Favoritensterben bei der EM Russland schießt Niederlande aus dem Turnier

Sensation im Kampf um den Einzug ins Halbfinale: Die Kopie besiegt das Original - Russland feiert einen verdienten 3:1-Sieg über die Niederlande. Ein Doppelpack kurz vor dem drohenden Elfmeterschießen kickte den Titelfavoriten aus der EM.


Favoritensturz im Viertelfinale: Russland hat sich für die Runde der letzten vier Mannschaften qualifiziert. Tore von Roman Pawljutschenko (56. Minute), Dimitri Torbinski (112.) und Andrej Arschawin (116.) sicherten den 3:1-Erfolg über die Niederlande - die Ruud van Nistelrooy mit seinem Treffer in der 86. Minute in die Verlängerung gerettet hatte.

Damit hat sich das Topteam der Vorrunde aus dem Turnier verabschiedet, weil es nicht an die Leistung aus den Gruppenspielen anknüpfen konnte. Auch im dritten Viertelfinale setzte sich mit Russland der vermeintliche Außenseiter durch. Bereits am Freitag hatte die Türkei Kroatien besiegt (4:2 n.V.), am Donnerstag Deutschland Portugal bezwungen (3:2). Der Halbfinalgegner Russlands wird am Sonntag zwischen Italien und Spanien ermittelt (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Die Erwartungen waren groß vor der Partie - und wurden, was das Spielerische betrifft, nicht ganz erfüllt. Die Niederländer hatten die "Hammergruppe C" mit Weltmeister Italien und dem WM-Zweiten Frankreich nicht nur überstanden, sondern klar dominiert: drei deutliche Siege, überragender Offensivfußball.

Doch den zeigte auch das russische Team in seinem letzten Gruppenspiel. Beim 2:0-Sieg gegen Schweden spielten die Russen ähnlich begeisternd und temporeich wie die Niederländer - was auch ihrem niederländischen Trainer Guus Hiddink zu verdanken sein mag.

Original gegen Kopie, so lautete also das Duell um den Einzug ins Halbfinale. Und die Kopie begann deutlich schwungvoller. Linksverteidiger Juri Schirkow prüfte vor 39.374 Zuschauern im ausverkauften St.-Jakob-Park in Basel den niederländischen Torhüter Edwin van der Sar mit einem Freistoß aus 22 Metern (6.). Stürmer Pawljutschenko kam im Strafraum frei zum Kopfball, zielte aber über das Tor (8.).

Bei den Niederländern war von Tempofußball zunächst nicht viel zu sehen. Bondscoach Marco van Basten vertraute der Elf, die in den ersten beiden Gruppenspielen Italien (3:0) und Frankreich (4:1) besiegt hatte. In der Startformation stand trotz des Todes seiner Tochter also auch Verteidiger Khalid Boulahrouz.

Van der Sar erreicht Rekordmarke

Brillantes Kurzpasspiel zeigten beide Teams nur selten, dennoch häuften sich in der zunächst ausgeglichenen Partie nach einer halben Stunde die Torchancen auf beiden Seiten. Dem niederländischen Angreifer van Nistelrooy fehlten nur Zentimeter, um einen Freistoß des HSV-Profis Rafael van der Vaart von der rechten Seite verwerten zu können. Der Ball flog knapp am linken Pfosten vorbei (30.).

Beim Gegenzug ist van der Sar in seinem 16. EM-Endrundenspiel, in dem er mit Rekordhalter Lilian Thuram aus Frankreich gleichzieht, gefordert. Arschawin - vom Hamburger Mittelfeldspieler Nigel de Jong bis dahin gut bekämpft - schloss einen Konter der Russen per Flachschuss ab.

Anschließend versuchte es der russische Verteidiger Denis Kolodin aus der Distanz, gleich zweimal suchte er aus 35 Metern den Abschluss. Beim ersten Versuch bekam van der Sar gerade noch die Fäuste nach oben, der zweite Fernschuss flog knapp über die Querlatte (32.). Kolodin fiel auch in der Abwehr auf - mit einem Aussetzer. Der Patzer ermöglichte van der Vaart kurz vor der Pause die Chance zur Führung, doch Akinfejew klärte per Faustabwehr (44.). "Wir sind nicht gut ins Spiel reingekommen, konnten froh sein, dass es zur Halbzeit 0:0 stand. Wir haben in der Vorrunde überragend gespielt, aber wir sind jetzt draußen, so einfach ist Fußball. Von mir aus können die jetzt gewinnen", sagte van der Vaart nach der Partie.

Bondscoach van Basten brachte zur zweiten Halbzeit Robin van Persie für Dirk Kuyt. Und keine 30 Sekunden nach Wiederanpfiff schoss der neue Außenstürmer auf das russische Tor - ohne Erfolg. Den hatte das russische Team in der 56. Minute. Pawljutschenko verwandelte mit links aus acht Metern eine Hereingabe von Sergej Semak zum 1:0. Bewacher Joris Mathijsen vom HSV kam einen Schritt zu spät.

Bei dieser Aktion nutzten die Russen die Unordnung, die für einen kurzen Moment in der niederländischen Defensive entstanden war. Eine Minute vor dem Gegentreffer hatte van Basten, der nach der EM zu Ajax Amsterdam wechselt, in dem Spiel, das sein letztes als niederländischer Nationaltrainer werden sollte, Boulahrouz aus- und John Heitinga für die rechte Abwehrseite eingewechselt.

Van Nistelrooy rettete sein Team in die Verlängerung

Die Niederländer brauchten einige Minuten, um den ersten Rückstand bei dieser EM zu verarbeiten. Als sie dann auf den Ausgleich drängten, konnte das russische Team ganz auf seine Stärke setzen - das Konterspiel in Oranje-Manier. Es muss sich allerdings vorwerfen lassen, dass es die ausgezeichneten Möglichkeiten durch Anjukow (70.) und den eingewechselten Torbinski (81.) nicht genutzt hat.

Das rächte sich in der 86. Minute: Van Nistelrooy, in der zweiten Hälfte bis dahin kaum zu sehen, profitierte bei einer Freistoß-Flanke von Wesley Sneijder von einer Nachlässigkeit in Russlands Abwehr und köpfte zum 1:1 ein.

Für Aufregung sorgte dann wieder einmal Kolodin. Der russische Verteidiger grätschte Sneijder ab und sah die Gelb-Rote Karte. Der slowakische Schiedsrichter Lubos Michel nahm seine Entscheidung jedoch zurück, als einer seiner Assistenten ihn darauf aufmerksam machte, dass der Ball zuvor bereits die Grundlinie des Spielefeldes überschritten hatte. Kurz darauf beendete Michel die reguläre Spielzeit. Verlängerung.

In den 30 Extra-Minuten drückte vor allem die russische Mannschaft auf die Entscheidung. Pawljutschenko traf aus 16 Metern nur die Querlatte (97.), Schirkow hoffte nach einer Attacke von Heitinga vergeblich auf einen Strafstoß (108.).

Entsprechend verdient war die erneute Führung. Arschawin tanzte auf links Verteidiger André Oijer aus, seine Flanke musste Torbinski aus kürzester Distanz nur noch ins Tor drücken (112.). Die Entscheidung besorgte Arschawin selbst. Seinen Schuss aus fünf Metern fälschte Heitinga so ab, dass der Ball van der Sar durch die Beine rutschte (116.).

"Wir hatten erwartet, dass die Holländer aggressiv spielen würden, aber ihnen ist die Puste ausgegangen. Der bessere Holländer, nämlich unser Trainer, hat heute gewonnen", sagte Arschawin. Die Kopie hat das niederländische Original besiegt.

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