Fußball der Frauen Warum der FC Barcelona in die Offensive geht

Jeder Profi-Fußballklub sollte verpflichtet werden, ein Frauenteam zu gründen, fordert Maria Teixidor. Die Managerin des FC Barcelona erklärt, was Spanien besser macht als Deutschland - und warum.

Lieke Martens vom FC Barcelona mit Stephanie van der Gragt und Toni Duggan
Erwin Spek/ Getty Images

Lieke Martens vom FC Barcelona mit Stephanie van der Gragt und Toni Duggan

Ein Interview von


Zur Person
  • German Parga/ FC Barcelona
    Die Juristin Maria Teixidor, 43, hat als Beraterin und Mediatorin gearbeitet und ist seit Juli 2015 Vorstandsmitglied des FC Barcelona. Die Katalanin ist die Hauptverantwortliche für die Frauenfußballabteilung und Präsidentin der klubeigenen Kontroll- und Transparenzkommission. Barcelonas Frauenteam ist viermaliger spanischer Meister und stand vergangene Saison im Champions-League-Finale.

SPIEGEL: Der FC Barcelona ist bekannt für seine vielen Titel im Fußball der Männer. Mittlerweile gehört auch das Frauenteam zu den Topmannschaften in Europa. Wie kam es dazu, dass Barcelona beschlossen hat, den Frauenfußball zu fördern?

Maria Teixidor: Wir unterstützen und investieren in verschiedene Sportarten, sowohl im Profi- als auch im Amateurbereich. Dazu gehören Basketball, Hockey, sogar Eislaufen. Aber unser Kern ist Fußball. Und da haben wir eine größere Vision, wir müssen zeigen, dass wir einen Schritt weiter gehen. Darum haben wir unser Frauenteam zu einer Profi-Abteilung unseres Klubs gemacht. Wir sind an einem besonderen Moment in der Menschheitsgeschichte, und wir spüren die Verantwortung, die wir als führende Marke im Fußball tragen. Barça ist einer der beliebtesten Klubs der Welt. Deshalb müssen wir unsere Fans, unsere Vereinsmitglieder und einen Teil der Gesellschaft bei dieser Entwicklung mitnehmen. Es muss sich jetzt etwas ändern.

SPIEGEL: Können Sie auf die Infrastruktur zugreifen, die es bereits für das Männerteam gibt?

Teixidor: Ja, 2015 haben wir damit begonnen, der Frauenmannschaft alles zu ermöglichen, was die Männer bereits hatten. Das Frauenteam trainiert nun auch morgens, nicht mehr wie früher am späten Nachmittag. Sie essen in unserer Akademie La Masia, genau wie die Männermannschaft. Der Klub stellt ihnen Ernährungsberater, Psychologen und unsere medizinische Abteilung zur Seite. Das ist ein wichtiger Bestandteil unserer Strategie: Die Frauen mit den gleichen Werkzeugen wie die Männer auszustatten. Aber in manchen Bereichen ist das Niveau noch ein anderes: Wir können unseren Spielerinnen zum Beispiel nicht das gleiche Gehalt zahlen.

SPIEGEL: Warum nicht?

Teixidor: Das ist einfach nicht die Realität, in der wir leben. Wir haben für unsere Frauenmannschaft ein Jahresbudget von etwa 3,5 Millionen Euro, der Großteil kommt von unserem Trikotsponsor. Unsere Abteilung macht keine Verluste, aber auch keine Millionengewinne.

SPIEGEL: War das Weiterkommen im Champions-League-Halbfinale in der vergangenen Saison gegen den FC Bayern für Sie der größte Erfolg?

Teixidor: Das Finale zu erreichen, war sicherlich ein Wendepunkt unserer Geschichte. Ich habe zusammen mit unserem Klub- und Vizepräsidenten geweint, als wir das zweite Halbfinalspiel gegen Bayern München gewonnen haben. Es war so emotional zu sehen, wie ein Projekt, das man seit Jahren vorantreibt, zum ersten Mal in der Geschichte einen so wichtigen Punkt erreicht.

Lieke Martens ist in den sozialen Netzwerken die populärste europäische Fußballerin
imago/Pro Shots

Lieke Martens ist in den sozialen Netzwerken die populärste europäische Fußballerin

SPIEGEL: Ihre Spielerin Lieke Martens war 2017 Weltfußballerin des Jahres und ist mit den Niederlanden Europameisterin geworden. In Barcelona studiert sie Sportmanagement. Ist das Teil der Vereinsstrategie?

Teixidor: Ja, wir ermutigen unsere Spielerinnen dazu. Das ist auch unsere Pflicht, weil wir wissen, dass nicht alle von ihnen den großen Durchbruch schaffen können. Wir möchten, dass sie sich zu Persönlichkeiten entwickeln können, die sportliche und akademische Ausbildung bekommen. Ich denke, die Spielerinnen sind sich selbst der Tatsache bewusst, dass sie ihre sportliche Laufbahn nicht wie die Männer mit vollen Bankkonten beenden werden. Sie sind zu einer zweiten Karriere gezwungen.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Frauen irgendwann ähnlich wohlhabend aus der aktiven Laufbahn kommen können?

Teixidor: Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Eine komplette Gleichstellung können wir erst erreichen, wenn Frauen die gleiche Aufmerksamkeit bekommen wie die Männer, wenn sie die Schlagzeilen prägen und Menschenmengen in die Stadien locken. Mit den Zuschauern werden auch Sponsoren kommen, die höhere Einnahmen generieren und damit für bessere Gehälter sorgen.

SPIEGEL: Kann es auch eine Chance sein, dass Spielerinnen am Ende ihrer Karriere mit 35 Jahren noch nicht ausgesorgt haben?

Teixidor: Ja, unbedingt. Wir leben alle länger und länger und sollten unser Leben als eine Abfolge verschiedener Phasen und Berufe betrachten. Wir müssen uns neu erfinden können und in der Lage sein, uns zu verändern. Ich liebe es zu sehen, wenn unsere Spielerinnen auf Auswärtsfahrten lesen, und wenn sie Diskussionen über verschiedene Themen führen können. Ich glaube, dass sie das am Ende glücklicher macht.

SPIEGEL: Gemessen an ihrem Abschneiden in den vergangenen Jahren scheint die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr zu den Topnationen zu gehören. Hat Spanien die DFB-Auswahl schon überholt?

Teixidor: Ich denke, das Qualitätslevel hat sich einfach erhöht. Ich nehme an, dass man sich in Deutschland etwas entspannt hat, weil man das Gefühl hatte, immer gewinnen zu können. Das passiert leicht, wenn Sie eine Art Komfortzone erreichen. Man sollte die Situation positiv sehen: Wir haben mehr hochwertigen Frauenfußball in Europa, das muss doch ein Anreiz sein, sich weiterzuentwickeln und anzugreifen.

Starspielerin Graham Hansen beim Tor: Barcelona gewann sein Auftaktspiel in Spanien 9:1 gegen CD Tacón, das künftige Real Madrid
REUTERS/Albert Gea

Starspielerin Graham Hansen beim Tor: Barcelona gewann sein Auftaktspiel in Spanien 9:1 gegen CD Tacón, das künftige Real Madrid

SPIEGEL: Sind spanische Spielerinnen inzwischen Fußballprofis?

Teixidor: In Barcelona haben wir Vollzeitarbeitsverträge für alle unsere Spielerinnen, und sie verdienen mehr als den offiziellen Mindestlohn. Aber einige Vereine können sich selbst das nicht leisten. Die spanische Frauenliga ist immer noch nicht professionell. Sie wird wie eine Amateurliga behandelt, weil das Gesetz nur einen Profi-Wettbewerb in jedem Sport erlaubt. Und die Männer waren halt zuerst da. Es gibt viele Dinge, über die wir mit unserem Fußballverband reden müssen.

SPIEGEL: Was genau bedeutet Mindestlohn, wie viel verdienen Ihre Spielerinnen?

Teixidor: Alle verdienen genug, um vom Fußball leben zu können - es ist mehr als der in Spanien berufsübergreifend geltende Mindestlohn. Darüber sprechen wir, wenn es um unser Engagement bei der Professionalisierung unserer Mannschaft geht: Wir möchten, dass sich unsere Fußballerinnen ausschließlich ihrer Fußballkarriere widmen können, ohne sich mit anderen Berufen etwas dazu verdienen zu müssen.

SPIEGEL: In der vergangenen Saison haben Barcelona und Atlético einen Weltrekord mit der höchsten Besucherzahl bei einem Fußballspiel der Frauen aufgestellt. Mehr als 60.000 Menschen sind gekommen, die meisten haben Gratistickets bekommen. Der VfL Wolfsburg sagte dazu, dass das eine einzige PR- Veranstaltung sei und man sein gutes Produkt nicht verschenken sollte. Was ist Ihre Antwort darauf?

Teixidor: Selbst wenn es sich um ein PR-Event handelt - na und? Am Tag nach dem Spiel haben Medien weltweit über diesen Rekord berichtet. Die Story ist viral gegangen. Die Leute haben plötzlich über unseren Sport gesprochen, das hat ihn interessanter gemacht. Warum sollten wir das nicht auch ein bisschen erzwingen? Der Männerfußball ist wie eine große Sonne, die uns für andere Sportarten blind macht. Vielleicht sollten wir endlich erkennen, dass auch andere Spiele stattfinden, und die Menschen dorthin bringen.

SPIEGEL: Auf die Frage, warum Borussia Dortmund keine Frauenmannschaft hat, sagte der Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke kürzlich, sein Verein müsse ja nicht bei jeder Sportart mitmachen.

Teixidor: Das sehe ich anders. Ich glaube, dass das zu unserer Verantwortung gehört. Frauen fordern seit Jahrhunderten ihre Rechte ein, und jetzt gibt es endlich Veränderungen. Die stören niemanden, im Gegenteil, sie kommen der Gesellschaft insgesamt zugute. Wir müssen uns diesen Moment zu eigen machen, und wahrscheinlich muss man auch einige Dinge forcieren, damit sie den Sport ankurbeln.

SPIEGEL: Sollten die Profiklubs in großen europäischen Ligen zu einer Frauenmannschaft gezwungen werden?

Teixidor: Ich denke, das wäre eine gute Idee. Denken Sie daran, als zum ersten Mal Helme beim Motorradfahren getragen werden mussten. Es gab einen Aufschrei. Heute kann sich niemand mehr vorstellen, dass es irgendwann mal keine Regeln gab. Aber der Helm verhindert viele Verletzungen und Todesfälle und nutzt der ganzen Gesellschaft.

SPIEGEL: Frauenfußball ist jetzt aber keine Frage von Leben und Tod, oder?

Teixidor: Die Eingliederung von Frauen in alle Lebensbereiche ist eine entscheidende Frage unseres Daseins. Sie können nicht die Hälfte der Bevölkerung außen vorlassen. Wir brauchen für eine bessere Zukunft eine ganzheitliche Vision der Welt. Und ich denke, genau darum geht es hier. Fußball ist ein großartiges Instrument, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das ist größer als nur ein Spiel, ein Wettbewerb oder ein Business. Jungen und Mädchen sollen auch weibliche Vorbilder bekommen, die sie dazu inspirieren, ihr eigenes Potenzial zu erkennen.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Jimi 14.09.2019
1. Watzke, Zorc, Kehl und Rauball....:
Einfach mal diesen Artikel lesen und meditieren... dann kommt's vielleicht :)
Mastermason 14.09.2019
2. Was für ein bekloppter Vergleich
"SPIEGEL: Sollten die Profiklubs in großen europäischen Ligen zu einer Frauenmannschaft gezwungen werden? Teixidor: Ich denke, das wäre eine gute Idee. Denken Sie daran, als zum ersten Mal Helme beim Motorradfahren getragen werden mussten. Es gab einen Aufschrei. Heute kann sich niemand mehr vorstellen, dass es irgendwann mal keine Regeln gab. Aber der Helm verhindert viele Verletzungen und Todesfälle und nutzt der ganzen Gesellschaft." Vereine sind Wirtschaftsunternehmen und bestimmen im freien Westen immer noch selbst, welche Sportarten sie ins Portfolio aufnehmen und welche nicht. Mit der gleichen Berechtigung könnten Aktivisten des Röhnradfahrens, des Curling oder des Prellballs die selbe Forderung aufstellen.
ray05 14.09.2019
3.
Danke für dieses Interview. Kann jeden Satz Teixidors nur unterstreichen. Bei uns? Das Schnarchen der immer schon Rechtschaffenen & Gerechten. Manche würden von Paternalismus reden, ich kann nicht wirklich widersprechen. :) Frauenfußball ist das Ding der Zukunft; professionell betrieben könnte Frauenfußball mal sehr viel besser aussehen als das Männerpendant. Aber Großklubs wie Dortmund, HSV oder Stuttgart verweigern sich dieser großartigen Chance, Leben in die Bude, in den Sport, und in die Gesellschaft zu bringen. Ein Kollege von mir ist VfB-Mitglied, und der bombardiert seinen Vorstand ständig mit der Forderung, eine Frauenprofimannschaft ins Rennen zu schicken. Die Antworten, die er bekommt, sind nichtmal mehr lächerlich in ihrer geistigen Unbedarftheit.
cs01 14.09.2019
4.
Ich sehe es komplett anders. Frauenfussball sollte sich als eigenständiger Sport etablieren. Und nicht als Anhängsel von Männerteams. Dass es geht hat z.B. Turbine Potsdam jahrzehntelang bewiesen. Jetzt müssen die aber gegen von Männern querfinanzierte Teams kämpfen, wobei ihnen langsam die Luft ausgeht. Schade.
ray05 14.09.2019
5.
Zitat von cs01Ich sehe es komplett anders. Frauenfussball sollte sich als eigenständiger Sport etablieren. Und nicht als Anhängsel von Männerteams. Dass es geht hat z.B. Turbine Potsdam jahrzehntelang bewiesen. Jetzt müssen die aber gegen von Männern querfinanzierte Teams kämpfen, wobei ihnen langsam die Luft ausgeht. Schade.
Ja gut, aber wenn der Frauenfußball groß rauskommen will, was ich ihm zutraue, dann muss er von den großen Klubs organisiert werden. Wenn aber wirklich professionell was gehen soll, dann würde ich den gesamten Frauenfußball freilich in die Hände von Redbull geben, die kennen sich aus mit sowas. Ehrlich. :)
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