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Fankongress 2012 in Berlin: Proseminar ohne Prominenz

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Fankongress in Berlin Wie Gina Wild beim Papst

Der Fankongress 2012 ließ hunderte Fußballanhänger nach Berlin pilgern.  Doch die Bedeutung der Fanbasis scheint noch nicht bei jedem angekommen zu sein: Weder DFB-Präsident Theo Zwanziger noch die Polizei nahmen an den Diskussionen teil.

Solche Bilder wünscht sich die Polizei: Ein Fanbeauftragter des TSV 1860 München steht neben einem Mitglied der FC-Bayern-Ultragruppe "Schickeria". Gladbacher und Kölner Ultras tragen gemeinsam einen Tisch über den Flur. Selbst Fan-Vertreter aus Dortmund und Gelsenkirchen diskutieren miteinander auf dem Flur des Kino Kosmos.

All dies gab es Samstag in Berlin zu bestaunen. Rund 600 Fans aus den unterschiedlichsten Vereinen trafen sich bei Currywurst und Wasser zu einem friedlichen Fankongress. "Wir wollen hier zeigen, dass man mit uns sprechen und diskutieren kann", sagt Simon Müller, Mitglied des Veranstaltungsteams.

Diesem Aufruf folgten neben etlichen Ultra-Gruppierungen auch Wissenschaftler, Vereins- und Verbandsmitglieder sowie Journalisten. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) entsandte seinen Sicherheitsexperten Hendrik Große Lefert sowie seinen Fanbeauftragten Gerald von Gorrissen, die Deutsche Fußball Liga war mit dem Geschäftsführer Holger Hieronymus und dem Fanbeauftragten Thomas Schneider vertreten.

Alle Akteure ließen sich auch bei den schärfsten Diskussionen höflich ausreden, Beleidigungen oder Anfeindungen, wie man sie aus dem Stadion kennt, gab es nicht. Vielmehr wirkte der Fankongress wie ein universitäres Proseminar. Dieses fand seine Fortsetzung sogar noch in den Abendstunden. Als pünktlich um 23 Uhr das Aktuelle Sportstudio im ZDF eine einstündige Themensendungen über Ultras, Fans und Gewalt zeigte, waren beinahe exakt die gleichen Gesprächspartner in Mainz, die nur wenige Stunden zuvor noch in Berlin miteinander debattierten.

"Man kann uns einfach nicht mehr ignorieren"

Was noch vor wenigen Monaten so unrealistisch wirkte, wie eine Audienz von Gina Wild beim Papst, wurde nun live im TV wahr: Ultras und Pyrotechniksympathisanten durften im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ihre Meinungen vertreten. "Wir bekommen Menschen auf die Straße, haben Meinungen und können diese zeigen. Man kann uns einfach nicht mehr ignorieren", sagte Jannis Busse von der Initiative "Pyrotechnik legalisieren".

Auf den ersten Blick wirkte es tatsächlich so, als würden die Fans und Ultras nun Ernst genommen werden. Selbst Vereinsfunktionäre wie der Präsident von Hannover 96, Martin Kind, oder der Manager des FSV Mainz, Christian Heidel, ließen sich nunmehr auf Diskurse mit den Basisvertretern ein.

Doch bei einem zweiten, intensiveren Blick auf die Fanbelange, kann man feststellen, dass viele der Debatten am Samstag den Charakter von Einbahnstraßen hatten. Denn wenn es um die Legalisierung von Pyrotechnik oder um die intensivere Prüfung bei der Erteilung von Stadionverboten geht, wurden zwar viele wichtige Argumente ausgetauscht. Allerdings mit den falschen Leuten. Denn die Entscheidungsträger waren erneut nicht da.

"Es ist schon sehr schade, dass weder die Präsidenten der Verbände noch die Polizei hier vertreten sind", sagt Müller. Zwar hatten die Organisatoren die Zusage von Ingo Rautenberg, Polizeidirektor bei der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZiS), doch einen Tag vor dem Fankongress ließ die ZiS eine Absage aufgrund von "diensttechnischen Gründen" übermitteln. Und so mündete jede Fankritik an zu rigidem Durchgreifen der Polizei, an unverhältnismäßigem Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray immer wieder im Nichts. Auf der anderen Seite war niemand der staatlichen Stellen da, um den Ultras in Ruhe zu erläutern, in welche Gefahren sie sich und andere durch übermäßig aggressives Auftreten bringen.

DFL- und DFB-Präsident wollen Fans nicht die Schau stehlen

Genau so wenig gab es aufschlussreiche Erkenntnisse in derPyrotechnikdebatte. Weder Große Lefert, noch Schneider, Gorrissen oder Hieronymus konnten Lösungen zu diesem Thema liefern. Stattdessen argumentierten alle vier mit dem vor wenigen Wochen durch die Verbandspräsidenten Theo Zwanziger und Reinhard Rauball gefälltem "rigorosen Nein" zu diesem Thema. "Natürlich hätten wir diese Begründungen gerne von den Präsidenten selbst gehört", sagt Arne Steding vom BVB-Fanportal schwatzgelb.de.

Die Gründe für die Absage von Rauball und Zwanziger waren hingegen nicht ganz eindeutig. Während Gorrissen erklärte, dass "Zwanziger terminlich unpässlich gewesen sei", sagte Schneider: "Wir haben lange diskutiert, ob wir hier mit den Präsidenten aufschlagen sollen. Wir haben uns aber bewusst dagegen entschieden. Dies ist ein von den Fans organisierter Kongress, wir wollten ihnen durch die beiden Präsidenten nicht die Aufmerksamkeit stehlen."

Damit ließen die beiden mächtigen Verbände erneut eine Chance verstreichen, um insbesondere der Ultrabewegung die Hand zu reichen. Manche, wie Theo Weiss, Fanbeauftragter der Gladbacher "Spreeborussen" führt dies zu der Erkenntnis: "Es gibt keine Veränderung, kein Aufeinanderzugehen. Die Fronten zwischen Ultras, Verbänden und Polizei waren schon beim ersten Fankongress 1988 völlig verhärtet und sind es auch heute noch."

Doch auch dies ist wohl nur eine Seite der Wahrheit: Denn vor knapp 25 Jahren hätte kein Fan einen Auftritt im Sportstudio gehabt und Verbandsvertreter wussten damals wahrscheinlich nicht einmal, was das Wort "Faninteressen" bedeutet.

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