Barcelonas Fiasko in Liverpool Außer Kontrolle

Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres scheitern Messi und das alternde Barcelona nach einer Drei-Tore-Führung in der Champions League. Es gibt mildernde Umstände - aber der Umbruch ist bereits eingeleitet.

Lionel Messi vor Liverpool-Fans
Shaun Botterill / Getty Images

Lionel Messi vor Liverpool-Fans

Aus Liverpool berichtet


Wer Sergio Busquets beobachtet, sieht das ganze Spiel. Das sagte einmal der ehemalige spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque über Barcelonas eleganten, tief stehenden Verbindungsmann im Mittelfeld, und er hatte recht. Das epische 4:0 des FC Liverpool gegen den FC Barcelona im Rückspiel des Champions-League-Halbfinals stützte diese These.

Die 20. Minute lief, es stand bereits 1:0 für Liverpool, und das Spiel kannte hier schon keine Querpässe mehr. Wie die unruhige See vor einem Unwetter wogten die Angriffe hin und her. Busquets wollte sie bändigen. Er eroberte am eigenen Strafraum den Ball. Doch bevor der 30 Jahre alte zentrale Mittelfeldspieler nur den Gedanken an eines seiner üblichen, Raum öffnenden Anspiele zu Ende denken konnte, war ihm von schräg hinten schon James Milner in den Ball gesprungen, war ihm auch Jordan Henderson von vorn auf den Spann getreten.

Busquets ist ein Spieler, der aufgrund seines Raumgefühls kaum Zeit benötigt für seine Kunst. Liverpool gewährte ihm an diesem wundersamen Abend oft gar keine. Der Kontrolleur des katalanischen Spiels wurde selbst kontrolliert.

"Liverpool hat sehr hoch gepresst, wir konnten nie zur Ruhe kommen", analysierte Barcelonas Trainer Ernesto Valverde das Scheitern. Wenn man die ständigen Angriffe nicht stoppe und den Gegner selbst nicht verwunde, dann passiere eben, was passierte. "Wir müssen Liverpool gratulieren. Sie waren richtig gut. Wir gehen jetzt in eine schwere Zeit in den nächsten Tagen."

Dienstagnacht in Liverpool erlitt Barça einen der schlimmsten Schiffbrüche der jüngeren Vereinsgeschichte. Dass sich das 0:4 im Nachklang zu einem monströsen Fiasko auswächst, liegt daran, dass die Katalanen diesbezüglich Wiederholungstäter sind.

Schon vor einem Jahr scheiterten Lionel Messi und seine Kollegen nach einer Führung mit drei Toren aus dem Hinspiel. Barça hatte die AS Rom daheim 4:1 bezwungen, nur um im Rückspiel 0:3 zu verlieren und völlig überraschend zum dritten Mal hintereinander im Viertelfinale der Königsklasse auszuscheiden. "Wir haben schon schmerzliche Niederlagen erlebt, aber diesmal ist es besonders schlimm", sagte Valverde nun.

Es werden jetzt sicher Fragen gestellt: Nach der Tauglichkeit des Trainers etwa, der schon nach dem Debakel von Rom in der Kritik stand, weil er damals die rechte Seite mit Sergi Roberto und Nélson Semedo sehr defensiv aufstellte und überhaupt der Abwehrarbeit mehr Beachtung schenkte als das in Katalonien üblich war. Es wird auch gefragt werden, ob Barça ein zu altes Team beschäftigt. 29,1 Jahre betrug der Altersdurchschnitt der Startelf am Dienstag. Liverpool war im Durchschnitt drei Jahre jünger (26,3). Das muss kein Faktor sein, wenn man das Spiel kontrolliert. Aber es kann einer werden, wenn man sich auf ein solch physisches Gefecht einlässt wie in Liverpool. Die zwei schnellen Tore von Georginio Wijnaldum innerhalb von 122 Sekunden zum 2:0 und 3:0 in Hälfte zwei "haben uns geschafft", gab Valverde zu. In der Endphase hatte seine Mannschaft kaum noch Reserven.

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Liverpools 4:0 gegen Barcelona: This is Anfield

"Die Spieler müssen das verantworten"

Valverde ist ein leidenschaftlicher Fotograf, dessen Beiwerk zum Barça-Erfolg der vergangenen Monate bisweilen kleingeredet wurde wie bei einem Fotoknipser und einem gelungenen Bild, dessen Motiv ja eigentlich schon vor dem Knipser da war und von diesem dann nur noch anständig eingefangen werden musste. Nun hatte er keine Lust, die alleinige Schuld für das desaströse Gesamtbild zu übernehmen: "Die Spieler, die auf dem Platz standen, müssen das verantworten", sagte der Trainer.

In Spanien ist Valverde vor anderthalb Wochen zum zweiten Mal in Serie Meister geworden und kann am 25. Mai mit dem Sieg im Endspiel der Copa del Rey gegen Valencia immer noch das Double schaffen. "Wir haben jetzt noch die Chance auf den Pokal, aber im Moment fühlt es sich einfach nur schrecklich an", sagte der 55-Jährige. Am Ende misst sich auch bei den Katalanen der Erfolg einer Saison an der Champions League.

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Liverpool, Schumacher, Graf: Die größten Aufholjagden der Sportgeschichte

Doch ganz so düster muss das Fazit dort nicht ausfallen. Barça kassierte gegen Liverpool die allererste Niederlage dieser Königsklassenspielzeit. In vier der vergangenen fünf Champions-League-Spiele zuvor hatte man zudem kein einziges Gegentor kassiert und mit 26 eigenen Treffern die zweitbeste Quote im Wettbewerb (nach Manchester City mit 30). Und auch gegen Liverpool gab es ja durchaus genügend Chancen, dem schwertrasselnden Gegner alle Zuversicht zu nehmen. Schauen wir hierzu noch einmal auf Sergio Busquets.

Barcelona vergibt beste Chancen

Der hatte in der 16. Minute gleich drei Mitspieler mit einem einzigen pflaumenweichen Pass aus dem Fußgelenk hinter die Liverpooler Defensivreihe in Abschlussposition gebracht. Doch der an diesem Tag herausragende Ex-Schalker Joel Matip stoppte Messi noch im Strafraum, obwohl dieser mit Luis Suárez und Philippe Coutinho deutlich in der Überzahl war.

Messi nicht brillant sein zu lassen und dazu noch selbst mindestens drei Tore zu erzielen, das war die nahezu unmögliche Aufgabe für Jürgen Klopps Liverpool gewesen. Es gelang nicht vollends, denn Messi war trotzdem unverschämt gut, hatte Chancen wie in der 14. und 19. Minute. Doch wenn den besten Spieler der Welt das Glück verlässt, gibt es bei Barça derzeit zu wenige andere, die es zurückholen. "Nach dem Hinspiel fühlten wir uns, als seien wir besser gewesen als das 0:3", sagte Klopp, als er auf Barças Leistung angesprochen wurde. "Nun, nach dem Rückspiel, wird sich Barcelona so fühlen, als seien sie besser gewesen als das 0:4. Und das stimmt."

Barça hat eine Mannschaft, die sich im Herbst befindet. Aber der Umbruch ist bereits eingeleitet. Im Sommer kommt Frenkie de Jong von Ajax Amsterdam, ein neuer Verbindungsmann. Matthijs de Ligt könnte folgen und den mehr und mehr hölzernen Gerard Piqué in der Innenverteidigung beerben. Mit dem klugen Feinfuß Arthur befindet sich bereits ein Spieler der Zukunft im eigenen Kader.

Regelmäßige Wunder

Und dann gibt es da ja vielleicht noch einen anderen mildernden Umstand für das Barça-Fiasko: Den, dass spektakuläre Aufholjagden in der Champions League mittlerweile keine Seltenheit mehr sind. Barcelona war selbst mehrmals daran beteiligt: als Sieger wie beim 6:1 gegen Paris nach einem 0:4 im Hinspiel 2017 und als Verlierer wie in Rom 2018. In dieser Saison häufen sich zudem die "Wunder": Es gab das 3:1 von Manchester United in Paris nach einem 0:2 daheim im Hinspiel, das 4:1 von Ajax im Rückspiel bei Real Madrid nach einem 1:2 zu Hause, oder das 3:0 von Juventus Turin nach einem 0:2 bei Atlético Madrid.

Vielleicht spricht das dafür, dass man in dieser leistungsdichten, spektakulären Königsklassen-Saison leicht Totalschaden erleiden kann - wenn man die Kontrolle verliert. Selbst dann, wenn man einen guten Lionel Messi dabeihat.

FC Liverpool - FC Barcelona 4:0 (1:0)
1:0 Origi (7.)
2:0 Wijnaldum (54.)
3:0 Wijnaldum (56.)
4:0 Origi (79.)
Liverpool: Alisson - Alexander-Arnold, Matip, Virgil van Dijk, Robertson (46. Wijnaldum) - Henderson, Fabinho, Milner - Shaqiri (90. Sturridge), Origi (85. Gomez), Mané
Barcelona: ter Stegen - Sergi Roberto, Piqué, Lenglet, Jordi Alba - Vidal (74. Arthur), Rakitic (80. Malcolm), Sergio Busquets, Coutinho (60. Semedo) - Messi, Luis Suárez
Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)
Gelbe Karten: Fabinho, Matip / Sergio Busquets, Rakitic, Semedo
Zuschauer: 52.000

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Seite 1
der_rookie 08.05.2019
1. Hm
Messi ist einer der lauffaulsten Spieler der Champions League. Damit spart er sich die Kraft fuer seine brillianten Dribblings / Momente. Das kann super funktionieren wenn die eigene Mannschaft das Spiel kontrolliert und Ball und Gegner laufen laesst. Aber bei erfolgreichem Pressing der Gegner muss die eigene Mannschaft mehr laufen als gewohnt und dann merkt man vielleicht deren Altersschnitt. Andererseits ist 29 eigentlich immer noch kein Alter. Andi Brehme hat mit 40 noch gespielt...
widower+2 08.05.2019
2. Als Profi?
Zitat von der_rookieMessi ist einer der lauffaulsten Spieler der Champions League. Damit spart er sich die Kraft fuer seine brillianten Dribblings / Momente. Das kann super funktionieren wenn die eigene Mannschaft das Spiel kontrolliert und Ball und Gegner laufen laesst. Aber bei erfolgreichem Pressing der Gegner muss die eigene Mannschaft mehr laufen als gewohnt und dann merkt man vielleicht deren Altersschnitt. Andererseits ist 29 eigentlich immer noch kein Alter. Andi Brehme hat mit 40 noch gespielt...
Brehme hat seine Karriere mit 37 beendet. Pizarro spielt mit 40 aber immer noch, Klaus Fichtel bestritt sein letztes Bundesligaspiel mit 43, und Sir Stanley Matthews hat mit über 50 noch in der 1. englischen Liga gespielt.
jujo 08.05.2019
3. ....
Das ist so eine Sache mit den überragenden Einzelkönnern. Haben diese mit ihren tollen Einzelaktionen kein Glück, Beispiel Messis Strafstosstor in Barcelona, und gelingt es sie soweit es geht zu neutralisieren, so ist die Chance groß für ein homogenes Team, wie gestern Liverpool, zu gewinnen. Wenn geschrieben wird wie das Spiel mit Saleh und Firmino ausgegangen wäre, zweistellig (?) so habe ich da Zweifel. Barca hätte sich besser eingestellen können, denn die beiden wären bevorzugt angespielt worden. Ich denke Liverpool hätte das Spiel mit den beiden nicht so hoch gewonnen und wäre ausgeschieden.
Oihme 08.05.2019
4. Pardon, ...
Zitat von widower+2Brehme hat seine Karriere mit 37 beendet. Pizarro spielt mit 40 aber immer noch, Klaus Fichtel bestritt sein letztes Bundesligaspiel mit 43, und Sir Stanley Matthews hat mit über 50 noch in der 1. englischen Liga gespielt.
... aber das ist eine andere Spielergeneration und mit den körperlichen Belastungen des heutigen Fußballs nicht mehr vergleichbar. Die Profis von heute werden bereits in einem Alter auf Höchstleistung getrimmt, als die Fichtels, Brehmes und Matthews nach dem Spiel auf dem Dorfplatz mit ihren Kumpels noch ein paar Bier trinken gingen und dazu eine halbe Schachtel Camel rauchten. Natürlich gibt es überall Ü30 Spieler, die den Jüngeren noch zeigen können, wo der Hammer hängt, aber auf jeden 35jährigen Ronaldo kommen inzwischen gefühlt fünf 28jährige Sportinvaliden. Der Profi von heute fängt früher an, ist aber regelmäßig früher an dem Punkt, wo sein Körper nicht mehr mitmacht und er das auf dem Platz mit Erfahrung nicht mehr kompensieren kann.
dhvenus 08.05.2019
5. Vor dem Spiel
Der Sky Reporter hat den Messi für ein Messias erklärt, Lobeshymne über eine halbe Stunde lang an die Barca Söldner. Pustekuchen. Fussball ist immer noch ein Mannschaftssport. Vergisst das nicht.
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