FC Arsenal in Topform Aufschwung oder doch nur Strohfeuer?

Nur vier Punkte hinter der Spitze - und das mit schnellem Angriffsfußball: Der FC Arsenal ist unter Wenger-Nachfolger Emery wieder der schöne FC Arsenal. Oder? Nun wartet der Härtetest gegen Liverpool.

Pierre-Emerick Aubameyang (links) und Mesut Özil
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Pierre-Emerick Aubameyang (links) und Mesut Özil


Gegen Ende der doch recht einseitigen Partie brach im Gästeblock eine bis dato nie gehörte Jubelarie aus. "We've got our Arsenal back!" intonierten die Anhänger der Gunners, während ihre Mannschaft Aufsteiger Fulham nach allen Regeln der Kunst aus dem charmant-angestaubten Craven-Cottage-Stadion fegte. 5:1 lautete das Resultat aus Sicht der Nordlondoner nach dem höchst vergnüglichen Nachmittag am Themseufer Anfang Oktober.

Der Feiergesang ist seitdem zur Hymne einer unerwartet guten Saison geworden. Nach den beiden Niederlagen gegen Manchester City (0:2) und Chelsea (2:3) zum Auftakt hat sich Arsenal unter dem neuen Trainer Unai Emery mit einer Serie von zwölf Siegen und nur einem Unentschieden in allen Wettbewerben an der Spitze der Liga zurückgemeldet; vor dem vielversprechenden Vergleich mit Jürgen Klopps Liverpool am Samstagabend im Emirates (18.30 Uhr) beträgt der Rückstand auf Englands Tabellenführer Manchester City nur vier Punkte.

Coach Unai Emery
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Coach Unai Emery

Die Fans sind begeistert vom Comeback jenes schönen, schnellen Angriffsfußballs, mit dem Arsène Wenger den Traditionsklub aus Highbury Anfang des Jahrtausends zur international bewunderten Marke gemacht hatte. "Unser Arsenal ist zurück" bezieht sich aber auch auf das wiedererwachte Gefühl des Zusammenhalts auf den Rängen.

In der Spätphase der 22-jährigen Wenger-Ära war die Anhängerschaft ob der anhaltenden Erfolglosigkeit und teils chaotisch schlechten Auftritte der Mannschaft in zwei verfeindete Lager zerfallen. Bedingungslose Unterstützer des Elsässers und militante Oppositionelle lieferten sich bei Auswärtsspielen regelmäßig kleinere Scharmützel. Emerys eindrucksvoller Start ließ bei den Kanonieren inneren Frieden und große Zuversicht einkehren. "Wir sind wieder ein Verein. Das fühlt sich sehr gut an," sagte Ex-Arsenal-Verteidiger Lee Dixon dem SPIEGEL.

Emery kam im Sommer etwas überraschend zum Trainerjob, der Vorstand hatte ursprünglich den ehemaligen Mittelfeldspieler Mikel Arteta (Pep Guardiolas Assistent bei Man City) als Wengers Nachfolger bevorzugt. Dem 46-jährigen mag das Charisma seiner Rivalen Guardiola, Klopp, José Mourinho (Man Utd) und Mauricio Sarri (Chelsea) fehlen - seine Stimme ist glasig und sein Englisch brüchig - aber die Spieler rühmen seine klaren Anweisungen und peniblen Gegneranalysen.

Arsenal-Mitarbeiter, die hinter vorgehaltener Hand noch vor Monaten entsetzt über die tiefenentspannte Wellness-Atmosphäre auf dem Trainingsgelände in London Colney berichteten, wo Profis öfters zu spät erschienen und von Wengers immergleichen Ballspielchen unterfordert wurden, sehen deutlich mehr Zug auf dem Platz. Emery trainiert komplex und variabel. Und er lässt die Kicker strampeln - direkt an der Seitenlinie hat er Fitness-Bikes aufgestellt. "Alles kein Zufall: die Statistik zeigt, dass die Truppe in dieser Spielzeit kollektiv deutlich mehr läuft und auch öfters zum Sprint ansetzt", sagte Dixon.

Kaderplaner Sven Mislintat hat gute Arbeit geleistet

An dem Aufschwung haben auch einige Neuverpflichtungen ihren Anteil. Der im Januar von Borussia Dortmund abgeworbene Kaderplaner Sven Mislintat hat in Absprache mit Sportdirektor Raul Sanllehi das lange verwaiste zentrale Mittelfeld gestärkt, für vergleichsweise wenig Geld kamen der Franzose Mattéo Guendouzi von Zweitligist Lorient und Lucas Torreira (Sampdoria), ein pitbulliger Uruguayer.

Beide tragen in Verbund mit Granit Xhaka viel dazu bei, dass die mitunter wie Herbstlaub im Sturm wabbelnde Abwehr um den Ex-Borussen Sokratis und Weltmeister Shkodran Mustafi einigermaßen geschützt ist, und sich die beachtliche Offensivabteilung (Pierre-Emerick Aubameyang, Alexandre Lacazette, Mesut Özil) nach Lust und Laune austoben kann. Im Tor hat derweil Bernd Leno Routinier Petr Cech, 36, den Rang abgelaufen. Der ehemalige Leverkusener passt mit seinen guten fußballerischen Fähigkeiten besser in Emerys System.

Nach Geschmack des Trainers ist es noch etwas zu früh, um Arsenals Wiederauferstehung als wirklich konkurrenzfähige Mannschaft zu bejubeln. "Ich bin nicht ganz der Meinung der Fans, wir müssen uns noch deutlich verbessern", warnte er. "Unsere Ansprüche müssen sehr hoch sein." Angesichts einiger Probleme in der Rückwärtsbewegung fiel so manches Ergebnis vermutlich etwas zu gut aus. Im Duell mit den rasant schnellen Umschaltspezialisten von der Mersey wird sich jetzt zeigen, ob der FC Arsenal tatsächlich schon wieder da ist, wo er war, als auch großformatige Gegner reihenweise vor seiner spielerischen Eleganz kapitulierten.



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