FC Barcelona Das Prinzip Messi ist Teil des Problems

Gegen Atlético Madrid erzielt Lionel Messi sein 700. Karrieretor. Aber die Meisterschaft ist für den FC Barcelona wohl verloren. Die Abhängigkeit vom größten Star lähmt den schwer kriselnden Klub.
Von Florian Haupt, Barcelona
Lionel Messi

Lionel Messi

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David Ramos/ Getty Images

Ein Elfmeter vor einer leeren Kurve: Es gibt glamourösere Wege, das 700. Tor zu begehen. Aber mehr ist nun mal nicht drin gewesen. Fans sind derzeit ja verboten. Und mit den Toren war es zuletzt auch gar nicht mehr so leicht, für seine Verhältnisse jedenfalls. Dreieinhalb Spiele musste Lionel Messi auf den nächsten Meilenstein seiner atemberaubenden Karriere warten. Als es dann so weit war, veredelte er ihn, so gut es ging: Wie einst Antonín Panenka im EM-Finale 1976 schnibbelte er den Elfmeter sanft ins Tor.

Der Treffer zum zwischenzeitlichen 2:1 im Spitzenspiel gegen Atlético Madrid (Endstand 2:2) war sein 630. Pflichtspieltor für Barças erste Mannschaft (70 für Argentinien). Laut den Zahlen von RSSSF - einer Art Wikipedia der Fußballstatistik - liegen in der Geschichte nur noch sechs Spieler vor ihm. Der österreichisch-tschechoslowakische Stürmer Pepi Bican (805 Tore zwischen 1931 und 1955) sowie fünf der Allzeit-Größten: Romário (772), Pelé (767), Ferenc Puskas (746), Gerd Müller (735) - und sein zweieinhalb Jahre älterer Dauerrivale Cristiano Ronaldo (728).

Wer weiter aufschlüsseln möchte: Messi traf 582 mal mit links (darunter 53 Freistöße und 90 Elfmeter), 92 mal mit rechts, 24 mal mit dem Kopf und je einmal mit Brust und Hand. Seit 2009 schoss er jede Saison mindestens 40 Tore. Bis jetzt.

Denn an einem schwarzen Dienstag waren das für die Fans des FC Barcelona nur kalte Zahlen. Wo am frühen Abend bereits die Basketballer das Ligafinale verloren hatten, bedeutete das Remis gegen Atlético wohl das Ende aller Meisterambitionen im Fußball. Real Madrid kann am Donnerstag gegen Getafe auf vier Punkten Vorsprung davonziehen und hat außerdem den bei Punktgleichheit ausschlaggebenden direkten Vergleich für sich entschieden. Selbst wenn Barça die noch ausstehenden fünf Spiele gewinnt, wird es die Saison mit der schlechtesten Punkteausbeute seit zwölf Jahren beenden.

Es gibt viele Gründe für den Verfall. Ein skandalumwittertes Präsidium, das zuletzt nur mit künstlich aufgeblähten Preisen beim Spielertausch von Arthur Melo und Miralem Pjanic mit Juventus Turin (72 beziehungsweise 60 Millionen Euro) den Geschäftsabschluss retten konnte. Ein erratisches Management mit sündteuren Fehlgriffen wie Philippe Coutinho, Ousmane Dembélé und - nach nur 86 Minuten Einsatzzeit in den vergangenen vier Partien darf man ihn wohl offiziell dazuzählen - Antoine Griezmann. Trainer mit beschränkter Ausstrahlung, ob wie bis zum Januar Ernesto Valverde oder seitdem Quique Setién. Eine Mannschaft voller Veteranen, die zur Renovierung ihres verarmten Fußballs nicht mehr in der Lage ist. Und insofern auch Messi. Ja, auch Messi.

Fast jeder Angriff orientiert sich an ihm

Bei 27 Saisontoren steht er. Erstmals seit über einer Dekade wird es wohl nichts mit den 40 Treffern. Viel zu groß sind seine Verdienste und viel zu gut immer noch sein Fußball - aber auch im anstehenden Ende einer Ära wird Messi zum Symbol eines Vereins, den er geprägt hat wie keiner jemals vor ihm.

Während der Saison 2009/2010 zog ihn der damalige Trainer Pep Guardiola dauerhaft vom Flügel in die Mitte und stattete ihn als "falsche Neun" mit freier Lizenz für alle Zonen des Angriffs aus. Seit der Saison 2014/2015 ist ihm mit Luis Suárez wieder eine echte Neun vorangestellt, aber hinter Messis Omnipräsenz gab es keinen Weg mehr zurück, sie hat sich immer mehr verselbständigt. Mit der herkömmlichen Nummernlehre lässt sie sich nicht greifen. Messi ist nicht nur Barças bester Torschütze, sondern auch der Spielmacher. Fast jeder Angriffszug orientiert sich an seiner Position, fast jeder Ball wird bei ihm abgeliefert. Vergleichbar insofern vielleicht mit einem Michael Jordan. Doch im Basketball spielen fünf. Im Fußball spielen elf.

Wie lange das Prinzip Messi funktionierte, ist Ausweis seiner einmaligen Klasse. Doch jetzt tut es das nur noch zur Hälfte. Zu Hause im weiten Camp Nou, das die Gegner so einschüchtert. Selbst nach dem Remis gegen Atlético hat Barça dort 47 von 51 möglichen Punkten geholt. Auswärts sind es aber nur 23 von 48 möglichen Punkten.

Noch eklatanter sind Messis persönliche Werte. Von seinen 22 Ligatoren schoss er 18 Tore daheim. Nur vier auswärts. Der Weltfußballer ist zum Heimspieler geworden.

Auswärtsspiele sind zum Problem geworden

Das ist insofern neu, als es die Diskrepanz davor nur in der Champions League gab. Dort hatte Messi in den vergangenen drei Saisons 22 Tore daheim geschossen, aber nur sieben auswärts. Drei Spielzeiten, in denen Barça durch ein 0:3 in Turin, ein 0:3 in Rom und ein 0:4 in Liverpool ausschied. Jeweils mit einem tief frustrierten Messi, Spiegel seiner Elf. Wenn bei ihm nichts geht, geht bei den anderen erst recht nichts.

Wer dabei Henne ist und wer Ei, ob er zu viel an sich reißt, oder ob die anderen zu viel bei ihm abladen, ist letztlich wie immer eine philosophische Frage. Empirisch ist Barça in seiner Dekadenz an einem Punkt angelangt, an dem die Auswärtsspiele in der Liga so große Probleme bereiten wie früher nur die in Europa. Dafür scheint es nicht mal feindliches Publikum zu brauchen. Ob vor Corona oder danach: null Tore in Valencia, null bei Real Madrid, null in Bilbao, null in Sevilla. Zuletzt ein 2:2 beim Viertletzten in Vigo. Am Sonntag geht es zum formstarken Sechsten Villarreal.

Messi selbst ist seit vergangener Woche 33 Jahre alt. Eine Ausstiegsklausel aus seinem Vertrag ließ er verstreichen. 2021 läuft er aus, doch weil die Angst vor dem Loch ohne ihn bei Barça alles andere überlagert, wird er für eine Verlängerung kaum Abstriche von seinem astronomischen 100-Millionen-Euro-Jahresgehalt befürchten müssen. Auch in finanzieller Hinsicht gilt beim klammen FC Barcelona, dass sein historischer Star nicht immer nur Lösung ist - sondern auch Teil des Problems.

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