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Fanprotest: 12:12 Minuten Stille

Foto: Arne Dedert/ dpa

Fanproteste 12:12 Etikettenschwindel statt Emotionen

Bundesliga-Fans in ganz Deutschland haben geschlossen gegen das Sicherheitskonzept der DFL protestiert. Für zwölf Minuten und zwölf Sekunden herrschte Stille. SPIEGEL ONLINE-Reporter Rafael Buschmann berichtet von seinen Eindrücken aus Dortmund, Robert Berg hat den Boykott in Hamburg erlebt.

Ungeduld macht sich allmählich breit. Nach sieben Minuten vereinzelt verzweifelte Anfeuerungsrufe aus der Heimkurve des Hamburger SV. Dort oben von den Sitzplätzen im B-Rang. Doch diese werden nicht erwidert. Die Masse schweigt.

Auch die Südtribüne in Dortmund, laut Ex-BVB-Trainer Ottmar Hitzfeld das "Herzstück des Vereins", regt sich nicht. Stille, unterlegt lediglich von einem tausendfachen Gemurmel.

Das Gleiche Bild in den Fanblöcken von Fortuna Düsseldorf, dem Gegner des BVB, und des FC Schalke, der gegen den HSV antrat: Überall bleiben die Anfeuerungsrufe aus. Denn die deutsche Fan- und Ultrabasis verbündete sich am Dienstag geschlossen zum Stimmungsboykott gegen die angedachten Sicherheitsbestimmungen der Deutschen Fußball Liga (DFL).

In der HSV-Kurve sind die Anhänger über die Leistungssteigerung zum Auswärtsspiel in Düsseldorf von Thorsten Finks Truppe erstaunt. Lebhafte Diskussionen entstehen. Unterbrochen von "Oooh", "Aaah" oder Szenenapplaus von den Rängen. Ich, Robert Berg, stehe dazwischen, es ist mein Verein. Eine solche Stille habe ich hier noch nie erlebt. Mein Nachbar kommentiert jede Form von aufkommender Atmosphäre auf seine eigene Art: "Pssst! Ruhe! Hallo?! Stimmungsboykott!" - die umgebenden Leute lachen. Andere sehnen sich nach ihrer Couch und dem Fernseher. Einer sagt: "Dort seh ich mehr und stimmungsmäßig verpass' ich ja eh nix…"

Als Sportreporter habe ich, Rafael Buschmann, schon unzählige Spiele des BVB im ehemaligen Westfalenstadion gesehen. Ich schaute in den vergangenen Jahren von etlichen Plätzen auf die Mannschaften der Borussia, konnte mich von beiden Haupttribünen, dem Gegnerblock und der Südtribüne von der Stimmung beim BVB überzeugen. Die Lautstärke, die Gesänge, auch die Pöbeleien der beiden Fanlager haben einen Charme, den es in nur wenigen Stadien auf der Welt gibt. Das Boykott-Schweigen der "Süd" hat jetzt für mich etwas Steriles, Unnatürliches. Als ob man sich auf ein Bier freut, aber aus der Flasche nur Wasser bekommt. Purer Etikettenschwindel.

Schalke-Fans singen gegen die DFL

In Hamburg nähern sich auf der Stadionuhr die anvisierten zwölf Minuten und zwölf Sekunden. Meine Mitmenschen sind gespannt auf das, "was da gleich so kommen mag". In mir kommt langsam dieses alte Kribbeln zurück, das ich seit dem Anpfiff verloren hatte. Sekunde um Sekunde verrinnt. Und dann - in einer nicht zu beschreibenden Lautstärke - wird den Emotionen freier Lauf gelassen. "Steht auf für den HSV!" Angespornt durch einen simplen Fangesang, steht nun nahezu das ganze Stadion. Die Schalke-Anhänger stimmen ein Lied an, das explizit gegen die DFL gerichtet ist. Deren Arme zeigen erwartungsvoll auf die HSV-Kurve. Und die stimmt sofort geschlossen in den Wechselgesang ein.

Nur wenige Sekunden zuvor dröhnt es aus Tausenden Kehlen in Dortmund: "Vier, drei, zwei…". Als die "gelbe Wand" die letzten sechs Sekunden des Boykotts gemeinsam laut herunterzählt, stimmt das gesamte Stadion in den Countdown ein. Bei genau zwölf Minuten und zwölf Sekunden bricht eine tosende Emotionswelle über alle Tribünen herein. Die "Süd" eskaliert förmlich, hüpfende und singende BVB-Fans erzeugen eine selten zuvor erlebte Lautstärke. Selbst hartgesottene Reporter sagen hinterher, dass sie in diesem Moment eine Gänsehaut erlebten. Ich selbst erwische mich dabei, wie ich minutenlang auf die Südtribüne starre, statt mir das fade Fußballspiel anzusehen.

Ob Jung, ob Alt, ob BVB-, Düsseldorf-, Schalke- oder HSV-Fan: Durch die Reihen zeichnen sich freundliche, sichtbar gelöste Gesichter ab. Und viele sind sich schnell einig, dass dem Fußball ohne die Fangesänge, ohne die Emotionen von den Rängen, etwas Entscheidendes fehlt.

Nach diesem eindrucksvollen Erlebnis und als Liebhaber und Begleiter dieses Sports, erwarten wir nun, dass alle Beteiligten rund um den 12. Dezember eine Lösung in der Sicherheitsthematik finden. Etwaige Eitelkeiten dabei außen vorgelassen werden und Lösungen im Sinne des Sports entstehen. Und dass uns im Stadion dieses spezielle Kribbeln nie wieder verlassen wird. Auch nicht für zwölf Minuten und zwölf Sekunden.

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