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Clásico in Barcelona: "Spain, sit and talk"

Foto: Bernat Armangue/ AP

Tumulte beim spanischen Spitzenspiel Der Clásico wird zur Nebensache

Dutzende Verletzte, mehrere Festnahmen: Katalanische Separatisten haben das Duell zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid zu ihrer Bühne gemacht. Sportlich hatte das Duell wenig zu bieten.

Das riesige Camp Nou leerte sich, wie Puzzlestücke saßen auf den roten und blauen Tribünenschalen nur noch ein paar verlorene Zuschauer, die Fans in der Kurve rollten ihre Fahnen ein, die Rasenmäher surrten schon, und neben leisem Gemurmel blieben als einziges Geräusch die ständigen Durchsagen: "Verlassen Sie das Stadion zur Nordseite. Vermeiden Sie die Zone der Travessera de les Corts."

Dort, auf der Südseite, wurde quasi Oktoberfolklore zelebriert. Vor zwei Monaten hatten bei Tumulten nach den Gefängnisurteilen für neun katalanische Separatistenführer im Zentrum Barcelonas über mehrere Nächte die Barrikaden gebrannt. Radikale Demonstranten provozierten Straßenschlachten mit der Polizei. Der Clásico zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid, Spaniens politischstes Fußballspiel, wurde auf Initiative der Fußballliga abgesagt und in den Dezember verschoben. Für die Protestler der Anlass, ihn zu ihrer Bühne zu machen.

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Clásico in Barcelona: "Spain, sit and talk"

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Als am Mittwoch also der Ball rollte, brannten auf der Travessera de les Corts kurzzeitig wieder Mülltonnen und sogar eine Palme. Wieder flogen Gegenstände, und die Polizei benutzte wieder Foam-Geschosse, das sind mit Schaum gefüllte Kugeln, die die Muskeln blockieren und eine Person für kurze Zeit bewegungsunfähig machen. Der Polizei gelang es, die südlichen Eingangstore des Stadiongeländes nach Spielbeginn geschlossen zu halten. Sonst wäre ein großer Teil von über 90.000 Zuschauern beim Verlassen der Arena womöglich direkt in die Scharmützel hineingeraten; mit potenziell chaotischen Folgen.

Bilanz der Nacht: 0:0 im Stadion. Rund 60 leicht Verletzte davor. Neun Festnahmen.

"Wir haben ein großes Spiel gezeigt", sagte Reals Trainer Zinédine Zidane nach der Punkteteilung, die seine Mannschaft punktgleich hinter Barça um zwei Tore auf Platz zwei der Tabelle belässt. "Es war eine umkämpfte Partie mit Phasen zugunsten beider Teams", sagte Heimtrainer Ernesto Valverde. "Es ist besser gelaufen, als wir dachten, sowohl im als auch neben dem Stadion", sagte der zuständige Polizei-Einsatzleiter Lluís Miquel Venteo.

Beide Mannschaften im selben Hotel untergebracht

Ja, viele hatten es in der Tat schlimmer erwartet. Seit der Verlegung hatte auch die anonyme Protestplattform "Tsunami Democràtic" immer wieder ihre Absicht betont, im enervierend festgefahrenen Konflikt mit dem spanischen Zentralstaat diesen 18. Dezember zu einem Fanal für die Forderung nach Dialog über das katalanische Selbstbestimmungsrecht zu machen. Wegen der Androhung, die Zufahrtswege zum Stadion zu blockieren, wurden beide Mannschaften von der Polizei sogar ins selbe Hotel nördlich des Camp Nou einbestellt. Die jeweiligen Teambusse fuhren dank weiträumiger Absperrung dann problemlos die wenigen Hundert Meter ins Camp Nou.

Dort verbreiteten die vom "Tsunami" angeführten Protestler zwar auf etlichen Zetteln die Botschaft "Spain, sit and talk", schafften aber letztlich nur eine der im Vorfeld befürchteten Spielunterbrechungen. Bei der ersten Auswechslung flogen mehrere Dutzend gelbe Plastikbälle auf den Rasen. Nach anderthalb Minuten Pause konnte weitergespielt werden.

Trifft Benzema nicht, tut es bei Real keiner

Real sah über weite Strecken besser aus, hatte aber ohne den verletzten Eden Hazard und den bis zur Schlussphase auf der Bank belassenen Luka Modric erhebliche Probleme, die guten Anlagen bis zum Strafraum in wirkliche Torgefahr zu übertragen. In der starken ersten Halbzeit musste Barças Abwehrchef Gerard Piqué auf der Linie klären, ein Volleyschuss von Fede Valverde strich minimal am Pfosten vorbei, und nach einem Tritt von Clément Lenglet gegen Raphaël Varane hätte es Elfmeter geben können. In der zweiten Halbzeit gab es dann nur noch einen Abseitstreffer von Gareth Bale. Trifft Karim Benzema nicht, tut es bei Real keiner.

Auf der anderen Seite klärte der Abwehrchef, Sergio Ramos, einmal auf der Linie und Lionel Messi trat nach der besten Kombination seiner Mannschaft im Strafraum doch tatsächlich über den Ball. Barça war ohne den erkrankten Sergio Busquets im Mittelfeld oft unterlegen, wirkte aber im letzten Spieldrittel bisweilen zielstrebiger. Doch insbesondere das Zusammenspiel von Messi und Luis Suárez blieb ungewöhnlich schlampig. Ramos und Varane verteidigten es allerdings auch glänzend, so wie auf der anderen Seite Piqué, und wenn die Abwehrspieler die besten Akteure auf dem Platz sind, dann geht ein Clásico erstmals seit 2002 eben wieder 0:0 aus.

Als er gefragt wurde, ob so gesehen der "Tsunami Democràtic" der Gewinner des Abends gewesen sei, guckte Valverde mitleidig bis verständnislos und beendete nach einer knappen Antwort seinen Presseplausch. Zuvor hatte er bereits betont, dass die äußeren Umstände seine Mannschaft "sehr wenig bis gar nicht" beeinflusst hätten. "Alles ist gut gelaufen", ergänzte Kollege Zidane. "Für Barcelona. Für Madrid. Für den Fußball. Alle wollten ein gutes Spiel sehen. Alle haben es gesehen."

Und alles ist, wie es war. In der Liga. In der Politik. Anderthalb Stunden nach Spielschluss stank es vor dem Camp Nou immer noch nach verbranntem Plastik, aber in den Barrikaden loderte nur noch Glut. Auch die Palme war gelöscht.