Augsburg in der Europa League Fast schon raus - und das ist gut so

Der FC Augsburg steht nach der Pleite gegen Bilbao vor dem Aus in der Europa League. Die Verantwortlichen dürften froh darüber sein.

AFP

Von Sebastian Winter, Augsburg


Normalerweise beantwortet Marwin Hitz, der Torwart des FC Augsburg, die Fragen der Journalisten gerne und ausführlich, aber normal war an diesem nasskalten Donnerstagabend nicht viel. Bei Europa-League-Spielen sind die Bestimmungen anders, Hitz durfte nicht im warmen Umkleidetrakt bleiben. Der 28-jährige Schweizer hustete ein paar Mal in die Mikrofone. Ihm passte das alles nicht, die Kälte, die Fragen, nicht nach dieser bitteren 2:3-Niederlage gegen Atletic Bilbao. Und dann fragte er leicht gereizt: "Was sollen wir jetzt rumweinen?"

Geweint hat keiner der Augsburger, jedenfalls nicht öffentlich. Aber wie schockgefroren wirkten sie schon noch bei der Analyse der von Graupelschauern und Schneefall begleiteten Partie. Sie hatten die Spanier nach deren Führungstreffer an den Rand einer Niederlage gebracht, durch Tore von Piotr Trochowski (41. Minute) und Raúl Bobadilla (59.). Doch dann sorgte Bilbaos Torjäger Aritz Aduriz mit seinen beiden Treffern (83./86.) für die plötzliche Wende - wie schon im Heimspiel Bilbaos gegen Augsburg. "Wir sind sehr enttäuscht. Es läuft keine Musik in der Kabine, es sitzen alle da und machen sich Gedanken über das Spiel", sagte Hitz.

Bis zur 83. Minute hatte sich Augsburg mit viel Kampfgeist eine sehr gute Ausgangsposition für das letzte Gruppenspiel in knapp zwei Wochen bei Partizan Belgrad erarbeitet. Ein Unentschieden hätte dann gereicht, um in die nächste Runde einzuziehen. Doch als nach krassen Abwehrfehlern und dem Doppelschlag von Aduriz auch noch der direkte Konkurrent Belgrad in letzter Minute in Alkmaar gewann, zerbarsten die Augsburger Träume vom Überwintern in der Europa League fast gänzlich.

Augsburg muss in Belgrad 3:1 gewinnen

Weil bei Punktgleichheit der direkte Vergleich zählt und Belgrad das Spiel in Augsburg 3:1 gewann, müssen die Schwaben nun auch 3:1 in Belgrad siegen. Dann wären sie aufgrund der besseren Tordifferenz Zweiter hinter Bilbao. "Es ist nicht unmöglich, in Belgrad drei Tore zu schießen", sagte Augsburgs Trainer Markus Weinzierl. Überzeugt klang er nicht.

Sie würden es natürlich nie zugeben, aber insgeheim dürften Weinzierl und seine Spieler ganz froh darüber sein, dass ihre Europa-League-Reise in Belgrad wohl zu Ende geht. Der Wettbewerb war immer ein Kür-Element für Augsburg in dieser Saison, bei der Pflicht Bundesliga war der Klub auch deswegen arg ins Schlingern geraten. So sehr, dass er trotz des jüngsten Aufwärtstrends nur Vorletzter ist. "Die Bundesliga ist wichtiger", appellierte der Coach daher vor der Bilbao-Partie an die Mannschaft - und auch an die 23.741 Zuschauer.

Weinzierl fürchtet die Doppelbelastung, die schon vielen eher mittelmäßigen Klubs, die sich plötzlich für den internationalen Wettbewerb qualifiziert hatten, zum Verhängnis wurde. Hertha BSC Berlin stieg 2009/2010 ab, Nürnberg 2007/2008 ebenfalls, nachdem der FCN sogar im Uefa-Cup überwintert hatte. Mainz und Freiburg hatten in der jüngeren Vergangenheit Glück, sie konnten sich als Europa-League-Teilnehmer gerade so in der ersten Liga halten.

Verletzte und überspielte Profis

Bei Augsburg kommt derzeit noch hinzu, dass in Markus Feulner, Sascha Mölders, Tobias Werner und Jeong-Ho Hong zurzeit viele Spieler verletzt oder krank fehlen und manche, wie Halil Altintop, schlicht überspielt wirken. Bei so vielen englischen Wochen kann das fatal werden für nicht ganz so gut bestückte Kader wie den der Augsburger.

"Das war auch heute im Hinterkopf, dass wir am Sonntag wieder spielen. Wir haben die Kräfte verteilt, wir werden wieder rotieren und frische Spieler aufs Feld bringen", sagte Weinzierl, der damit zugab, sein Personal für das wichtige Spiel gegen Wolfsburg geschont zu haben.

So einen bitteren Abend wollten die Augsburger dennoch nicht erleben. Sie haben eine Lektion in puncto Cleverness und Spieleinteilung erhalten. "Uns hat vielleicht auch ein bisschen die Kraft gefehlt, der Rasen war sehr tief", sagte Daniel Baier. Und mit der Müdigkeit vermehren sich auch die Unachtsamkeiten.

Torwart Hitz ging dann wieder nach drinnen, er hatte ja noch gar nicht geduscht. Aber er lächelte schon wieder. "Es braucht jetzt keiner drei Tage den Kopf nach unten senken", sagte er. "Wenn uns jemand gesagt hätte, dass es im letzten Spiel noch um was geht in der Europa League, dann hätten wir das angenommen."

Es geht aber wohl nur um eines: Sich anständig zu verabschieden von der internationalen Bühne, um dann in der Bundesliga-Rückrunde die Klasse zu halten.

FC Augsburg - Athletic Bilbao 2:3 (1:1)
0:1 Susaeta (10.)
1:1 Trochowski (41.)
2:1 Bobadilla (59.)
2:2 Aduriz (83.)
2:3 Aduriz (86.)
Augsburg: Hitz - Verhaegh, Janker, Klavan, Stafylidis - Kohr, Baier - Esswein (76. Koo), Altintop (56. Bobadilla), Trochowski (55. Caiuby) - Ji.
Bilbao: Herrerín - Boveda, Gurpegi, Laporte, Balenziaga - San Jose (73. Iturraspe), Rico - Susaeta, Eraso (58. Garcia), Merino (58. Williams) - Aduriz.
Schiedsrichter: Artur Soares Dias (Portugal)
Zuschauer: 23.741
Gelbe Karten: Kohr (3), Esswein (3)



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
steellynx 27.11.2015
1.
Wenn ich nicht irre, hat Bilbao den spanischen Supercup 2015 gewonnen. Aber ob das in diesem Zusammenhang die Bezeichnung "Titelverteidiger" rechtfertigt weiß ich nicht...
team_frusciante 27.11.2015
2.
"Mainz und Freiburg hatten in der jüngeren Vergangenheit Glück, sie konnten sich als Europa-League-Teilnehmer gerade so in der ersten Liga halten." Die Doppelbelastung dürfte sich für die Mainzer, für die bisher immer nach einer Qualirunde gegen rumänische und griechische Dorfclubs Schluss war, in Grenzen gehalten haben.
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