FC Arsenal Höhenflug mit einem Verlierer

Thierry Henry ist weg, die alte Stärke wieder da: Der FC Arsenal steht auch ohne den Stürmer in Premier League und Champions League ganz oben. Schlechte Aussichten für Slavia Prag, heute Arsenals Gegner - und für Jens Lehmann, der Opfer der jüngsten Erfolge ist.

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Hamburg - Im Jahr eins nach Thierry Henry geht es dem FC Arsenal besser als befürchtet. Sogar besser als erwartet. Man könnte auch sagen: richtig gut. Aber gleich so gut? Das ist eine Überraschung. Mit 27 Punkten nach elf Partien ist Arsenal ungeschlagen Tabellenführer in der Premier League– und heute kann das Team bereits mit einem Sieg bei Slavia Prag den Einzug ins Achtelfinale der Champions League perfekt machen.

Gewohntes Bild: Fabregas (l.) und Arsenal-Anhang jubeln, der Gegner schaut hinterher.
AFP

Gewohntes Bild: Fabregas (l.) und Arsenal-Anhang jubeln, der Gegner schaut hinterher.

Dabei hatte es noch vor wenigen Monaten keinen Spaß gemacht, Arsène Wenger zu sein. Der Arsenal-Trainer, seit mehr als elf Jahren bei den "Gunners", hatte außer in seiner Premieren-Saison immer den ersten oder zweiten Platz in der Meisterschaft belegt. Dann kam in der vergangenen Spielzeit der Rückschlag: Platz vier, am Ende 21 Punkte Rückstand auf Meister Manchester United. In der Sommerpause verließ Henry den Club. Obwohl er in seiner letzten Spielzeit in London häufig verletzt war, stand selten ein Spieler mehr für eine Mannschaft als der Franzose für den FC Arsenal: 364 Spiele, 226 Tore, 80 Vorlagen.

Nun ist Henry fort. Arsenal ist ohne ihn stärker als in der vergangenen Saison, spielt flexibler und ist schwerer auszurechnen. Spieler, die bislang im Schatten standen, kommen besser zur Geltung. So sind die Treffer gleichmäßiger verteilt. In dieser Saison trafen bisher vor allem Cesc Fabregas (elf Tore), Eduardo (vier), Robin van Persie (sieben) und Emmanuel Adebayor (sechs). Seit 25 Partien ist Arsenal ungeschlagen, drehte in den Spielen gegen ManU (2:2) und Liverpool (1:1) noch einen Rückstand um. Arsène Wenger zu sein, macht wieder Spaß. Seine Mannschaft habe "Hingabe und Charakter" gezeigt, lobte der Franzose nach der Partie gegen Manchester im Emirates Stadium.

Wenger hat es in den vergangenen Jahren immer wieder verstanden, aus guten Spielern sehr gute zu machen. Die Arbeit mit dem akribischen Arsenal-Trainer hob schon den Ex-Dortmunder Tomas Rosicky und den Ex-Stuttgarter Aleksander Hleb aus der gehobenen Bundesliga-Klasse auf internationales Spitzenniveau. Gleiches wiederholt sich in dieser Saison mit Zugängen wie Bakary Sagna, der aus Auxerre kam und in der Abwehr eine feste Größe geworden ist.

Bei all dem Erfolg sorgt ausgerechnet der deutsche Nationaltorwart im Arsenal-Kader – wenn auch unfreiwillig – dafür, dass Harmonie und Erfolg niemanden einlullen. Jens Lehmann, zwischenzeitlich nicht einmal mehr zweite Wahl und derzeit unzufriedenster Spieler im Arsenal-Kader, wird dort wohl nicht mehr glücklich. Seine Stänkereien gegen den Trainer wären in vielen Vereinen Grund genug für Ablenkung vom Wesentlichen. Nicht beim FC Arsenal. Mit einem einfachen "Ich glaube daran, an einem Keeper festzuhalten", beendete Wenger nach dem 2:2 gegen Manchester trotz eines Patzers von Manuel Almunia alle Diskussionen. Lehmann, Opfer des Erfolgs, muss sich damit begnügen, beim derzeit heißesten Club Englands auf der Bank zu sitzen.

In der Entscheidung, Lehmann zum Ersatzmann zu degradieren, zeigt sich eine weitere Stärke Wengers. Verdienste in der Nationalmannschaft zählen bei ihm nicht, Leistungen in der Vergangenheit ebenso wenig. Nicht umsonst unternahm der konsequente Trainer keine besonderen Anstrengungen, um Henrys Wechsel im Sommer zu verhindern. Von dem Stürmer war nach acht Jahren im Club nichts Neues mehr zu erwarten. Lehmann wird es nicht anders ergehen.

So hat es eine fast schon feine Ironie, dass momentan wohl nur ein Sieg der Kollegen und der vorzeitige Einzug in die K.o.-Runde der Königsklasse dem deutschen Torwart Spielpraxis verschaffen könnte. Wenger will seinen Stammspielern nach der Qualifikation fürs Achtelfinale Pausen gönnen. Mit viel Glück für Lehmann gehört auch Torwart Almunia dazu.

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