordnungsdienst vorgeworfen, seine Arbeit nicht sorgfältig zu machen. "Für deren Stundenlohn wollte ich mich auch nicht freiwillig in Gefahrensituationen begeben", sagt Obi. Dass er wegen der mangelhaften Arbeitseinstellung anderer beinahe gestorben wäre, will er aber nicht hinnehmen. "Ich überlege, gegen Klüh rechtliche Schritte einzuleiten."

Mit den Vorwürfen konfrontiert, sagt ein Sprecher der Sicherheitsfirma SPIEGEL ONLINE: "Wir können leider nicht widerlegen, dass der angesprochene Ordner nicht reagiert hat." Laut Einsatzprotokoll hätten mehrere Ordner kurz vor Abpfiff an Block 158  eine Auseinandersetzung schlichten müssen und deshalb nicht für andere Blöcke zur Verfügung gestanden.

Massive Kritik am Ordnungsdienst

Doch Obis Anschuldigungen gehen noch weiter. Nachdem er eine halbe Stunde im Stadion medizinisch versorgt worden war, habe ihn der Rettungsdienst zum Krankenwagen bringen wollen. "Ein Zeitraum, in dem jede Sekunde überlebenswichtig war", sagt Obi. Der Ordnungsdienst habe jedoch nicht gewusst, über welchen Weg die Trage mit dem Schwerverletzten transportiert werden sollte. "Weil die sich im Stadion gar nicht auskennen", sagt Obi. Zu diesen Vorwürfen sagt Klüh: "Aufgabe des Ordnungsdienstes ist es, den Abtransport zu sichern, nicht ihn zu führen." Fortuna Düsseldorf wollte sich zu dieser Aussage nicht äußern - muss sich aber der Frage stellen: Was bringt ein Sicherheitsdienst, der die Fluchtwege nicht kennt?

Der Verein ist sich sehr wohl bewusst, dass es Probleme mit dem Ordnungsdienst gibt, man will trotzdem weiter zusammenarbeiten: "Klüh hat einen neuen Einsatzleiter und neues Personal, das besser geschult werden soll. Wir wollen uns gemeinsam weiterentwickeln, zum Beispiel die Meldekette verbessern", sagt der offizielle Fanbeauftrage der Fortuna, Dominik Hoffmeyer. Zudem habe die Sicherheitsfirma ihre Ordnerzahl im Stadion aufgestockt.

"Nach den Aufstiegen in die erste und zweite Liga war keiner auf die rasante Entwicklung der Fan-Anzahl vorbereitet, weder der Ordnungsdienst, noch wir", sagt Hoffmeyer: "Es gibt jetzt viele neue Fans, die dem Verein unbekannt und schwierig einzuschätzen sind." Die Fortuna müsse deshalb neue Organisationsformen für die gewachsene Fanszene finden.

Auch viele der aktiven Fans wünschen sich geordnetere Strukturen. Tim Haberland vom Supporters Club Düsseldorf sagt: "Bei uns sind etwa 4000 Leute gebündelt, die können wir erreichen. Der Rest der Fans ist verstreut. Die Anhänger anderer Vereine sind wesentlich leichter zu greifen." Die Supporters hätten jedoch das Gefühl, dass das bei ihrem Verein gar nicht unbedingt gewünscht sei. "Machmal kann man den Eindruck gewinnen, dass es der Vereinsführung seit dem Aufstieg weniger um die aktiven Fans als ums Wirtschaftliche geht", sagt Haberland.

Obis Leidenschaft für seinen Club hat trotz der Qualen der vergangenen Monate nicht gelitten. "Es wäre die Höchststrafe für mich, nicht mehr ins Stadion zu können", sagt er. Doch noch weiß er nicht, ob er je wieder ein Spiel der Fortuna von einem Stehplatz aus erleben kann, er weiß auch nicht, ob er irgendwann die Antidepressiva absetzen und wieder ein normales Leben führen darf. Klar ist: Solange die Männer in seinem Kopf sind, hat er keine Chance.

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