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Barcelona-Triumph über PSG Wie der HSV

Der FC Barcelona hat als erstes Team der Europapokal-Geschichte ein 0:4 im Rückspiel gedreht. Sensationell. Noch sensationeller war, dass die Katalanen dabei gar keinen guten Fußball gespielt haben.

Wer dabei war, ob im Stadion oder vor dem Fernsehen, wird es nicht vergessen. Wie der FC Barcelona im Achtelfinale der Champions League drei Minuten vor Schluss noch drei Treffer gegen Paris Saint-Germain zum Weiterkommen benötigte - und diese drei Tore tatsächlich noch fielen. Wie die Leute in den Fußballkneipen, die schon Mantel und Schal angezogen hatten, um zu gehen, zurückkehrten an ihre Tische, wie gebannt dem Geschehen auf der Leinwand folgten und staunten. Wie das Unmögliche möglich wurde.

Vom Wunder von Barcelona war nach dem 6:1-Erfolg die Rede, und ein Wunder war es tatsächlich. Es wäre eine so schöne Legendengeschichte zu erzählen, wie Lionel Messi und Co. nach einem 0:4 im Hinspiel den Gegner regelrecht vom Platz gefegt haben, wie sie PSG überrannten, wie sie ihre überragende Qualität bewiesen, wie sich Barça in den Rausch spielte und es am Ende kein Halten mehr gab.

Nur: Mit dem Spiel vom Mittwochabend hätte diese Geschichte relativ wenig zu tun gehabt.

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Die Elf von Luis Enrique führte zwar schon nach wenigen Minuten 1:0, zur Beruhigung ihrer Nerven trug das aber keinesfalls bei. Barcelona spielte fahrig, unkonzentriert, ungezählte letzte Pässe landeten ungenau gespielt beim Gegner oder im Nichts, die Ball- und Passmaschine Barcelona kam eigentlich über 90 Minuten nie in Gang.

Und die Tore waren keine herausgespielten Aktionen, wie man sie von der Mannschaft seit den seligen Cruyff-Zeiten kennt und liebt, es waren weitgehend Zufalls- und Glücksprodukte. Beispielhaft das 2:0, als Andrés Iniesta in einer Kombination aus Verzweiflung und Genialität an der Torauslinie den Ball per Hacke in den Fünfmeterraum beförderte und PSG-Abwehrspieler Layvin Kurzawa davon so überrascht war, dass er den Ball ins eigene Netz beförderte.

Das barçaeske Kurzpassspiel bis zur letzten Station vor dem Tor, die dann gemeinhin Messi heißt, wurde am Mittwoch großflächig durch das Spielen hoher Bälle in den Strafraum ersetzt. Die waren letztlich durchschlagend - so vor dem 1:0 durch Luis Suárez oder beim finalen 6:1 durch Sergi Roberto. Der Zweck heiligt die Mittel, aber das Erfolgsrezept Marke langer Hafer unterschied sich im Grunde nicht großartig davon, wie der Hamburger SV oder Stoke City in einer solchen Situation agiert hätten.

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Dazu die beiden Elfmeter, die zumindest durch ungeschicktes bis täppisches Abwehrverhalten der PSG-Defensive zustande kamen. Einmal rutschte Verteidiger Thomas Meunier aus, und Neymar stolperte über ihn. Dann ließ sich Suárez, wie hundertfach von ihm bereits geübt, im Strafraum fallen, nachdem er einen kleinen Rempler von Marquinhos erahnt hatte.

Zweimal entschied der deutsche Schiedsrichter Deniz Aytekin auf Strafstoß. Beim ersten Mal erst nach Rücksprache mit seinem Assistenten, diese Entscheidung war korrekt, beim zweiten Mal hätte sich Suárez nicht über eine Verwarnung beschweren können. Es wäre für ihn der Platzverweis gewesen - Aytekin hatte ihm zuvor bereits wegen eines Schwalbenversuchs im Strafraum Gelb gezeigt. Wahrscheinlich konnte sich der Schiedsrichter nicht vorstellen, dass jemand so dreist sein würde und es trotz Verwarnung danach noch einmal versucht. Er sollte Suárez besser kennen.

PSG hatte es selbst in der Hand

Es spricht für PSG-Coach Unai Emery, dass er anschließend bleichen Gesichts feststellte: "Wir dürfen dem Schiedsrichter nicht die Schuld geben, weil wir nicht in der Lage waren, unser Spiel zu spielen." Tatsächlich hätte PSG sich all das Unheil ersparen können, wenn man die eigenen Gelegenheiten in der zweiten Hälfte konsequenter genutzt hätte - es blieb bei dem einzigen Treffer zum zwischenzeitlichen 1:3 durch Edinson Cavani.

Anders als am Vorabend, als sich der FC Arsenal nach dem 1:1 bedingungslos dem FC Bayern ergab und noch vier Treffer in der zweiten Halbzeit kassierte, hatte man bei PSG nie das Gefühl, diese Mannschaft werde in Camp Nou untergehen - und am Ende war es dennoch passiert.

Das alles soll dieses 6:1 nicht kleinreden. Es bleibt ein "Spiel, das in die Geschichte eingehen wird", wie der englische "Telegraph" nüchtern schreibt, oder wie Barcelonas Abwehrikone Gerard Piqué etwas weniger nüchtern sagt: "Die Krankenhäuser sollten Hebammen einstellen, heute Nacht werden die Menschen ganz viel Liebe machen."

Es bleibt ein unglaubliches Fußballdrama, eine Partie, die auf eine Stufe gehoben wird mit der Liverpooler Aufholjagd im Champions-League-Endspiel von 2005, als die Reds ein 0:3 gegen AC Mailand gutmachten. Und wahrscheinlich kann so etwas nur der FC Barcelona vollbringen. Weil er der FC Barcelona ist. Es war eine beeindruckende Willensleistung, die dem Team im weiteren Verlauf der Champions League den entscheidenden Push verleihen könnte. Aber eine Gala war es nicht.

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