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Neymar-Transfer zu Barcelona Ich, ich, ich!

Er gilt als extrovertiert, schwierig im Umgang, nah am Größenwahn. Der 21 Jahre alte Neymar ist eines der größten Talente des Weltfußballs. Nun hat der FC Barcelona den Brasilianer vom FC Santos verpflichtet, Trainer Tito Vilanova steht vor einem gewaltigen Luxusproblem.

Es war die Nacht zum Sonntag, im Londoner Hotel Grosvenor House feierten die Bayern-Spieler ihren Champions-League-Triumph. Bis zu den trauernden Dortmundern im Natural History Museum waren es nur drei Kilometer, immer am Hyde Park entlang. Die beiden deutschen Finalisten verarbeiteten auf ihre Art den Ausgang dieses Finales, das viele als Zeichen für die neuen Machtverhältnisse im Fußball sehen, da sendete der FC Barcelona eine Kampfansage.

Dabei waren es noch nicht einmal die Spanier selbst, sondern der Twitter-Nutzer NJR92, hinter dem sich Neymar da Silva Santos Júnior verbirgt, besser bekannt als: Neymar. Der Mann mit den vielen Namen und noch mehr Frisuren war lange Zeit auch der Spieler, an dem weltweit die meisten Groß-Clubs baggerten. Chelsea, Real Madrid, angeblich auch der FC Bayern - alle wollten den Brasilianer, nun hat ihn Barça.

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Neymar: Der mit dem Ball tanzt

Foto: UESLEI MARCELINO/ REUTERS

"Meine Familie und Freunde kennen bereits meine Entscheidung. Montag werde ich einen Vertrag mit Barcelona unterschreiben", kündigte der 21-Jährige an. Die Katalanen, in den Halbfinalspielen gegen Bayern insgesamt 0:7 untergegangen, wollen damit eine klare Botschaft senden: Wir werden noch stärker wiederkommen. Im Frühjahr hatte sich der Transfer bereits abgezeichnet, einen angeblichen Vorvertrag mit den Katalanen dementierte Neymar, er wolle bis 2014 bei seinem Club FC Santos bleiben und nach der Weltmeisterschaft im eigenen Land den Schritt nach Europa wagen.

"Ist doch gut, wenn man Neymar 'YouTube-Spieler' nennt"

Für die WM ist er der große Hoffnungsträger in einer Nationalmannschaft, die in der Weltrangliste auf Platz 19 abgerutscht ist. Fast noch schlimmer für die brasilianischen Fans als die schlechten Ergebnisse der jüngeren Vergangenheit: Es fehlt an Spielfreude, an Glanz, an Zauber.

All das verkörpert niemand besser als Neymar. Selbst Lionel Messi, sein künftiger Teamkollege, ordnet sein Genie dem Zweck unter. Wenn Messi dribbelt, dann in Richtung Tor; wenn er einen Gegner tunnelt, dann, um Raum zu gewinnen; wenn er einen Übersteiger macht, dann, um den Verteidiger zu verladen. Nicht so Neymar.

Schon wenn der Gegenspieler noch fünf Meter entfernt ist, kommt der erste Trick, dann der zweite, dann der dritte. Manch einen Angreifer düpierte er schon mit einem Beinschuss und war bereits unterwegs in den Strafraum, nur um plötzlich abzustoppen, der Ball wie festgeklebt an seinem Fuß, und den nachsetzenden Gegner erneut zu tunneln. Weshalb er das tut? Weil er es kann.

Kritiker bezeichnen solche Soloauftritte als Mätzchen, Neymar selbst als "YouTube-Spieler", als Fußballer also, der für spektakuläre Einlagen gut ist, aber eine Mannschaft wenig weiterbringt. "Ist doch gut, wenn man ihn so nennt", entgegnet Barcelonas Trainer Tito Vilanova auf solche Vorwürfe. "Er hat nunmal schon tolle Tore geschossen und großartige Spiele gemacht."

Nicht alle seiner 256 Pflichtspiele für den FC Santos mögen großartig gewesen sein, die 156 Treffer sind es allemal. Seit 2003 spielt Neymar für Pelés Ex-Club, in der "Meninos da Vila", der Jugendakademie des Vereins, wurde der 1,74 Meter große Schlaks zu einem der größten Talente des Weltfußballs: technisch brillant, extrem schnell und torgefährlich. Real Madrid lud ihn als 14-jährigen zum Probetraining ein, doch der Vater, Neymar senior, war gegen einen frühen Wechsel nach Europa: "Mein Sohn fühlte sich damals dort nicht wohl, deshalb brachen wir das ab", sagte er 2011 dem "Kicker".

Neymar stritt mit dem Trainer - der Coach musste gehen

Mit 17 Jahren schaffte Neymar den Sprung ins Profiteam, in der Saison 2010 gelangen ihm bereits 14 Treffer in der Liga. "Wenn er so weitermacht, kann er sogar besser werden, als ich es war", schwärmte Pelé. Neymar spürte schnell, wie gut er ist. Seinem ohnehin schon gewaltigen Selbstbewusstsein verpasste der Aufstieg weitere Schübe.

Im Herbst 2010 kam es zum Machtkampf zwischen Santos-Trainer Dorival junior und dem Jungstar. Der fühlte sein Können nicht ausreichend gewürdigt und beleidigte seinen Trainer in der Öffentlichkeit. Der Coach stellte dem Vorstand ein Ultimatum - und wurde in der Woche darauf entlassen. Fast schien Neymar über seine neue Macht erschrocken, als er einige Monate später in einem Interview mit fifa.com sagte: "Das war eine Erfahrung, durch die ich viel gelernt habe und die sich hoffentlich nie wiederholen wird."

Doch so nachdenklich präsentiert sich Neymar selten. Selbst in seiner Heimat attestiert man ihm schon länger einen Hang zum Größenwahn. Seine Frisuren wechselten bald monatlich und stellen selbst Marco Reus' Haarschopf in den Schatten. Mit millionenschwerem Schmuck behangen reiht Südamerikas Fußballer der Jahre 2011 und 2012 einen Gastauftritt im TV oder in Musikvideos auf den nächsten. Im Mittelpunkt steht dabei - wie auf dem Platz - nur einer: er selbst.

Beim FC Santos konnte das noch funktionieren, in Barcelona ist nun Trainer Vilanova gefragt. Mit Lionel Messi hat er bereits einen Spieler in der Mannschaft, der jeden Ball fordert und meistens auch bekommt. Auch wenn Neymar bei den Spaniern über die linke Seite kommen wird und Messi über rechts: Am besten ist der Argentinier, wenn das Spiel auf ihn zugeschnitten ist, große Stars wie Thierry Henry und Zlatan Ibrahimovic kamen neben dem Dauer-Weltfußballer kaum zur Entfaltung. "Messi ist die Gegenwart, Neymar aber das Versprechen an die Zukunft", sagt Pelé. Und sein Landsmann habe dem Argentinier sogar eines voraus: "Er ist beidfüßig stark."

Dass das rund 50 Millionen Euro teure Transferpaket ein Risiko ist, glaubt Vilanova aber nicht: "Es ist ein Traum, so einen Stürmer zu haben. Je mehr Spieler dieser Art wir haben, desto größer werden unsere Siegchancen." Nun müsse er die Stärken seiner Stars bestmöglich kombinieren, weiß der 44-Jährige. Am einfachsten wäre es wohl für den Trainer, Barcelona dürfte künftig mit zwei Bällen spielen, einen für jeden der beiden Megastars.