FC Arsenal Lieber schön als Hornby

Die Bibel aller Arsenal-Fans ist Nick Hornbys "Fever Pitch". Nicht für Philip Oltermann. Er hält nichts von Rumpelfußball-Stoizismus - er feiert lieber die Schönheit des schnellen Spiels. Vielleicht schon wieder heute Abend in der Champions League beim AC Mailand.


Arsenal London kennen Sie. Das denken Sie, stimmt's? Wahrscheinlich habe Sie vor zehn Jahren "Fever Pitch", Nick Hornbys Glaubensbekenntnis über den Club aus dem Norden Londons gelesen, und fanden sich darin wieder. Hab ich recht? "Total lebensnah" fanden Sie dieses Buch. Ja?

Dann sage ich Ihnen gleich: Ich fand "Fever Pitch" doof. Ich will damit gar nicht sagen, daß Nick Hornby nicht schreiben kann, sondern nur feststellen, dass das, war er über Fußball sagt, dumm ist.

Arsenal-Hoffnung Cesc Fabregas: Geliebt in Highbury
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Arsenal-Hoffnung Cesc Fabregas: Geliebt in Highbury

Arsenal, das war für Hornby immer nur "boring boring Arsenal", die "langweiligste Mannschaft in der Geschichte des Universums". Fan-Sein, behauptet Hornby, bedeutet die Bereitschaft, für ein 0:0 gegen Newcastle seine Freundin stehen zu lassen. Enttäuscht sein. Stur sein. Mann sein. Und kalte Füße. Das ist Fußball für Hornby.

Ich fand diese These schon blöd, als ich das Buch mit 16 zum ersten Mal gelesen habe: Durfte man als Fußballfan nicht auch Optimist sein? Darauf hoffen, dass seine Mannschaft erfolgreich und schön spielte? Respekt gegenüber dem Erzrivalen fühlen? Sich ernste Gedanken darüber machen, wie sich der Verein verbessern könnte? Je älter ich werde, desto blöder finde ich Hornbys Rumpelfußball-Stoizismus.

Wegen "Fever Pitch" wollte ich auch kein Arsenal-Fan werden, als ich nach England zog. Lange Zeit versuchte ich aktiv, eine Leidenschaft für diverse andere Clubs aus der Premier League zu entwickeln. Ich flirtete mit Liverpool (Kultfaktor), Tottenham (Klinsmann-Connection), Chelsea (Mourinho-Faszination), West Ham (modebewusste Trikotfarben) und sogar Reading (Underdog-Effekt), aber mehr als ein One-Night-Stand wurde nie daraus. Dass ich letztendlich doch, gegen meinen Willen zum Arsenal-Fan wurde, liegt an zwei Menschen:

Arsène und Pam.

Pam ist die Mutter meines besten Freundes Andrew - der, der mir immer fiese SMS schickt, wenn Deutschland gegen England spielt. Pam versteht einiges mehr von Fußball als ihr Sohn, und von Arsenal sowieso. Sie hat nicht nur eine Saisonkarte, sondern gleich zwei - und wenn ihre beste Freundin samstagnachmittags mal keine Zeit hat, dann schickt sie mir eine SMS, und fragt mich, ob ich nicht mit ins Stadion will.

Arsène Wenger ist Franzose, nur ein paar Jahre älter als Pam und seit zwölf Jahren der Trainer von Arsenal. Das ist in dreierlei Hinsicht bemerkenswert. Dass ein Franzose Trainer eines englischen Vereins wurde, war Mitte der neunziger Jahre ungewöhnlich. Dass er es nach einem Jahrzehnt immer noch ist, und damit der erfolgreichste und dienstreueste Trainer des Vereins, ist erstaunlich. Aber dass ein Trainer seinen Lebenssinn bei einem Verein gefunden hat, dessen Name ihm quasi als Säugling schon in die Krippe gelegt wurde, kann kein Zufall sein (mit der Entlassung von Wolfgang Wolf beging der VfL Wolfsburg meiner Ansicht nach einen riesigen Fehler).

Wenger übernahm Arsenal vier Jahre, nachdem "Fever Pitch" auf dem englischen Markt erschien war, und innerhalb kürzester Zeit schuf er ein Team, welches das exakte Gegenteil von "boring boring Arsenal" ist. Dumpfe, depressive Typen wie Tony Adams, Paul Merson und Martin Keown verließen nach und nach den Club. Hinzu kamen junge, enthusiasmierte Spieler wie Matthieu Flamini, Kolo Touré oder Robin van Persie.

Arsène Wenger ist für mich der Anti-Hornby: Ein Idealist, der seine Mannschaft modernen, "schönen" Fußball spielen lässt. Fußball, wie ihn jeder Verein der Welt gerne spielen würde (weswegen der FC Bayern ja neben Klinsmann auch an Wengers Assistent Boro Primorac interessiert gewesen sein soll). Ein Konzeptkünstler, der weiterhin unbekannte Teenager einkauft, obwohl er sich längst große Stars leisten könnte. Ein Talentspäher, der den englischen Fußball retten wird, obwohl bei ihm in der Mannschaft kaum Engländer spielen (der designierte Beckham-Nachfolger David Bentley, jetzt Blackburn, kommt zum Beispiel aus der Arsenal-Akademie). Ein Transfergenie, das stets weiß, wann er seinen größten Star verkaufen und mit einem No-Name-Spieler ersetzen kann - wie es gerade diese Saison der Henry-Ersatz Emmanuel Adebayor beweist.

"In Arsène we trust", sagen wir hier im Stadtteil Highbury, wo ich inzwischen selbst lebe. Und das ohne Ironie und Zähneknirschen.

Letzte Woche war ich mit Pam im Stadion, als Arsenal gegen Newcastle spielte. Soeben hatte Nicklas Bendtner mit einem präzisem Pass die gegnerische Viererkette ausgehebelt und Cesc Fabregas zum 3:0 eingeschoben, da hörte ich Pam zu meiner Linken vor sich hin summen. "One Arsène Wenger, there's only one Arsène Wenger". Der glatzköpfige Mann zu ihren Linken stimmte ein, und wenige Augenblicke später schallte das Lied durchs ganze Stadion.

Für einen Augenblick meinte ich, Nick Hornby auf der benachbarten Tribüne ausmachen zu können, wie er sich mit griesgrämiger Miene seinen Weg durch die jubelnde Menge gen Ausgang machte. Aber vielleicht bildete ich mir es nur ein.



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