FC Barcelona Angst vor dem Abrissbagger

Schlechtester Ligastart seit 25 Jahren: Beim FC Barcelona scheint sich eine Ära dem Ende zuzuneigen. Von einer neuen gibt es bisher keine Vorstellung, die Kritik an Trainer Ernesto Valverde ist groß.

Auch Lionel Messi mag schon nicht mehr hinsehen
Miguel Morenatti DPA

Auch Lionel Messi mag schon nicht mehr hinsehen

Von Florian Haupt, Barcelona


Die Zahlen klingen gruselig. Schlechtester Saisonstart seit 1994, die meisten Gegentore der Liga, nur acht Torschüsse in den letzten vier Auswärtsspielen, seit saisonübergreifend acht Auswärtsspielen ohne Sieg. Und, nicht minder bezeichnend: Nach fünf Spieltagen hat der FC Barcelona mit zwei Niederlagen schon so oft verloren wie im Schnitt der vergangenen zwei Saisons nach 38 Spieltagen.

Barça hat manche Champions-League-Krise zu überstehen gehabt, zuletzt nach dem 0:4 im vergangenen Halbfinale beim FC Liverpool. Aber an eine Ligakrise kann man sich schon fast nicht mehr erinnern. Acht der vergangenen elf Meisterschaften haben die Katalanen gewonnen, die anderen drei Male waren sie Zweiter. Nun lassen sie sich von Mitläufern des Championats vorführen. Niederlage in Bilbao, Remis bei Aufsteiger Osasuna, zuletzt Niederlage bei Aufsteiger Granada: So eine Serie deutet darauf hin, dass es um mehr geht als nur partielle Aussetzer, mit denen man die Europapokal-Enttäuschungen immer erklärte. In Barcelona stellen sich grundsätzliche Fragen.

Sie beginnen, keine Überraschung, beim Trainer. "Vollkommen überfahren von den Ereignissen und unfähig, eine Mannschaft zu korrigieren, die sich der Trägheit ergibt", wird Ernesto Valverde in der klubnahen Zeitung "Sport" verurteilt. Irritiert registrieren die Beobachter, dass nach dem "unverzeihlichen" ("El País") Auftritt in Granada der normale Trott zurückkehrte.

90 Minuten Offenbarungseid

Beim Aufsteiger mit 35,46 Millionen Euro Gehaltsetat (Barça: 671,43 Millionen) hatte Barça nach Rückstand mit dem ersten Angriff keine echte Torchance verzeichnet. 90 Minuten Offenbarungseid. Valverde nahm die Schuld auf sich, aber sonst? Gleiches Training wie immer, gleiche Erklärungen wie immer. Seine ruhige Hand, in besseren Zeiten als große Stärke gefeiert, richtet sich jetzt gegen ihn. Das Problem: Die Zahlen klingen schlimm, aber noch schlimmer ist das Spiel.

Ernesto Valverde steht massiv in der Kritik
Albert Gea REUTERS

Ernesto Valverde steht massiv in der Kritik

Bevor es am heutigen Dienstag gegen Villarreal ins heimische Camp Nou zurückgeht, das sich bisher noch als krisenimmun erwies (10:4 Tore in zwei Spielen), resümierte ein Internet-Meme die Endzeitstimmung. Man sieht Johan Cruyff und neben ihm die Grundskizze eines Hauses. Frank Rijkaard und den Rohbau. Pep Guardiola und den fertigen Wolkenkratzer. Valverde und den Abrissbagger.

Seit Jahren kommt Barça immer gewöhnlicher daher. Der von Cruyff entworfene und von Guardiola zur Perfektion entwickelte Pass- und Positionsstil ist bestenfalls noch als Artefakt zu erkennen. Bis zum traumatischen 0:4 von Liverpool konnten das noch ein intakter Wettkampfgeist und die Heldentaten von Lionel Messi überdecken. Doch Klopps Blaupause - Tempo, Rhythmus, Intensität - reicht seither auch weniger talentierten Teams für erstaunlich dominante Partien gegen ein Team ohne Spielidee.

Weder die alte noch eine neue: Valverde hat zwar Ivan Rakitic degradiert, der gegen Villarreal nicht mal im Kader steht, und auch Sergio Busquets angezählt, aber das macht es bisher nur noch schlimmer. "Wir sind zu einer Mannschaft ohne Seele geworden", zitiert "As" einen nicht genannten Führungsspieler.

Prätorianergarde um Lionel Messi

Trotz Liverpool und dem anschließend verlorenen Pokalfinale gegen Valencia durfte Valverde im Sommer den Job behalten. Eine souverän gewonnene Meisterschaft, das Placet der Kabine und wohl auch die quasi nicht vorhandene Saisonvorbereitung mit Reisen nach Japan und die USA gaben den Ausschlag für Kontinuität. Die nötigen Reformimpulse sollten stattdessen die Zugänge Antoine Griezmann (120 Millionen Euro von Atlético Madrid) und Frenkie de Jong (75 Millionen, Ajax Amsterdam) beisteuern. Das war viel verlangt angesichts einer fest etablierten Prätorianergarde um Messi, die in ihrem Schmachten nach Ex-Kollege Neymar zeigte, dass sie mehr in der Vergangenheit lebt als in der Zukunft. Das Sommertheater um den Brasilianer hat Griezmann und de Jong viel von ihrer möglichen Strahlkraft genommen. Momentan laufen sie eher Gefahr, in den Strudel der Apathie mitgerissen zu werden.

Setzt sich Antoine Griezmann durch?
John McDougall AFP

Setzt sich Antoine Griezmann durch?

Wo de Jong dennoch neben dem 16-jährigen Fati und Torwart Marc-André ter Stegen zu den positiven Erscheinungen des Saisonstarts gezählt wird, existiert das vermeintliche Traum-Angriffstrio aus Messi, Luis Suárez und Griezmann bisher nur als viel zitiertes Akronym (MSG). Bis vergangene Woche fehlte Messi verletzt, sicher, und Griezmann hat seinen Platz im neuen Team noch nicht gefunden.

Aber weil momentan fast alles düster scheint, sind es auch die MSG-Prognosen. Messi soll nicht so schnell verzeihen können, dass sich Griezmann im Sommer 2018 über schmeichelnde Anrufe des Kapitäns hinwegsetzte, als er sich vorerst für einen Verbleib bei Atlético entschied. Spitz wurde in den Spielberichten aus Granada bemerkt, dass er nach seiner Einwechslung deutlich mehr Fati auf dem linken Flügel suchte als Griezmann auf rechts.

Am Montagabend wurde Messi mit dem Fifa-Preis "The Best" ausgezeichnet. "Wir müssen ab sofort eine Reaktion zeigen", sagte er zur Barça-Krise. Motiviert ihn die erste Weltfußballer-Auszeichnung seit 2015 noch einmal, den Karren aus dem Dreck zu ziehen und von Getafe bis San Sebastián den Retter zu geben - auch wenn ihn vor allem die Champions League interessiert?

Auf Messi, mal wieder, muss auch Valverde hoffen, den sonst fast nur noch die Geschichte schützt. Barça rühmt sich gern besonderer Loyalität zu seinen Trainern. Seit Louis van Gaal in der Saison 2002/2003 ist keiner mehr bei laufender Spielzeit rausgeschmissen worden.

insgesamt 10 Beiträge
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canuni 24.09.2019
1. Die Spieler...
... sind allesamt Weltklasse! Ich habe das letzte Spiel live im TV verfolgt und ich habe ein Motivationsproblem feststellen können. Behäbige langsame Spielweise, keine richtigen Torchancen, Demotivation Par excellence! Der Verein braucht einen Motivator, einen wie Klopp oder Guardiola. Das Fussballspielen müssen die Spieler des FC Barcelona nicht lernen. Die sind technisch auf einem anderen Stern. Aber ohne Motivation, ohne das "Warum", spielt niemand erfolgreich. Ist im Vertrieb genauso, ein guter Verkäufer hat ein "Warum".
Nonvaio01 24.09.2019
2. solange Messi dort spielt
wird es kaum veraenderungen geben.....das das Team einen umbruch braucht ist klar. Es ist wie mit jedem Top Team das ein paar jahre an der sonne war, Real befindet sich gerade in einem. manu seit jahren schon, und der FCB ist auch dabei. Manchmal geht es schnell, manchmal dauert es etwas laenger.
Wolfgang Porcher 24.09.2019
3. endlich kapieren bitte
wie bei anderen Ligen anderswo , und wie in den Nationalteams, die kleinen Teams haben längst aufgeholt in der Spiel und Taktik Qualitaet. aufmerksam Videoaufzeichnungen analysieren und schon weiss man sie man den Gegner packen kann. der ie sogenannten kleinen Teams haben ja auch obendrein einen größeren Kampfgeist und Teamgeist als die erfolgsverwöhnten satten Spieler der TopTeams
FrankDunkel 24.09.2019
4.
Es ist vollkommen normal, daß ein Team nach einer langen erfolgreichen Phase mal etwas durchhängt. Dies am Trainer festmachen zu wollen halte ich für daneben. Valverde hat halt das Pech, daß seine Amtszeit in diese Schwächeperiode fällt. Aber das ist auch seine Chance. Wenn man ihn denn läßt, kann er die Mannschaft nach seinen Vorstellungen formen. Wenn man ihn denn läßt ...
FrankDunkel 24.09.2019
5.
Zitat von Wolfgang Porcherwie bei anderen Ligen anderswo , und wie in den Nationalteams, die kleinen Teams haben längst aufgeholt in der Spiel und Taktik Qualitaet. aufmerksam Videoaufzeichnungen analysieren und schon weiss man sie man den Gegner packen kann. der ie sogenannten kleinen Teams haben ja auch obendrein einen größeren Kampfgeist und Teamgeist als die erfolgsverwöhnten satten Spieler der TopTeams
Glücklicherweise ist das so. Wer will denn Spiele mit zweistelligen Ergebnissen sehen? Die kleinen Teams sind in jeder Liga das Salz in der Suppe. Und wenn dann mal Granada gegen Barca gewinnt oder in der Bundesliga Union gegen BVB, dann sind das doch echte Sternstunden. Ich sehe immer noch das glückliche Gesicht des Union-Balljungen vor mir. Auch darum geht es im Fußball. Emotionen.
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