Barcelona hängt Real Madrid ab Spanische Verhältnisse

Aus im Pokal, chancenlos im Titelrennen: Real Madrid ist der große Verlierer der Clásico-Wochen. Nun hat der Klub auch noch das Nachsehen in der Gesamtstatistik gegen Barça - erstmals nach 87 Jahren.

Barcelonas Luis Suárez (r.), Reals Sergio Reguilón
AFP

Barcelonas Luis Suárez (r.), Reals Sergio Reguilón

Aus Madrid berichtet Florian Haupt


Die Nachspielzeit lief im Wohnzimmer des FC Barcelona, und die Fans feierten schon. Nur war das Wohnzimmer nicht Barças Stadion, sondern das von Real Madrid. Und die Fans, die feierten, waren die der Katalanen.

Es waren nicht viele, ein paar Hundert ganz oben in einer Ecke des Estadio Santiago Bernabéu, aber sie waren nicht zu überhören: "Campeones, campeones" oder "Visca el Barça y visca Catalunya", also dass die Heimat hochleben möge, oder auch "Madrid cabrón, saluda al campeón", also dass das blöde Real gefälligst den Meister grüßen solle.

Als dann abgepfiffen und 1:0 gewonnen war, mischten auch Barcelonas Spieler mit, umarmten sich im Kreis, hüpften umher. Anderswo Standard, in Spanien unüblich, erst recht nach einem Auswärtsspiel. Freilich, es gab Epochales zu konstatieren.

96 zu 95 Siege

87 Jahre hatte Barça nicht mehr in der Gesamtstatistik der Clásicos geführt. Nach langem Hinterherhecheln liegen die Katalanen nun erstmals wieder vorn: 96 zu 95 Siege bei 51 Unentschieden. Wenn gleichzeitig noch ein gigantischer Schritt zur Meisterschaft gelingt - umso besser.

Atlético Madrid (zehn Punkte zurück, ein Spiel weniger) mag noch Außenseiterchancen haben, aber Real ist abgehängt, um zwölf Punkte. 13 eigentlich, denn in Spanien zählt bei Punktgleichheit der direkte Vergleich, und schon das Hinspiel wurde 5:1 gewonnen. So wie das Pokalhalbfinale am Mittwoch an gleicher Stelle 3:0, so wie die vier vergangenen Liga-Gastspiele im Bernabéu. So wie es die Basketballer am Freitag in der Euroleague gegen Real machten und auch vor zwei Wochen im spanischen Pokalfinale. Für die Hauptstädter kam es dieser Tage so dick wie nie in dieser Fehde, in der man eigentlich immer selbst als der stärkere Part galt.

Gerard Piqué
AFP

Gerard Piqué

"Ich liebe es, hierher zu kommen", sagte der wie immer in Madrid wüst beschimpfte, aber auch wie immer enorm präsente Musterkatalane Gerard Piqué, der mit dem noch tadelloseren Clément Lenglet ein unüberwindliches Innenverteidigerduo bildete. Mit großem Einsatz verteidigten sie gegen ein erneut glücklos anrennendes Real die frühe Führung, die durch einen feinen Lupfer von Ivan Rakitic nach ebenso exquisitem Pass von Sergi Roberto fiel (25. Minute).

Es war insgesamt ein deutlich besseres Spiel als im Pokal am Mittwoch, als das klare Ergebnis über eine gerade defensiv nicht voll überzeugende Vorstellung Barcelonas hinwegtäuschte. Nun ging es hin und her, mit vielen Torszenen, hoher Intensität und einem Madrid, das sich trotz Krise, Barça-Komplex und Rückstand zumindest nicht hängen ließ.

Rakitic, Sergi Roberto, Piqué und Lenglet, der vorigen Sommer aus Sevilla kam und bisher nicht mal französischer Nationalspieler ist: die Entstehung des 0:1 zeigt, dass Barça eben doch mehr ist als die Genialität von Lionel Messi, der gegen Real angeschlagen wirkte. Einzelne Spieler gewinnen keine Meisterschaften, und erst rechte keine vier in den vergangenen fünf Jahren. Das würde der neuerliche Titel bedeuten; nur 2016/17 unterbrach Real den Reigen.

Geschlossen präsentierten sich die Barça-Profis danach auch zum Kabinenfilmchen, die Stimmung war prächtig. "Déjà-vu", stichelte der Texter der klubeigenen Social-Media-Kanäle dazu: "Wir versichern, dass es nicht noch mal das Video vom Mittwoch ist."

All die Clásico-Rekorde wären wohl nur halb so schön, wenn sie den Erzrivalen nicht bis ins Mark erschütterten. Manche Real-Fans pöbelten beim Abgang gegen alles, was ihnen nur einfiel: Gegner, aber auch eigene Spieler, Trainer, Präsident. Für Wehklagen ist allerdings schon deshalb keine Zeit, weil es direkt weitergeht, in der Champions League.

Wie vorige Saison ist sie früh Reals letzte Titelhoffnung. Erneut mit Happy End? Schon das Spiel gegen Ajax am Dienstag kündigt sich trotz eines 2:1-Hinspielsiegs kompliziert an. Kapitän Sergio Ramos fehlt wegen seiner absichtlich provozierten Gelbsperre, das hohe Tempo der jungen Amsterdamer Elf könnte der im Clásico geschundenen Mannschaft wehtun, und man sollte besser nicht irgendwann auf eigene Tore angewiesen sein.

Vinícius Junior
Juan Carlos Hidalgo/EPA-EFE/REX

Vinícius Junior

Am Samstag hätten die Madrilenen erneut nicht mal unter einem Regenbogen hindurch getroffen. Das galt insbesondere für den überspielt wirkenden Karim Benzema und den allmählich an seine Grenzen stoßenden Vinícius. Im Alleingang hat der 18-Jährige in den vergangenen Monaten die Mannschaft und das Publikum mit seiner Spielkunst mitgerissen, aber seine Abschlüsse werden immer grotesker, und darunter leidet seine Sicherheit natürlich noch mehr. In der ersten Halbzeit landete ein Schussversuch von der Strafraumgrenze im Seitenaus. In der zweiten bekam er den Ball einmal frei am Fünfmeterraum serviert - und schoss dennoch Lenglet an.

Doch mit Vinícius mag man wenigstens leiden, derweil den Besuchern im Bernabéu zur Leistung von Gareth Bale nur noch ein massives Pfeifkonzert einfiel, als der Waliser nach einer mal wieder irrelevanten Darbietung in der 62. Minute den Platz verließ. Bereits vorher war auf der Anzeigetafel die Nummer von Toni Kroos aufgeleuchtet. Der Deutsche hat die wohl schwierigste Woche seiner viereinhalb Jahre Madrid hinter sich, von Bernd Schuster wurde er polemisch kritisiert ("Dieseltraktor"), auch die Presse macht sich erstmals in größerem Stil über ihn her, und bei Trainer Santiago Solari ist er offenbar nicht mehr sakrosankt.

Seine frühe Auswechslung gegen den jungen Uruguayer Federico Valverde begründete der Trainer später überraschend grundsätzlich: "Die Zeit vergeht, und neue Spieler kommen, das ist Teil des Fußballs und des Lebens".

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ardbeg17 03.03.2019
1.
Real erinnert mich schon lange an die Bayern 74-76. Zum Ende einer großen Ära mit Dusel und Abgezocktheit gut genug für den höchsten europäischen Titel, aber national abgehängt.
roninger2000 03.03.2019
2. Was zählt schon
der nationale Pokal oder ein Ligaspiel? Man muss abwarten wie die CL ausgeht. Möglicherweise gibts dann bei Barça wieder lange Gesichter. Real Madrid ist momentan in der post Ronaldo Phase. Das dauert seine Zeit, bis man eine Mannschaft verjüngt. Das steht Barça noch bevor. Und das dürfte viel dramatischer werden, weil Barça ohne Messi eine x-beliebige Mannschaft ist ohne eigenen wettbewerbsfähigen Nachwuchs, im Gegensatz zu Real Madrid. Glückwunsch trotzdem, zweimal absolut verdient gewonnen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.