Brasilien nach 0:0 gegen Mexiko Viel Neymar, wenig dahinter

WM-Gastgeber Brasilien lässt sich vom Remis gegen Mexiko nicht die Laune verderben. Doch die Zuversicht ist nicht unbedingt begründet. Der Favorit offenbart bislang zu viele Schwächen. Gleichzeitig drohen sehr schwere Gegner in der K.o.-Runde.

Aus Fortaleza berichtet


Erinnerungen an eine magische Sommernacht des Jahres 2006 erwachten bei einigen deutschen Besuchern, als die letzten Minuten der Partie zwischen Mexiko und Brasilien liefen. So wie die Seleçao an diesem Nachmittag mühte sich die DFB-Elf seinerzeit bei der Heim-WM gegen Polen, bis David Odonkor in der letzten Minuten zu seinem legendären Sprint über die rechte Außenbahn ansetzte, nach innen passte, und Oliver Neuville den Ball ins Tor stocherte. Es war der Moment, der die WM veränderte, der das Land in einen Zustand anhaltender Euphorie versetzte. Die Geburt des Sommermärchens.

Es besteht kein Zweifel daran, dass auch den Brasilianern und ihrem WM-Turnier so eine Initiation guttun würde, und so ein Siegtor gegen Mexiko kurz vor Schluss in diesem spannenden Spiel, in einer Arena, die ähnlich elektrisiert war wie 2006 das Dortmunder Westfalenstadion, hätte auch hier eine Zauberwirkung entwickeln können.

Aber Brasilien hat derzeit keinen Neuville, noch nicht mal einen Odonkor. Trainer Felipe Scolari hatte gegen die Mexikaner Bernard und Jo eingewechselt, zwei Spieler, die ohne Wirkung blieben. Das sei ein "sehr intensives und schwieriges Spiel gegen einen sehr guten Gegner" gewesen, sagte Brasiliens Mittelfeldarbeiter Luiz Gustavo. Man habe gut gekämpft, "das 0:0 war verdient". Auch weil Mexiko diesen überragenden Guillermo Ochoa im Tor stehen hatte.

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Brasiliens Remis gegen Mexiko: Auf der Suche nach der Topform
Die WM-Favoriten wirkten nicht einmal wirklich unzufrieden mit diesem Unentschieden, das auf den ersten Blick wie eine Enttäuschung für die Brasilianer erscheinen muss. Aber vermutlich wissen die Spieler schon länger, was der Rest der Welt erst nach und nach erkennt: Brasilien ist keine Übermannschaft, es handelt sich um ein ganz normales Fußballteam, das Stärken, aber auch deutliche Schwächen hat. "Heute war Mexiko genauso gut wie wir, sie beherrschten den Ball, hatten Chancen, sie zeigten, dass sie Fußball spielen können", sagte Trainer Felipe Scolari. Das war fußballfachlich eine ebenso nüchterne wie korrekte Feststellung, die sich ganz gut an den neuralgischen Punkten dieser Mannschaft illustrieren lässt.

So verdichtet sich der Eindruck, dass diese Mannschaft vielleicht ein wenig zu abhängig ist von den Momenten Neymars, der sein Volk an diesem Nachmittag nicht mit einem Präzisionsschuss neben den Pfosten wie gegen Kroatien (3:1) beschenken konnte. "Neymar kann nicht allein gewinnen oder verlieren. In unserer Gruppe hat er vielleicht ein höheres Potenzial als die anderen, aber er braucht seine Mitspieler", sagte Scolari, der langsam etwas genervt ist von dem Personenkult um seinen Star.

Der enorme Druck, der auf den Schultern dieses Jungen lastet, ist für jeden spürbar, der so ein WM-Spiel der Brasilianer im Stadion erlebt. Wenn Neymar in einer einigermaßen aussichtsreichen Situation an den Ball kommt, wogt sofort eine Gefühl der Hoffnung durch die Arena, auch der Spieler selbst spürt das natürlich. In solch einer Situation die Leichtigkeit zu bewahren, ist ein fast unmögliches Kunststück. "In Brasilien tendieren wir dazu zu glauben, andere Spieler seien nicht so gut", zürnte der Trainer, dessen Team nach dem beeindruckenden Confed-Cup-Sieg vor einem Jahr nicht wirklich weiter gewachsen zu sein scheint.

Spieler werden ausgepfiffen

Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Es gibt eine ganze Reihe deutlich sichtbarer Schwächen: Zwar war Scolari der Meinung, seine Mannschaft sei an diesem Nachmittag "besser gewesen als im ersten Gruppenspiel gegen Kroatien", aber die Probleme, gegen einen kompakt verteidigenden Gegner Tempo im Angriffsdrittel aufzunehmen, waren gegen Mexiko viel deutlicher sichtbar. Fred wurde ausgepfiffen, als Scolari ihn vom Feld nahm, die anderen Offensivspieler blieben blass. Und wäre einer der vielen gefährlichen Fernschüsse der Mexikaner in den Winkel geflogen, wäre das nicht unverdient gewesen.

All das war nicht alleine eine Konsequenz der Tagesform, vielmehr sind es grundsätzliche Dinge, die dieser Mannschaft fehlen. Zu sehen war beispielsweise erneut, wie leicht sich Rechtsverteidiger Dani Alves übersprinten lässt, wenn er auf einen schnellen Gegenspieler trifft. Oder wie wenig von der Bank kommt. Und dass bei einem Weiterkommen im Achtelfinale wohl entweder Spanien, die Niederlande oder Chile aus dem Weg geräumt werden muss, ist der Zuversicht auch nicht gerade zuträglich.

Darin steckt eine Gefahr, nicht nur für die Mannschaft, sondern für das gesamte Turnier, das ja noch nicht so recht in den Herzen der Brasilianer angekommen ist. Wenn die Leute nun auch noch ihre Liebe zur Seleção verlieren, dann könnte diese WM zu einer tristen Veranstaltung werden, aber ganz so weit ist es ja noch nicht. "Wenn wir jetzt 1:0 gegen Kamerun gewinnen, reicht das ja schon zum Weiterkommen", sagte Brasiliens Fußball-Ikone Pele, und das werden sie schon irgendwie schaffen.

Brasilien - Mexiko 0:0
Brasilien: Júlio César - Alves, Thiago Silva, David Luiz, Marcelo - Paulinho, Luiz Gustavo - Oscar (84. Willian), Neymar, Ramires (46. Bernard) - Fred (68. Jô)
Mexiko: Ochoa - Aguilar, Rodríguez, Márquez, Moreno, Layún - Herrera (76. Fabián), Vázquez, Guardado - dos Santos (84. Jiménez), Peralta (74. Hernández)
Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)
Zuschauer (in Fortaleza): 60.000 (ausverkauft)
Gelbe Karte: Ramires, Thiago Silva - Aguilar, Vázquez

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Seite 1
xam.ralos 18.06.2014
1. welch tolle Fussballshow
Ich habe ein tolles Spiel gesehen. Es haettte auch 2:0,0:2;2:2 ausgehen koennen. Der Autor kann mit seinen Resultatsanalysen sich in einer anderen Sportart profilieren. 4:0 toller Fussball, 0:0 alles doof. Das ist zu billig. Brasilien war besser als gegen Kroatien, Mexico eonfach nur toll, hoffentlich reicht die luft fuer weitere schoene spiele
pass.opp.do 18.06.2014
2.
Ganz schön nervös ob der Erwartungen, diese Brasileiros. Und dann erst die Spieler...
abseitstor 18.06.2014
3. Fehlentscheidungs-Festival
Wo stünde Brasilien ohne die zahllosen haarsträubenden Fehlentscheidungen zu ihren Gunsten? Vergesst den Elfer gegen Kroatien, den man ja irgendwie noch schönreden und begründen kann. Ich rede hier von Entscheidungen, die offensichtlich falsch war oder wo die Ermessensspielraum einfach über das Erträglich strapaziert wurde. Beispiele gefällig? 1.) Mexikaner schießt, Julius Cesar lenkt über die Latte; jeder sieht's - der Schiri gibt Abstoß 2.) Brasilianer tritt Mexikaner auf den Fuß; der Schiri gibt Freistoß für den Brasilianer 3.) Thiago Silva haut mexikanischem Angreifer in aussichtsreicher Position von hinten die Beine weg; laut Regelbuch ist das Rot, der Schiri gibt Gelb 4.) In der Nachspielzeit unterbricht ein Brasilianer einen mexikanischen Konter durch ein taktisches Foul im Mittelkreis; warum der Brasilianer dafür keine gelbe Karte bekommt, bleibt das Geheimnis des Schiedsrichters. Dazu ein Scolari, der unfair an der Seitenlinie rumtanzt. Ich bin nun wirklich kein Freund von Verschwörungstheorien, aber wenn sich die Schiedsrichter von der Kulisse beeindruckten lassen und sich nicht trauen, gegen die Heimmannschaft zu entscheiden, haben sie bei der WM nix verloren.
lauterteufel 18.06.2014
4. Oh je
"Aber Brasilien hat derzeit keinen Neuville, nicht mal einen Odonkor" aber dafür halt Spieler von Weltklasseniveau. Und Polen ist auch nicht Mexiko. Will sagen: Nicht alles was hinkt, ist auch ein Vergleich...
bekkawei 18.06.2014
5.
Zitat von sysopAFPWM-Gastgeber Brasilien lässt sich vom Remis gegen Mexiko nicht die Laune verderben. Doch die Zuversicht ist nicht unbedingt begründet. Der Favorit offenbart bislang zu viele Schwächen. Gleichzeitig drohen sehr schwere Gegner in der K.o.-Runde. http://www.spiegel.de/sport/fussball/favorit-brasilien-nach-0-0-gegen-mexiko-viel-neymar-wenig-dahinter-a-975815.html
Diese Schwaechen traten auch schon im Spiel gegen Kroatien zutage. Da hat aber der 12. Mann auf dem Platz das kompensiert. Dummerweise hat der Schiedsrichter gestern abend wohl nicht ganz begriffen, was von ihm erwartet wird.
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