Fanprojekt-Koordinator Michael Gabriel "Es geht den Fans nicht um Macht"

Die Bundesliga ist wegen der Coronakrise ausgesetzt, doch der Konflikt um Dietmar Hopp schwelt weiter. Michael Gabriel erklärt das Missverständnis um die Fanproteste - und wie Geisterspiele jetzt helfen könnten.
Ein Interview von Anne Armbrecht
Gladbach gegen Dortmund: Auch bei diesem Spiel Anfang März protestierten Fans gegen Kollektivstrafen

Gladbach gegen Dortmund: Auch bei diesem Spiel Anfang März protestierten Fans gegen Kollektivstrafen

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Bernd Thissen/ dpa

Kaum vier Wochen ist es her, dass es in der Fußball-Bundesliga und den unteren Spielklassen wegen Fanprotesten fast zu Spielabbrüchen kam. Der Spielbetrieb ist seitdem wegen der Coronakrise ausgesetzt - doch der Konflikt zwischen Fans und Verband ist längst nicht ausgeräumt. Zuletzt beschuldigte Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp die aktiven Fans rund um die Ultras "perfekt inszenierter Hetze". Eine Lösung scheint in weiter Ferne.

Wie geht es jetzt weiter? Michael Gabriel leitet die Koordinationsstelle Fanprojekte, der Sozialpädagoge arbeitet im Alltag mit den aktiven Fans. Und er berät auch Verbände und Vereine sowie Politik und Polizei zu professioneller pädagogischer Fanarbeit. Im Gespräch mit dem SPIEGEL erklärt er das Missverständnis um die Proteste, das Engagement von Ultras in der Coronakrise und inwiefern Geisterspiele jetzt helfen könnten.

SPIEGEL: Herr Gabriel, braucht der Fußball eine aktive Fanszene rund um die Ultras eigentlich noch?

Gabriel: Der Fußball ist nur durch Fans das, was er ist. Nur durch die Identifikation der Menschen, durch die Emotionen, die Menschen in die Stadien bringen, bekommen die 22 Spieler auf dem Platz ihre Bedeutung. Den Kulturverlust werden wir in den kommenden Wochen merken, wenn die Bundesliga womöglich im Mai erst einmal ohne Fans weitergeht. Die Vereine sollten sich deshalb um deren Sorgen kümmern und sie ernst nehmen. Ihr Engagement darf nicht als selbstverständlich betrachtet werden.

SPIEGEL: Am vergangenen Wochenende hat sich Dietmar Hopp im "Sportstudio" des ZDF zu den Fanprotesten in der Bundesliga Anfang März geäußert. Wie haben Sie seinen Auftritt wahrgenommen?

Gabriel: Ich fand den Zeitpunkt irritierend. Es gab doch für seine neuerlichen Aussagen keinen Anlass. Dass Dietmar Hopp darüber hinaus von gezielter Hetze gegen seine Person sprach, zeigt mir, dass er den Kern der Proteste immer noch nicht verstanden hat. Ich fand es gut, dass die meisten Fans souverän auf die Vorwürfe reagiert haben und nicht weiter darauf eingegangen sind.

Zur Person
Foto: Martin Köhler/ picture alliance/ dpa

Michael Gabriel, geboren 1963, ist Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). Der studierte Sportwissenschaftler und Sozialarbeiter ist seit fast dreißig Jahren in der Fanarbeit engagiert. Seit 2006 leitet er die KOS in Frankfurt am Main. Derzeit werden an 59 Standorten in Deutschland 66 Fanszenen sozialpädagogisch begleitet und betreut.

SPIEGEL: Geht es den Fans bei ihren Protesten überhaupt um Hopp?

Gabriel: Es geht immer noch um Kollektivstrafen und 50+1, also den zu großen Einfluss von Investoren in den Vereinen. Dietmar Hopp fungiert in den Augen vieler Fans hier als Symbol. Der jüngste Auslöser der Proteste war aber eine Strafe gegen Dortmunder Fans, von denen einige ihre in der Wortwahl beleidigende Kritik an Hopp in der Kurve trotz Bewährungsauflagen ausgedrückt hatten. Nun dürfen sie alle zwei Jahre lang nicht nach Sinsheim fahren. Der DFB hatte 2017 eigentlich versprochen, dass solche Kollektivstrafen nicht mehr angewendet werden. In dieser Abkehr sehen die Fans einen Wortbruch, den sie nicht ohne Protest hinnehmen wollten.

SPIEGEL: Könnte eine mögliche Bundesliga-Fortsetzung ab Mai mit Spielen ohne Fans zur Entspannung beitragen?

Gabriel: Mein Eindruck ist, dass das schon durch den Lockdown eingetreten ist. Die Fans, darunter sehr viele Ultras, konzentrieren sich im Moment in beeindruckender Weise auf ihr soziales Engagement in Zeiten der Pandemie, indem sie sich vielerorts für die Schwachen in der Gesellschaft oder das Personal in den Krankenhäusern einsetzen. Sie werden sich aber in Zukunft weiter über Banner in den Stadien kritisch äußern.

SPIEGEL: Hopp und andere Funktionäre sehen darin nicht nur Kritik: Sie sehen Ultras als eine Gruppe an, die dem Fußball schadet.

Gabriel: Das ist eine Fehleinschätzung. Fan- und Ultragruppen sind schon lange positive Kräfte für den Fußball und die Gesellschaft. Schauen Sie sich das Engagement vielerorts gegen Rassismus und für Geflüchtete an. Oder auch die erwähnten Hilfsangebote in der Coronakrise. Das ist ja alles nicht neu oder überraschend. Es tut dem Fußball gut, diese Fans einzubinden. Das muss er dann aber auch bei den konfliktbehafteten Themen.

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Die Fan-Proteste in Bildern

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Thomas F. Starke/ Bongarts/Getty Images

SPIEGEL: Die beleidigenden Plakate zuletzt haben diesem Eindruck nicht geholfen.

Gabriel: Das stimmt leider. Es gehört sich auch nicht, eine einzelne Person derart zu beleidigen. Noch dazu wurden die berechtigten Anliegen, um die es eigentlich geht, zum Teil gar nicht mehr wahrgenommen. Man sollte deswegen aber nicht pauschal den Stab über die Fans brechen. Es geht ihnen nicht um Macht, sondern darum, mitreden zu können und eingebunden zu werden. Sie wollen Bestandteil des Spiels bleiben.

SPIEGEL: Wieso sehen Sie das gefährdet?

Gabriel: Das kritische Denken kam mit der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs. Die Fans haben Sorge, dass ihnen das Spiel weggenommen wird. Montagsspiele sind genauso ein Ausdruck ihrer Entwertung wie die Diskussion um 50+1. Im Geschäftsmodell der TSG Hoffenheim oder RB Leipzig ist es nicht vorgesehen, dass Fans mitbestimmen. Hier haben eben Dietmar Hopp als Mäzen oder ein Konzern wie Red Bull das Sagen. Das löst bei den Fans Ängste aus. In der englischen Premier League haben sie schon beobachten können, wie Klubs von Oligarchen oder Ölscheichs übernommen wurden.

SPIEGEL: Können Sie diese Angst nachvollziehen?

Gabriel: Es gibt einen großen Vertrauensverlust, insbesondere gegenüber DFB und DFL aufseiten der Fans. Wir als Koordinationsstelle der Fanprojekte sind seit knapp 15 Jahren in die Dialogversuche mit den bundesweiten Fanorganisationen eingebunden und können das nachvollziehen. Es gibt eine lange Historie von Enttäuschungen, beispielsweise als es um das Thema Pyrotechnik ging oder das Sicherheitspapier, welches zu den 12:12 Protesten führte. Es wird eine Herausforderung für den DFB, dieses Vertrauen wiederaufzubauen. Worte werden da nicht genug sein.

SPIEGEL: Was würde dem Dialog helfen?

Gabriel: DFB und DFL haben in der vergangenen Woche zugestimmt, sich in der aktuellen Krise mit den Fanorganisationen und der professionellen Fanarbeit von Fanbeauftragen und Fanprojekten regelmäßig zusammenzusetzen. Das ist ein wichtiger Schritt, weil vereinbart wurde, dass hier immer Entscheidungsträger dabei sein müssen. Dadurch werden Fans in die Entscheidungen eingebunden, können ihre Perspektive einbringen und können diese auch anders in ihre Strukturen tragen. Von zentraler Bedeutung ist jedoch, die Beziehung zwischen Fans und ihren Vereinen stabil zu halten. Die Fanarbeit der Vereine hat sich enorm entwickelt und es bestehen gute und intensive Dialogstrukturen. Aber diese Fanbeauftragten werden zu selten in Entscheidungen eingebunden. Ich fände es strukturell sinnvoll, diese Abteilungen direkt bei den Vorständen der Klubs anzubinden, und in den Vorständen Leute zu benennen, die für die Fananliegen zuständig sind. Damit würde der Dialog langfristig strukturell gestärkt.

SPIEGEL: Gibt es konkrete Aussichten auf Besserung?

Gabriel: Ich finde schon. Gerade vergangene Woche haben die ersten dieser Runden mit Entscheidungsträgern von DFB und DFL stattgefunden. Dieser Dialog ist auch deswegen von größter Bedeutung, weil es wahrscheinlich ja demnächst Spiele ohne Fans geben soll. Damit wird die größte Angst von Fußballfans angesprochen, nämlich die, dass sie nicht gebraucht werden. Genau deswegen müssen die Fans auch von den Vereinen ganz eng und glaubwürdig auf diesem Weg mitgenommen werden, damit dort verstanden wird, wie wirtschaftlich existenziell diese Situation für die Vereine ist. Ich bin aber sehr sicher, dass diese Geisterspiele die grundsätzliche Bedeutung der Fans für den Fußballsport extrem sichtbar machen werden. Ohne Fans ist der Fußball, so wie er millionenfach geliebt wird, nichts.