FC Arsenal im Europa-League-Finale Ein gefundenes Fressen für Chelsea

"Baku oder Bankrott": Der FC Arsenal will sich mit dem Sieg im Europa-League-Endspiel gegen den FC Chelsea für die Champions League qualifizieren. Gelingt das nicht, wird es düster.

Arsenal-Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang
David Klein/REUTERS

Arsenal-Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang


Zu den vielen Kuriositäten dieses östlich von Bagdad und quasi unter Ausschluss englischer Fans ausgetragenen Europa-League-Endspiels zweier Premier-League-Teams gehört nicht zuletzt die ungewöhnlich asymmetrische Relevanz der Partie.

Der FC Chelsea, Tabellendritter der abgelaufenen Saison, ist bereits für die Champions League qualifiziert und kann sich deshalb am Mittwochabend (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL) nahezu unbeschwert der Aufhübschung des Briefkopfs widmen.

Arsenal, nur Platz fünf im Abschlussklassement, steht dagegen ungleich stärker in der Pflicht, sich mit einem Sieg doch noch für den lukrativsten Vereinswettbewerb zu qualifizieren.

Mit "Baku or bust" (Baku oder Bankrott) umschrieb der "Guardian" die Tragweite des Ausflugs zum Kaspischen Meer - die Gunners benötigen nach zwei Spielzeiten ohne Champions League dringend die Millionen aus dem großen Uefa-Topf, wenn man finanziell nicht weiter Boden auf die anderen Eliteklubs auf der Insel verlieren will.

Natürlich lässt sich auch mit dem kleineren Europapokal Geld verdienen. Als Halbfinalist im Vorjahr erwirtschaftete Arsenal 38 Millionen Euro an Preis- und Fernsehgeldern. Doch das reicht für das sich selbst tragende Fußballunternehmen im Besitz von US-Millionär Stan Kroenke nicht aus, um mittelfristig gegen die umsatzstärkeren, weil ständig Champions-League-alimentierten Klubs aus Manchester und Liverpool sowie den FC Chelsea aus der englischen Liga zu bestehen.

Selbst Tottenham zieht an Arsenal vorbei

Selbst die lange belächelten Spurs aus Tottenham werden Arsenal in der laufenden Saison zum ersten Mal in der Deloitte-Einkommenstabelle abhängen, da sie etwa hundert Millionen Euro für den Einzug ins Champions-League-Finale in Madrid kassieren. "Wir sind uns der finanziellen Belastung durch Europa-League-Fußball sehr bewusst", sagte Arsenal-Präsident Sir Chips Keswick im Januar. "Eine Rückkehr in die Champions League hat klare Priorität."

Midtempo-Spielmacherkunst: Mesut Özil
Nick Potts DPA

Midtempo-Spielmacherkunst: Mesut Özil

Die Gunners haben dafür zuletzt verhältnismäßig kräftig investiert. In der laufenden Spielzeit, der ersten nach der Ära Arsène Wenger, steht bei den Netto-Transferausgaben ein Minus von 76 Millionen Euro zu Buche. Eklatant besser ist die Mannschaft dadurch nicht geworden. Im Jahr eins nach Wenger wurde zwar härter trainiert und gezielter Druck auf den ballführenden Gegner ausgeübt, aber von Trainer Unai Emerys Vision des Teams als fußballerisches "Chamäleon, das im Ballbesitz gegen statische Gegner oder mit Konterattacken spielen kann", ist die wankelmütige Truppe noch ein gutes Stück entfernt.

Gefundenes Fressen für die Raubfische

Die angestrebte Flexibilität, eine feine Synthese aus Mesut Özils Midtempo-Spielmacherkunst und der rasanten Wucht von Mittelstürmer Pierre-Emerick Aubameyang (22 Saisontreffer in der Liga, Torschützenkönig mit Liverpools Sadio Mané und Mo Salah), erwies sich in der Praxis zu oft als unkenntlicher Mischmasch. Vor allem im katastrophalen Liga-Schlussspurt (drei Niederlagen und ein Unentschieden in sieben Spielen) ähnelte das Arsenal des baskischen Übungsleiters wieder dem Seepferdchen aus Wengers Spätwerk - durchaus schön anzusehen, aber eben doch ein gefundenes Fressen für die größeren Raubfische, gerade in fremden Gewässern.

Der Abstieg in der fußballerischen Nahrungskette droht im Falle eines Misserfolgs am Mittwochabend zum Dauerzustand zu werden: Dem Verein stünden ohne die Mehreinnahmen aus der Königsklasse dem Vernehmen nach im Sommer nur etwa 40 Millionen Pfund für Verstärkungen zur Verfügung. Hochwertige Alternativen für den extrem fehleranfälligen Innenverteidiger Shkodran Mustafi, Ersatz für den zu Juventus abwandernden Box-to-Box-Spezialisten Aaron Ramsey oder ein echter Könner auf den Flügeln wären damit kaum zu bekommen; die qualitative Lücke zu Meister City oder Liverpool würde noch größer werden.

Beim "wichtigsten Spiel des Jahrzehnts" ("Daily Telegraph") wird deshalb nicht weniger als die Frage verhandelt, ob Arsenal auf Sicht zumindest den Anschluss an die ersten vier zu halten vermag. Emery fehlt - wie der Mehrheit seiner Schützlinge - womöglich die Ausnahmefähigkeit, um mit dieser unfertigen Elf den schwierigen Rahmenbedingungen zum Trotz ganz nach oben zu kommen. Für das Erreichen des existenziell-bedeutsamen Zwischenziels in Baku dürfte der 47-Jährige dennoch genau der Richtige sein. Als dreifacher Europa-League-Sieger mit dem FC Sevilla hat er hinlänglich bewiesen, dass er in zweiter Reihe reüssieren kann.



insgesamt 17 Beiträge
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BurekTomate 29.05.2019
1.
Schon immer habe ich den englischen Fußball verachtet, sofern man heutzutage überhaupt vom "englischen Fußball" reden kann, wenn man sich die Besitzer, Trainer und Spieler anschaut..... Diese Saison war die reine Tortur für mich. Nicht nur dass die Engländer erfolgreich waren, viel schlimmer war das unfassbare Glück dass sie dorthin gebracht hat. Das hat mich noch mehr aufgeregt. Ich wünsche allen, die vorhaben diesen Unsinn zu schauen, ein ermüdendes 0-0
meresi 29.05.2019
2. Arsenal
verkrampft euch nicht, sonst wird des nichts mehr, denn Chelski kann befreit aufspielen bedingt durch die Position in der Tabelle.
spadoni 29.05.2019
3. BurekTomate
Ob Sie die PL und den englischen Fussball verachten, das spielt keine Rolle. Fakt ist nun mal dass die Bundeliga, sowie zahlreiche andere europäische Ligen, weit hinter der PL hinterher hinken. Ob das Ihnen passt oder nicht !!!! Und niemand zwingt Sie sich das Spiel anzusehen.
widower+2 29.05.2019
4. Wusste ich noch nicht
Ich wusste noch nicht, dass Arsenal für Premier League-Verhältnisse so klamm ist. "Nur" 40 Millionen für Neuzugänge. Jetzt verstehe ich halbwegs, warum die Gunners den abslösefreien Max Kruse verpflichten werden, wie ich aus sicherer Quelle weiß.
vogelsberg 29.05.2019
5. Geld schießt eben doch Tore
Das sieht man an den Bayern in D und den Spitzenklubs in anderen Ländern. Ausrutscher sind möglich, aber eher selten. Das Fairplay im Finanzbereich gibt es nur auf dem Papier und ist ein Märchen. Warum gibt es außer den Brausefußballern im Osten keinen BL-Klub. Weil kein Großinvestor bereit ist Geld locker zu machen. 11 Freunde sollt Ihr sein- ist ein Spruch aus einer ganz alten Zeit.
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