Polizei contra Fans Vorwürfe und Widersprüche

Immer wieder klagen Fußballfans über Polizeigewalt und Schikane durch Beamte. Fürther Anhänger berichten von Schlägen und Beleidigungen beim jüngsten Auswärtsspiel. Düsseldorf-Fans wurden in der Vorsaison nach ihrer Ankunft am Spielort wieder auf den Heimweg geschickt.

Fans von Greuther Fürth: Heimfahrt über acht Stunden nach Spielschluss
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Fans von Greuther Fürth: Heimfahrt über acht Stunden nach Spielschluss

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Der 15. Dezember war kein guter Tag für die Fans von Greuther Fürth. Erst verlor ihr Team in der zweiten Bundesliga 1:4 bei Arminia Bielefeld. Dann bekamen ein paar der mitgereisten Anhänger Probleme mit der Polizei. Diese waren aus ihrer Sicht so schwerwiegend, dass die Ultra-Gruppen Horidos 1000, Entourage und Stradevia 907 eine umfassende Stellungnahme herausgegeben haben, in der sie sich "noch immer geschockt von den Geschehnissen am vergangenen Sonntag" zeigen.

Über den genauen Ablauf der Vorkommnisse liegen widersprüchliche Angaben vor. Unstrittig ist, dass der Bus mit 80 Fürther Ultras erst um 23 Uhr die Heimfahrt aus Bielefeld antreten konnte - über acht Stunden nach Spielschluss. Aber was passierte dazwischen? Die Bielefelder Polizei erklärte, es habe "einen versuchten Tritt gegen den Kopf eines Beamten" gegeben. Zudem hätten die Ultras "Müll unmittelbar vor den Einsatzkräften aus dem Bus geworfen". Letzteres wird von einem unabhängigen Zeugen bestätigt.

Die Ultras bestreiten den versuchten Fußtritt vehement. Stattdessen erheben sie schwere Vorwürfe gegen die Beamten. Die Darstellung der Polizei verwundere nicht, schließlich müsse ein unverhältnismäßig gewalttätiger Eingriff aufgrund von Mülltüten gerechtfertigt werden, schreiben sie in ihrer Stellungnahme.

Schon vor Anpfiff seien Äußerungen wie diese gefallen: "Nach dem Spiel werden wir uns noch sehen." Nach dem angeblichen Tritt - und offenbar dem gescheiterten Versuch, drei einzelne Ultras zur Identifikation aus dem Bus zu bekommen -, habe die Polizei versucht, den Bus zu räumen und dabei "neben Ohrfeigen auch immer wieder Faustschläge verteilt".

Die Ultras sehen einen Zusammenhang zum Dresden-Spiel

Auf die Bitte, nicht beide Arme mit voller Kraft zuzudrücken, seien Zitate wie "Halt die Fresse", "Fick dich" oder "Noch ein falsches Wort und ich prügele die Scheiße aus dir raus" gefallen. Auch sei ein Ultra ("du Kanacke") rassistisch beleidigt worden. Fragen nach der Dienstnummer der Beamten seien nicht beantwortet worden. Auf dem Polizeirevier seien die Personalien aller Mitreisenden festgestellt worden.

Die Fürther Ultras sehen einen Zusammenhang zwischen dem harten Vorgehen gegen sie und dem vorangegangenen Spieltag, als beim Auswärtsspiel von Dynamo Dresden in Bielefeld 17 Polizisten verletzt worden waren. Ein Augenzeuge berichtet von zwei Arten von Polizisten: "Solche, mit denen man reden konnte, und die, die von vorneherein aggressiv waren. Die aus der ersten Gruppe haben auch gesagt, dass die Kollegen wohl nach den Ereignissen vom Dresden-Spiel noch auf 180 seien und offenbar ein Ventil bräuchten."

Die Bielefelder Polizei hat bekanntgegeben, dass sie die gegen sie erhobenen Vorwürfe prüfen wird. Es lägen allerdings keine Strafanzeigen gegen einzelne Beamte vor. Die Vereine stehen miteinander in Kontakt, wollen sich aber erst äußern, wenn die Stellungnahme der Polizei fertiggestellt ist.

Die Vorkommnisse in Bielefeld sind kein Einzelfall. Immer wieder berichten Fußballfans von überharter Behandlung durch Polizisten, von Beleidigungen oder von Schikane und undurchsichtigem Vorgehen. "Ich hatte noch nie Ärger mit anderen Fans. Wenn ich Opfer geworden bin, dann immer durch die Polizei. An die Gängeleien hat man sich schon gewöhnt", sagt Frédéric Broszat, 33 Jahre alt und Fan von Fortuna Düsseldorf. Allesfahrer, so bezeichnet er sich.

Am 23. Februar dieses Jahres spielte Fortuna auf Schalke. In einer Gruppe von rund 200 Düsseldorfer Fans, so seine Schätzung, fuhr Broszat mit der S-Bahn zum Bahnhof Gelsenkirchen-Buer Nord. Dort wurden die Fans von der Polizei in Empfang genommen und in Busse geladen. "Am Bahnhof in Buer wurde uns gesagt, dass man uns zum Stadion bringt", berichtet Broszat.

"Es war eine gemischte Gruppe"

Doch die Fahrt wurde länger und länger - denn die Polizei hatte das Fahrtziel kurzfristig geändert. Offenbar, ohne es den Fans mitzuteilen. Statt zum Stadion wurden sie zum Gelsenkirchener Hauptbahnhof gebracht. Sie sollten gleich wieder die Heimfahrt antreten - die Begründung der Polizei: die Anreise über eine andere als die übliche Route. Normalerweise sollen Gästefans am Hauptbahnhof ankommen, von wo sie mit Shuttle-Bussen zum Stadion gefahren werden. Außerdem hatten die Fans offenbar mit Pyrotechnik hantiert. "Ganz am Anfang wurde ein Bengalo gezündet - mehr nicht. Muss man deswegen eine ganze Gruppe bestrafen?", fragt Broszat.

Die Polizei verweist darauf, dass die Fans auf dem Weg vom Bahnhof zum Stadion auf Schalker Anhänger hätten treffen können. Außerdem habe es sich um Problemfans gehandelt. "Es war eine gemischte Gruppe. Der gängigen Einstufung zufolge waren auch einige B-Fans und vereinzelte C-Fans darunter", sagt Fortunas Fanbeauftragter Dominik Hoffmeyer, also unter Umständen gewaltbereite oder gewaltsuchende Fans.

Laut Broszat waren "auch viele Frauen dabei. Wenn es um Gewalt gegangen wäre, hätte man die Mädels doch zu Hause gelassen. Wir wollten alle das Spiel sehen. Wir hatten ja auch Eintrittskarten." Die pauschale Einordnung als "Problemfans" lässt er nicht gelten. Die alternative Reiseroute hatte er gewählt, weil er nach eigener Aussage keine Lust auf überfüllte Sonderzüge hatte und auf Einschränkungen durch die Polizei auf dem Weg zum Stadion. "Selbst wenn ein bestimmter Anfahrtsweg empfohlen wird: Was spricht denn dagegen, einen anderen zu nehmen?", sagt er. Laut Polizei sind die Anreise-Empfehlungen in der Regel nicht verbindlich.

Broszat selbst hat es noch ins Stadion geschafft. Durch einen Notausgang floh er mit weiteren Fortuna-Fans aus dem Bahnhof. Das haben sie in einem Video dokumentiert. 120 Fans wurden schließlich in Begleitung von rund 80 Polizisten zurück nach Düsseldorf gebracht - vom Spiel sahen sie nichts.

Laut Fortunas Fanbeauftragtem Hoffmeyer hätten die Fans wissen können, dass sie mit dem selbst gewählten Anreiseweg und der Bengalischen Fackel ein Risiko eingehen: "Es ist bekannt, wie die Polizei bei solchen Vorfällen reagiert. Deshalb dürfte sich keiner über die Konsequenzen wundern", sagt er. "Ob ich das in dieser Konstellation gut finde, ist eine andere Frage."

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Robert_Rostock 21.12.2013
1.
"Fragen nach der Dienstnummer der Beamten seien nicht beantwortet worden." ... "Die Bielefelder Polizei hat bekanntgegeben, dass sie die gegen sie erhobenen Vorwürfe prüfen wird. Es lägen allerdings keine Strafanzeigen gegen einzelne Beamte vor." Tolles Konzept. Erst die Angabe der Dienstnummer verweigern, also die Identifizierung einzelner Beamter verhindern, und dann beteuern, dass überhaupt nichts passiert sein kann, weil ja keine Anzeigen gegen einzelne Beamte vorliegen.
hajo..1 21.12.2013
2. Anstand bewahren
Wer verdenkt es der Polizei, wenn pöbelnder Mob mit Gewalt gebändigt werden muss. Ich rate jedem Kritiker der Polizei mal mit einigem Abstand das Verhalten von sogenannten Fans anzusehen und hören. Fans die sich diszipliniert und anständig verhalten haben garantiert kein Problem mit der Polizei. Sollen doch die Vereine für die Sicherheit in und um den Stadien sorgen, bei über einer Mlrd. Umsatz der DFL muss doch noch ein paar Millionen für die Sicherheit übrig sein ohne die Kosten der Allgemeinheit aufbürden.
Tharsonius 21.12.2013
3. So so
Zitat von sysopGetty ImagesImmer wieder klagen Fußball-Fans über Polizeigewalt und Schikane durch Beamte. Fürther Anhänger berichten von Schlägen und Beleidigungen beim jüngsten Auswärtsspiel. Düsseldorf-Fans wurden in der Vorsaison nach ihrer Ankunft am Spielort wieder auf dem Heimweg geschickt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fans-aus-fuerth-klagen-ueber-polizeigewalt-und-beleidigungen-a-940376.html
Achso? Wie oft wurde in dem Artikel von Staatsorganen gegen geltendes Recht verstoßen? Und nebenbei bemerkt, wurde die verfassungsmäßige Reisefreiheit wieder aufgehoben?
billhall 21.12.2013
4.
Zitat von sysopGetty ImagesImmer wieder klagen Fußball-Fans über Polizeigewalt und Schikane durch Beamte. Fürther Anhänger berichten von Schlägen und Beleidigungen beim jüngsten Auswärtsspiel. Düsseldorf-Fans wurden in der Vorsaison nach ihrer Ankunft am Spielort wieder auf dem Heimweg geschickt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fans-aus-fuerth-klagen-ueber-polizeigewalt-und-beleidigungen-a-940376.html
Das tut mir jetzt gaanz shrecklich leid dass die tollen Fans ihren Lieblingsspielerm nicht live zujubeln durften sondern nach Hause geschickt wurden. Vielleicht gibt es noch andere Möglichkeiten für die Fussballjubelperser "ihre" Mannschaft angemessen zu unterstützten, wie wäre es z.B. über Twitter? Die "Stadionatmosphäre" lässt sich da sicherlich mit Flachbild TVs auch angemessen ins Wohnzimmer holen...
derbobbele 21.12.2013
5. normaler fan
ich gehe regelmäßig mit meinen kindern
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