Film über Welt- und Europameister Iniesta "Die Maut für diese Reise habe ich später bezahlt"

Im WM-Finale 2010 erzielte Andrés Iniesta das entscheidende Tor, er gewann alles, was es zu gewinnen gab. Eine Dokumentation erzählt nun auch vom Preis des Erfolgs.
Von Florian Haupt, Barcelona
Andrés Iniesta ist in Spanien eine Legende - was nicht zwangsläufig ein Glücksversprechen ist

Andrés Iniesta ist in Spanien eine Legende - was nicht zwangsläufig ein Glücksversprechen ist

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Xavier Bonilla/ dpa

Ziemlich am Anfang des Films fängt Andrés Iniesta einen Fisch. Ein paar Schaulustige applaudieren, Fans laufen ihm hinterher. Die Szene spielt an der Hafenpromenade im japanischen Kobe, wo der spanische Weltmeister, Doppel-Europameister und mehrfache Champions-League-Sieger derzeit seine Karriere ausklingen lässt. Iniesta fängt einen Fisch in einer fremden Stadt am anderen Ende der Welt: Das hört sich banal an, aber es steht für den eigentlichen Erfolg seines Lebens.

Warum das so ist, erzählt die Dokumentation "Iniesta, der unerwartete Held". Die ausstrahlende Internetplattform Rakuten.tv ist Eigentümer von Iniestas aktuellem Klub Vissel Kobe und Hauptsponsor seines Lebensvereins FC Barcelona, außerdem stieß er die Produktion selbst mit an. Es geht also von vornherein nicht um Objektivität.

Mit herkömmlicher Heldenbeweihräucherung hat der Streifen dennoch nichts zu tun. Iniesta und sein Biograf Marcos López wollen vielmehr die Brüche zeigen – und geben daher so intime Einblicke wie nie zuvor in die Depression, die seine Karriere gefährdete, just als sie sich dem Höhepunkt näherte.

Iniesta gewann viermal den Champions-League-Titel

Iniesta gewann viermal den Champions-League-Titel

Foto: PIERRE-PHILIPPE MARCOU/ AFP

"Verlieren gegen Iniesta fühlte sich richtig an"

Natürlich geht es in diesem Film auch um den virtuosen Mittelfeldspieler. Manche Wortbeiträge sind dabei origineller, als man es von solchen Dokus gewohnt ist: Wenn Pep Guardiola sein Spiel beispielsweise mit der Seduktion eines Toreros vergleicht, wenn Samuel Eto'o ihn als Nationaltrainer Kameruns die WM gewinnen sieht oder Gianluigi Buffon gesteht, dass Verlieren gegen Iniesta nie ein Problem war, weil es sich irgendwie richtig anfühlte.

Vor allem aber geht es um den Menschen Iniesta; und damit um einen dieser Menschen, die nicht nach Aufmerksamkeit heischen und auf den oberflächlichen Blick gar nichtssagend wirken mögen. Bei denen sich das Hinschauen aber umso mehr lohnt. Um einen sensiblen Menschen, der seiner Frau Anna einen Liebesbrief schrieb, um den Verlust eines Kindes im achten Monat der Schwangerschaft zu verarbeiten.

Iniesta erzielte zwei mythische Tore; das 1:1 in der Nachspielzeit des Champions-League-Halbfinals 2009 beim FC Chelsea und das 1:0-Siegtor in der 117. Minute des WM-Finals 2010 gegen die Niederlande. Dazwischen versank er im Loch: Iniestas Blick ging ins Nichts, seine Freunde erkannten ihn nicht wieder; seine Mutter erzählt, wie er nachts zu ihr ins Zimmer kam. "Mama, kann ich mit dir im Bett schlafen?", soll er gesagt haben. Ein 25 Jahre alter Star, bedürftig wie ein Kind.

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Iniestas Geschichte erzählt auch von dem Preis des Erfolgs

Für die Spanier ist die Geschichte von Andrés Iniesta mehr als "nur" die des Schützen ihres wichtigsten Tores. Die Geschichte des blassen Jungen aus dem 2000-Seelen-Dorf Fuentealbilla in der Quixote-Region La Mancha ist eine Parabel darauf, dass es möglich ist, in der Welt da draußen zu triumphieren. Ja, dass es sogar einer schaffen kann, der überhaupt nicht gemacht scheint für eine so schrille, extrovertierte Szene wie den Fußball.

Aber diese Geschichte erzählt eben auch von den Opfern.

Mit seinem Tor an der Stamford Bridge im Jahr 2009 ermöglichte er nicht nur das historische Sextett der legendären Mannschaft von Trainer Pep Guardiola. Neun Monate später soll die Geburtenrate in Barcelona laut Forschern um 16 Prozent gestiegen sein. "Er hat uns alle glücklich gemacht", sagte Iniestas Vater in dieser Zeit zum bestem Freund seines Sohnes: "Warum muss er selbst der einzig Unglückliche sein?"

Iniesta nach dem Ausgleichstor im Champions-League-Halbfinale 2009 gegen Chelsea

Iniesta nach dem Ausgleichstor im Champions-League-Halbfinale 2009 gegen Chelsea

Foto: Jamie McDonald/ Getty Images

Der Fall in die Depression nach einem Hoch ist nicht ungewöhnlich, erklärt seine Psychologin. Hinzu kommen gehäufte Verletzungen und ein Todesfall: Dani Jarque, Kapitän von Espanyol Barcelona und Freund Iniestas, starb 2009 an plötzlichem Herztod . Eine gesunde Person hätte mit all dem irgendwie umgehen können. Aber in Iniesta schlummert noch die traumatische Trennung von Zuhause im Alter von zwölf Jahren. "Die Maut für diese Reise habe ich später bezahlt", sagt er.

"So ein Zug fährt nur einmal im Leben vorbei"

Bevor die Familie damals nach Barcelona aufbrach, um ihn in Barças Fußballinternat La Masia abzuliefern, hatte der Vater den zunächst widerwilligen Andrés überreden müssen: So ein Zug fahre nur einmal im Leben vorbei, hatte er gesagt. "Der Zug, immer wieder der Zug...", erinnert sich die Mutter. Doch als ihnen in Barcelona gesagt wurde, dass sie sich jetzt von ihm trennen müssen, ist es der Vater, der sich im Hotelzimmer auf den Boden warf und ihn sofort wieder abholen wollte. "Nun hast du ihn schon hergebracht, nun gib dem Ganzen auch eine Chance", sagte die Mutter.

"Ich weiß nicht, was ohne sie aus meiner Geschichte geworden wäre", sagt Iniesta über seine Mutter. Es ist letztlich eine Geschichte mit Happy End, der spanische Traum, aus der Provinz zum Weltstar und zum Weltmeistertorschützen. Iniesta gewann sein schwerstes Spiel nicht mit einer Pirouette oder einem Torschuss, sondern in zähen Therapiesitzungen mit seiner Psychologin, wie so viele Menschen, überall, jeden Tag.

Aus der Depression kam nicht er selbst zurück, sondern jemand Besseres, sagt Iniesta. Auch deshalb kann er das alles erzählen, jetzt, da er mit seiner Anna und vier Kindern in Japan lebt - weit weg und frei, auf der ganzen Welt zu Hause.

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