Arsenal-Trainer Arsène Wenger Geschichte wiederholt sich als Farce

Lange schien Arsène Wenger der perfekte Trainer für den FC Arsenal zu sein. Die ganz großen Erfolge fehlen aber schon lange. Vor dem Champions-League-Spiel beim FC Barcelona kippt in London die Stimmung.
Arsène Wenger

Arsène Wenger

Foto: Manu Fernandez/ AP

Am vergangenen Freitag hielt Stan Kroenke einen Vortrag bei der "MIT Sloan Sports Analytics Conference" in Boston. Das alleine ist schon beachtlich, weil der verschwiegene Multimilliardär selten in der Öffentlichkeit auftritt. Kroenke ist ein Immobilien-Entwickler. Er ist aber auch Mehrheitseigner des FC Arsenal. Die Fans des Londoner Fußballklubs werden aufgehorcht haben, als der Amerikaner seine Philosophie als Eigentümer von Sport-Teams erklärte: "Für mich muss Realitätssinn dabei sein. Wenn du Meisterschaften gewinnen willst, würdest du niemals einsteigen." Für ihn, so Kroenke, gehe es darum, Sportmannschaften zu "real businesses" zu machen.

Zwei Tage nach Kroenkes Vortrag schied Arsenal im Viertelfinale des FA-Cups aus, durch eine Heimniederlage gegen den kleinen FC Watford. Nur ein Wunder kann verhindern, dass die Gunners in der Champions League in Barcelona ihr letztes Spiel bestreiten werden: Das Hinspiel zu Hause verloren sie 0:2. Und in der Premier League? Da war Arsenal zu Jahresbeginn Erster. Und hat aktuell elf Punkte Rückstand auf Leicester City.

Seit zwölf Jahren war Arsenal nicht mehr Englischer Meister. Aber seit 1998 spielten die Londoner jede Saison in der Champions League. Das ist das Verdienst von Arsène Wenger. Seit fast 20 Jahren ist der Franzose Trainer des FC Arsenal.

Wenger krempelte Arsenal komplett um

Als Wenger im September 1996 aus Japan, wo er Nagoya Grampus trainiert hatte, zu Arsenal kam, war Helmut Kohl noch Bundeskanzler. "Braveheart" war der aktuelle Oscar-Gewinner. Und Arsenal war, wie Nick Hornby es in seinem Buch "Fever Pitch" so charmant beschrieben hatte, ein urenglischer Klub mit dem Ruf, tristen Defensivfußball zu spielen.

Thierry Henry

Thierry Henry

Foto: Clive Mason/ Getty Images

Wenger änderte das innerhalb weniger Jahre. Er hielt zunächst an Torwart David Seaman und der aus englischen Haudegen bestehenden Viererkette fest: Tony Adams, Martin Keown, Nigel Winterburn und Wengers heutiger Co-Trainer Steve Bould sorgten für den Rückhalt. Davor aber ließ Wenger mit Dennis Bergkamp, Patrick Vieira, Nicolas Anelka, Marc Overmars und später Thierry Henry rasanten Konterfußball spielen, wie ihn die Premier League noch nicht gesehen hatte. In Wengers erster kompletter Saison wurde Arsenal Meister.

Im damals noch von Alkohol-Exzessen und Party-Mentalität geprägten englischen Fußball schlug Wenger wie ein Blitz ein. In acht fabelhaften Jahren wurde Arsenal immer mindestens Zweiter der Premier League. Drei Meistertitel feierte Wenger, einen davon 2004 nach einer ungeschlagenen Saison. Doch die anderen Klubs der Liga veränderten sich nach und nach ebenfalls.

Die Premier League hat sich neu erfunden

Investoren aus aller Welt begannen, sich für die Premier League zu interessieren. Während sie für teils abenteuerliche Summen Spielertransfers tätigten, investierte Arsenal in Steine, nicht Beine. 2006 verließ der Klub das Highbury-Stadion, das 38.000 Fans gefasst hatte, und zog um ins nagelneue Emirates Stadium. Hier fanden mehr als 60.000 Zuschauer Platz.

Wenger selbst erklärte damals, der Umzug werde es Arsenal erlauben, "zu einem der größten Klubs der Welt zu werden". Das hat nur finanziell funktioniert. Sportlich sieht die Bilanz seit dem Stadionwechsel so aus: Kein Meistertitel, kein Vizemeister, kein internationaler Titel, zweimal den FA-Cup gewonnen. Vom Umsatz her aber ist Arsenal der siebtreichste Verein der Welt. Ein "real Business" nach Kroenkes Geschmack.

Mesut Özil

Mesut Özil

Foto: Facundo Arrizabalaga/ dpa

Die Einnahmeseite stimmt bei den Gunners. Kein Klub der Welt verkauft teurere Dauerkarten. Durch die jährliche Champions-League-Teilnahme fließen die Gelder der Uefa ebenso wie die stetig steigenden Einkünfte aus der Vermarktung der Premier League. Den Fußball des Teams entwickelte Wenger weiter vom Konter- zum Ballbesitzfußball. Der reichte aus, um die meisten kleineren Gegner in der Liga zu dominieren - nie aber für die Spitze.

In dieser Saison sollte alles anders werden. Chelsea, Manchester United und Manchester City schwächelten. Angeführt vom überragenden Mesut Özil konnte Arsenal auf einmal Topspiele gewinnen und war im Januar der Titelfavorit Nummer eins. Doch selbst Leicester City scheint aktuell zu stark für die Gunners zu sein. Und als ultimative Schmach könnte der Nordlondoner Erzrivale Tottenham Hotspur erstmals seit Wengers Amtsantritt wieder vor Arsenal landen.

Der Journalist Jonathan Wilson hat geschrieben, dass Wengers Krisenmanagement Züge von Selbst-Parodie trage. Immer wieder greife er zu den Maßnahmen, die schon seit Jahren nicht funktionieren. Das passt zur Albert Einstein zugeschriebenen Definition von Wahnsinn: "das gleiche immer wieder zu versuchen und ein unterschiedliches Ergebnis erwarten".

Wenger selbst hat die immer wiederkehrenden Diskussionen um seine Person als "Farce" bezeichnet. Das wiederum erinnert an ein Zitat von Karl Marx: Geschichte ereigne sich stets zweimal: erst als Tragödie, dann als Farce. Wengers Vertrag läuft noch bis 2017.

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