Fankrawalle in Italien "Tote gehören zur Welt des Fußballs"

Die Gewalt im italienischen Fußball spaltet Politik und Sport. Innenminister Giuliano Amato will die Polizei aus den Stadien abziehen. Liga-Chef Antonio Matarrese ist indes für die Fortsetzung der "Show". Von einer Rückkehr zur Normalität ist der italienische Fußball weit enfernt.

Von Michael Braun, Rom


Der Sarg war mit der italienischen Fahne bedeckt, und Tausende Menschen applaudierten minutenlang, als sechs Polizisten ihren toten Kollegen heute Mittag in die barocke Kathedrale von Catania trugen. Die Familie, Polizisten, Bürger, Fans waren zusammengekommen, um der Beerdigung des Polizisten Filippo Raciti beizuwohnen, der am Freitagabend durch Hooligans vor dem Stadion der sizilianischen Stadt tödlich verletzt worden war.

Einen Trauertag der Stadt hat Catanias Bürgermeister für heute angeordnet, aber die Präsenz des Innenministers Giuliano Amato, der Sportministerin Giovanna Melandri, der wichtigsten Sportfunktionäre, unterstrich genauso wie die Live-Übertragung der Totenmesse im Fernsehen, dass die Tragödie vom Freitag weiter das ganze Land bewegt. In allen Zeitungen, auf allen TV-Kanälen, an den Tresen aller Bars beschäftigt die Italiener seit Freitag die Frage, wie es so weit kommen konnte mit der "schönsten Liga der Welt".

Einen durch Hooligans getöteten Polizisten hat es in der Tat noch nie in der italienischen Fußballgeschichte gegeben – wohl aber zahlreiche tote Fans. In den vergangenen 45 Jahren kamen immerhin 20 Personen am Rand von Fußballspielen gewaltsam zu Tode. Die Verletzten dagegen hat niemand gezählt; Gewalt ist bis heute der ständige Begleiter vieler Spiele auch in den beiden obersten Spielklassen.

Eigentlich waren die Bilder, die da am Freitagabend aus Catania kamen, denn auch gar nichts besonderes. Erst hatten die Catania-Ultras zu Beginn der zweiten Halbzeit den Block der Palermo-Fans zu stürmen versucht. Das Vorhaben wurde durch einen massiven Polizeieinsatz blockiert; Tränengasschwaden nebelten das Stadion ein, und die Partie musste zeitweilig unterbrochen werden, wurde dann aber wieder aufgenommen, auf Anordnung der Polizei, die bei einem Spielabbruch noch größere Ausschreitungen befürchtete. Derweil war ein Großteil der Hooligans vor das Stadion gezogen und lieferte sich dort eine Schlacht mit der Polizei.

Neben Waschbecken und Straßenschildern wurden auch Sprengkörper auf die Polizisten geschleudert. Nach der Autopsie des getöteten Polizisten steht mittlerweile fest, dass der 38-jährige Beamte jedoch nicht, wie ursprünglich vermutet, durch einen Sprengsatz umgekommen ist. Filippo Raciti verblutete innerlich, da er durch einen schweren Stein oder durch einen Hieb, beispielsweise mit einer Eisenstange, einen Leberriss erlitten hatte.

In Catania sind jetzt harte Zeiten für die Fans angebrochen, etwa 30 sitzen in Haft, unter ihnen nicht nur Jugendliche aus den armen Vorstädten, sondern auch zwei Arztsöhne und der Spross eines Polizeibeamten. Keinem der bisher Festgesetzten wird jedoch die Beteiligung an der tödlichen Attacke auf Filippa Raciti vorgeworfen. Ob die demonstrative Geschäftigkeit der Fahnder Resultate zeigen wird, steht in den Sternen, und genauso zweifelhaft ist, ob Italiens Fußball wirklich jene Wende hinbekommt, die noch am Wochenende einhellig beschworen wurde.

Niemand hatte etwas auszusetzen an dem generellen Spielstopp in allen Fußballligen von der "Serie A" bis hinunter zur letzten Kreismeisterschaft, den der kommissarische Präsident des Fußballverbands FIGC, Luca Pancalli, verhängt hatte. Doch schon am Sonntagabend war es mit der Solidarität und der geschlossenen Front gegen die Gewalt in den Stadien vorbei.

Auf der einen Seite steht die Regierung unter Ministerpräsident Romano Prodi. Der hatte gleich nach dem Tod Racitis erklärt, der Staat werde jetzt "robuste Maßnahmen" ergreifen, und sein Innenminister Giuliano Amato hatte nachgelegt, "nie mehr" werde er seine Polizisten zum Einsatz in den Stadien schicken, wenn die Sicherheit der Anlagen nicht drastisch verbessert und das Hooligan-Problem nicht konsequent gelöst werde. Amato machte in den letzten Tagen auch deutlich, welche Lösung ihm vorschwebt: Er will die Verlängerung des Spielstopps auch aufs nächste Wochenende, und dann soll der Spielbetrieb vor Publikum nur in jenen Stadien wieder aufgenommen werden, die als sicher gelten können – das wären Rom, Mailand und Turin. Der Rest der Clubs soll zur Not vor leeren Rängen oder vor einem auf maximal 10.000 Zuschauer beschränkten Publikum spielen.

Fußballverbands-Kommissar Luca Pancalli trägt diese Lösung mit, die Präsidenten der Erst- und Zweitliga-Clubs dagegen ergriff schiere Panik. Ihr Sprecher, der Liga-Ausschuss-Vorsitzende Antonio Matarrese erklärte, "Tote gehören nun einmal dazu zur Welt des Fußballs", und die Show müsse jetzt wieder weitergehen, am besten schon am nächsten Sonntag, selbstverständlich vor Publikum, schließlich sei der Fußball "einer der wichtigsten Industriezweige" des Landes – und es sei Sache des Staates, für die nötige Sicherheit zu sorgen.

Die Regierung dagegen will jetzt endlich die Vereine in die Pflicht nehmen. Schließlich existiert schon eine Fülle von straf- und sportrechtlichen Normen, die es erlauben würden, das Hooligan-Problem zumindest drastisch einzudämmen – wenn sie denn angewendet würden. So ist es den Vereinen verboten, Ultra-Vereinigungen zum Beispiel mit Freikarten zu unterstützen – viele Clubs tun es trotzdem. Es ist streng untersagt, Feuerwerkskörper ins Stadion mitzubringen, und es ist den Schiedsrichtern vorgeschrieben, das Spiel zu unterbrechen, wenn Raketen abgeschossen werden – nie aber kam es zu einem Spielabbruch, obwohl die Böller-Feuerwerke Alltag in den Stadien sind. Und so schreibt ein Gesetz von 2005 strenge Sicherheitsnormen für die Stadien vor, die aber kaum ein Verein einhält.

Von einer solchen schnellen Rückkehr zur "Normalität" will die Regierung diesmal nichts wissen. "Das Spielzeug ist kaputt, und man kann es nicht eben mal in sieben oder zehn Tagen kitten", erklärte Sportministerin Giovanna Melandri spitz. Heute Nachmittag treffen die Sportministerin und der Innenminister erneut den Chef des Fußballverbands Pancalli, um ihre harte Linie durchzusetzen. Der Liga-Ausschussvorsitzende Matarrese dagegen wurde nicht eingeladen.



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T. Wagner 03.02.2007
1.
Um die Frage zu beantworten müsste man zunächst wissen, was das eigentlich für Menschen sind, die - offenbar nicht unbedingt wegen eines Fußballspiels, sondern um Randale zu machen - allwöchentlich zum verabscheuungswürdigen Monster mutieren. Die Frage ist: Was sind sie jeweils VOR der Mutation? Was treibt sie um? Wie sieht ihr "normales" Leben aus? Altersgruppe? Soziale Herkunft? Alles Fragen, die zunächst beantwortet werden müssen.
medienquadrat, 03.02.2007
2. der heutige Fußball ist an sich schon brutal und asozial.
Solange sich die meisten Spieler benehmen, wie die hinterletzten Bunken, Fußball mit alten Gladiatorenkämpfen verwechselt wird und die Spieler mit allen möglichen Tricks versuchen, sich am Sport vorbei zu profilieren wird es niemals ein faires Miteinander geben. Weder zwischen den gegnerischen Mannschaften, noch bei den Fans. Alleine schon, dass andauernd auf den Rasen gerotzt wird, wo im nächsten Moment ein anderer Spieler mit dem Gesicht aufschlägt ist einfach nur ekelerregend. Warum urinieren oder koten diese ******** nicht einfach unter sich, dann würde man deren Einstellung zum Sport anschaulicher vor Augen geführt bekommen. Und noch was, zu bedenken: Die WM in Deutschland haben die Medien gerettet, weil sie Ausschreitungen der "Fans" und pöbelnde Spieler weitestgehend ausgeblendet oder entsprechend kommentiert haben. Wäre in BILD-Zeitungsart über die WM in den Medien berichtet worden hätten wir sicherlich einen Kriegszustand in unseren Straßen erlebt.
Dr h.c. Ceasar, 03.02.2007
3.
---Zitat von T. Wagner--- Um die Frage zu beantworten müsste man zunächst wissen, was das eigentlich für Menschen sind, die - offenbar nicht unbedingt wegen eines Fußballspiels, sondern um Randale zu machen - allwöchentlich zum verabscheuungswürdigen Monster mutieren. Die Frage ist: Was sind sie jeweils VOR der Mutation? Was treibt sie um? Wie sieht ihr "normales" Leben aus? Altersgruppe? Soziale Herkunft? Alles Fragen, die zunächst beantwortet werden müssen. ---Zitatende--- Das sind keine Menschen, sondern Affen (obwohl die Affen möglicherweise zivilisierter), die den Sprung der Evolution nicht geschafft haben. Bitte jetzt nicht so ein Hooligan-Spruch, wie "den Kick" suchen. Solchen Leuten rate ich an, wenn sie den Adrenalin brauchen, fahrt mit dem Auto gegen die Wand, dann bekommt ihr einen Kick und die Gesellschaft ist euch los. Leider sind die Strafen für solche Koffer zu gering. Mien Mitgefühl mit der Familie des toten Polzisten (das erinnert mich an den französichen Polizisten, der von deutschen Einzellern zu einem Pflegefall geprügelt wurde, wegen des Kicks). Es ist kein italienisches Problem, solche ernsthaft kranken Leute gibts überall, sie gehören eingebuchtet für mehrere Jahre, die Gesellschaft braucht diese Halbaffen nicht. Man hört ja immer wieder, dass auch Anwälte und Ärzte da mitmischen (so als Rechtfertigung für diejenigen, die einen IQ haben, der geringer ist als der eines Aschenbechers, was bei der überwiegenden Zahl dieser Spinner so sein dürfte), in diesem Fall gehört diesen Leuten die Approbation entzogen bzw. ein Berufsverbot erteilt. Im Falle des Tods ines Polizisten sind die Leute lebenslänglich wegzusperren, "den Kick" suchen ist für mich ein niedriger Beweggrund und wer auf einen Menschen einschlägt ihn ins Gesicht tritt muss mit Ableben dieser Person rechnen, wer dies dennoch tut handelt vorsätzlich. Dann können sie 15 Jahre darüber nachdenken, ob es nicht sinniger gewesen wäre, den Kick anderswo zu suchen.
Pelusa, 03.02.2007
4.
Beleidigungen beim Fußball gegen gegnerische Fans und auch Polizisten sind ein Teil des Spiels, aber das gestrige Ereignis ist völlig unakzeptabel. Die Grenze wird mit Steinwürfen bereits überschritten, weil Treffer tödlich sein können. Italiens Fußball ist sicherlich noch zu retten, für die Zuschauer wird es dadurch aber einen Verlust ihrer "südländischen Begeisterung" geben. Feuerwerkskörper, Bengalfackeln usw. Dinge, die Fußballfans in aller Welt lieben, werden in Zukunft wohl nicht mehr toleriert. Die italienischen Vereine müssen sich konsequent für eine Gewaltprävention einsetzen. Allein durch verstärkte Polizeieinsätze lässt sich das Problem nicht lösen. Das Bewusstsein, dass Gewalt nicht zum Spiel gehört, ist bei vielen Fans leider nicht vorhanden.
webleser, 03.02.2007
5. italien = mafiosi-land
---Zitat von sysop--- Bei Ausschreitungen in der Serie A kam ein Polizist ums Leben. Kann der italienische Fußball den Randalierern noch Herr werden? ---Zitatende--- Italien ist so ein land, wo man so manchmal zweifelt, was da eigentlich los ist. vom industrialisierten/ziviliserten norden bis zum dritte-welt-mafiosi-sueden spannt der "stiefel". Ein in der tat "illusterer" geselle der EU - vor dem sich EU-aspiranten wie Rumaenien und Bulgarien ueberhaupt nicht zu verstecken brauchen - vor nicht allzu langer zeit gefuehrt vom ober-mafiosi berlusconi, der uns allen demonstrierte, welche dinge, in aller oeffentlichkeit und voellig sanktionslos, in der bananen-EU moeglich sind. nun haben sich ein paar gelangweilte italienische hooligans gekloppt, ja sogar ein polizei-inspektor musste in's grass beissen. man zeigt sich entsetzt. und das ist gut so. aber es ist nun mal ein teil, wenn auch der unerfreulichere, vom fussball. was soll's. es wird vorueber gehen. es gibt andere, viel draengendere probleme in der EU, die angepackt werden sollten. z.b., die bananen-zustaende beseitigen. naja, ziemlich utopisch. ich weiss. - w -
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