Fanfreundschaften Die Liebe kommt, die Liebe geht

Ende der 90er Jahre waren Fanfreundschaften der letzte Schrei in den Kurven. Wer nicht mindestens fünf befreundete Clubs vorweisen konnte, galt schnell als kontaktgestört. Und heute? Die Euphorie von einst ist der Ernüchterung gewichen. Das Magazin "11 FREUNDE" zieht Bilanz.

Es geschah beim Ligapokal 2007. Der FC Schalke 04 und der 1. FC Nürnberg kickten eher lustlos gegeneinander, da schallte es plötzlich aus der Nürnberger Kurve: "Ihr werdet nie deutscher Meister." Die Antwort folgte ebenso prompt wie beleidigt: "Ihr seid scheiße wie der BVB!" Was sich für gelegentliche Stadionbesucher anhören mochte wie das übliche Kurvengeplänkel, war tatsächlich ein Fall für die Eheberatung. Schließlich verband Schalker und Nürnberger bis dahin die wohl innigste Fanfreundschaft des deutschen Fußballs.

Fanfreundschaft Schalke - Nürnberg: Szenen einer zerrütteten Ehe

Fanfreundschaft Schalke - Nürnberg: Szenen einer zerrütteten Ehe

Foto: AP

Entstanden war die Beziehung Anfang der 80er Jahre. Wegen eines Missverständnisses hatten sich die Kutten-Träger beider Clubs ausnahmsweise nicht gegenseitig verdroschen, die verdutzten Fans hatten daraufhin voreilig Brüderschaft getrunken. Seither fielen sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit königsblaue und rot-schwarze Anhänger in die Arme und schworen sich mit Tränen in den Augen ewige Zuneigung. Freundschaftsfahnen wurden geschwenkt, Freundschaftsschals gereckt, Freundschaftschoräle geschmettert. Ja, es war Liebe!

Und nun das. Schmähgesänge vom Partner. Enttäuschung, Wut, Trauer, Zorn. Auch Betroffenheit. In den Schalker Fanforen stand anschließend die Mülltrennung hoch im Kurs: "Freundschaft is' für mich vorbei, und der Schal kommt in die Tonne." Szenen einer zerrütteten Ehe. Und kein Einzelfall. Wohin man auch gerade in den Profiligen blickt, überall zerbrechen langjährige Beziehungen, leben sich Traumpaare auseinander, ist Sprachlosigkeit eingekehrt.

Zum Beispiel ist zwischen den Anhängern von Borussia Mönchengladbach und dem FSV Mainz nach langen Ehejahren alles aus. Nicht mehr allzu viel zu sagen haben sich auch Lauterer und Anhänger von 1860 München. Und in Bochum erklärte man schon 2004 wegen jahrelanger Missachtung das Bündnis zu den Anhängern des FC Bayern für beendet. Der Münchner Fanbeauftragte Raimund Aumann reagierte allerdings sehr gelangweilt.

Derlei Szenen waren früher kaum denkbar: In den 90er Jahren verging kaum ein Bundesliga-Spieltag, an dem nicht zwei bislang verfeindete Fankurven plötzlich verkündeten, "in ewiger Treue" zueinanderstehen zu wollen. Fanfreundschaften waren derart hip, dass traditionelle Abneigungen binnen Spielminuten über Bord geworfen wurden und es auf den Stehplätzen plötzlich so harmonisch zuging wie auf dem Eröffnungsgottesdienst eines evangelischen Kirchentages. Fortan bildeten sich die erstaunlichsten Allianzen. Stuttgarter kuschelten mit Leverkusenern, pflegten aber zugleich auch eine Liaison mit den Anhängern von Energie Cottbus. Essener verbrüderten mit Bremern und Bielefelder mit Hannoveranern. Osnabrücker fanden neue Freunde in Wattenscheid. Jeder Topf hat einen Deckel.

So manisch suchten Fankurven in der gesamten Republik nach neuen Partnern, dass die Gemengelage bald unübersichtlich wurde. Bei der Dortmunder Borussia durfte jeder, der wollte. Keine Auswärtsfahrt der Dortmunder Anhänger zu dieser Zeit, ohne dass ihnen am Zielbahnhof einheimische Fans bereits Freundschaftsschals entgegenreckten. Die BVB-Anhänger reagierten angesichts der plötzlichen Zuneigung spontan aufgeschlossen und pflegten in bester Heiratsschwindlermanier freundschaftliche Verhältnisse unter anderem zum SC Freiburg und zu 1860 München. Zuvor hatten die Dortmunder schon mit Rot-Weiss Essen, dem Hamburger SV und SV Darmstadt 98 poussiert.

Damit nicht genug. Laut Holger W. Sitter vom Online-Magazin "Die Kirsche" kursierten in den 90er Jahren obendrein unzählige Freundschaftsschals, die den BVB auf ewig mit Saarbrücken, dem VfB Leipzig, Union Berlin, Hertha BSC, dem FSV Zwickau, dem Karlsruher SC, Juventus Turin und Lazio Rom verband. Der Tiefpunkt: Nach dem Doppelsieg in den europäischen Pokalen 1997 tauchten am Borsigplatz und Schalker Markt gar "Ruhrpott"-Schals in der Trendfarbe schwarz-gelb-königsblau auf.

Ist der Fanfreund meines Fanfreunds auch mein Fanfreund?

Ohnehin brachte die Flut neuer Kumpels schon genug Schwierigkeiten für den ganz normalen Anhänger mit sich. Schließlich galt unter befreundeten Fankurven ein gestrenger Verhaltenskodex. Neben der obligatorischen gemeinsamen Sauferei vor dem Spiel sollten insbesondere die ansonsten durchaus üblichen Schmährufe unterlassen werden. Stattdessen sollte in gemeinsamen Gesängen die dauerhafte Treue zueinander beschworen werden. Was blöderweise nicht nur das Repertoire an Gesängen beängstigend zusammenschrumpfen ließ, sondern auch dafür sorgte, dass sich schnauzbärtige Anhänger, die routiniert den Klassiker "Tod und Hass dem..." anstimmten, plötzlich strafenden Blicken ausgesetzt sahen. Und bald herrschte in den Kurven Verwirrung darüber, ob denn auch die befreundeten Fans der befreundeten Fans nicht angegangen werden durften, um die befreundeten Fans nicht zu verärgern.

Also: Durften Leverkusener Cottbuser beleidigen, obwohl die doch ebenfalls mit den Stuttgartern liiert waren? Eher nicht. Und durften Dortmunder den Bielefeldern ein fröhliches "Ostwestfalen Idioten" entgegenschleudern, wo doch die Arminen wie die Borussen mit den Fans des Hamburger SV partnerschaftlich verbunden waren? Nein, wie unsensibel. Und immer noch ein Problem: Als wären die vielen nationalen Freundschaften nicht schon anstrengend genug, lieferten sich die Dortmunder international auch noch einen gehässigen Zickenkrieg mit den Anhängern des FC St. Pauli, wer denn nun den intensiveren Kontakt zu den Fans des schottischen Renommierclubs Celtic Glasgow pflege. Die St. Paulianer hatten immerhin vorgesorgt und mit dem NAC Breda einen Ausweichclub.

Ende der 90er waren die freundschaftlichen Verflechtungen der deutschen Clubs noch schwerer zu durchschauen als der Stammbaum eines sizilianischen Mafiaclans. Kein Wunder also, dass sich manch ein Fan in die überschaubaren 70er und 80er zurückwünschte. Damals existierten gerade einmal eine Handvoll ernsthafter Verbindungen, die obendrein allesamt auf die gleiche Art und Weise entstanden waren, nämlich durch irrtümlich ausgebliebene Prügeleien. So hatten sich schon 1976 Karlsruher und Herthaner versehentlich einmal nicht gegenseitig verdroschen und das als Zeichen tiefer gegenseitiger Zuneigung missverstanden.

Schalker und Nürnberger hatten sich ganz ähnlich gefunden, und auch das auf den ersten Blick wie ein Duett der Verzweifelten daherkommende Pärchen VfL Bochum und FC Bayern war nur zusammengekommen, weil Bochumer Anhänger anlässlich eines Aufeinandertreffens im Jahre 1973 generös auf Backenfutter für eine bayrische Delegation verzichtet hatten. All diese Verbindungen erfreuten sich anschließend hoher Akzeptanz in den Fankurven, bedeuteten sie nämlich zumindest für eine Partie eine Auszeit von den allgegenwärtigen Hooligan-Hauereien. Und außerdem gab es nach dem Spiel noch einen neuen Freundschaftsaufnäher für die eigene Kutte.

Heutzutage haben sich fast alle Fanfreundschaften überlebt. Zu Recht, finden viele Anhänger schon länger, schließlich geben wüste Beleidigungen und treffende Herabwürdigungen von den Rängen nahezu jedem Fußballspiel erst die richtige Würze. Freundschaftliche Beziehungen zu den Fangruppen von gegenüber, die zu übermäßiger Rücksichtnahme verpflichten, sind da eher hinderlich. Ganz ausgeschlossen ist es allerdings nicht, dass schon bald wieder neue Allianzen und Freundschaften fürs Leben geschlossen werden. Alarmierend allein, dass in einem Dortmunder Fanforum ein Anhänger nicht ausgelacht wurde, der dazu aufrief, Vereine zu nennen, mit denen der BVB in Zukunft freundschaftliche Beziehungen aufnehmen könnte.

Das werden sicher alles langjährige, vertrauensvolle Partnerschaften.

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