Barcelonas erster Clásico unter Ronald Koeman Landeskunde für Einsteiger

Barcelonas neuer Trainer Ronald Koeman macht Bekanntschaft mit Reals Sergio Ramos. Und verbreitet nach seiner ersten Clásico-Niederlage gleich Verschwörungstheorien.
Aus Barcelona berichtet Florian Haupt
Verwandelte seinen 24. Elfmeter am Stück: Sergio Ramos

Verwandelte seinen 24. Elfmeter am Stück: Sergio Ramos

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joma / imago images/Cordon Press/Miguelez Sports

Ronald Koeman stand nach dem Schlusspfiff als Letzter vor dem Tunneleingang. Er wartete auf den Schiedsrichter. Ungefähr eine halbe Minute redete der neue Trainer des FC Barcelona auf Juan Martínez Munuera ein, ruhig in der Haltung, wohl bestimmt in der Sache, denn später hat er auch den Inhalt des Gesprächs verraten: "Ich sagte ihm, dass man mir hoffentlich eines Tages erklären kann, wie in Spanien der VAR funktioniert".

Der Videobeweis: Tatsächlich hatte er den Clásico zwischen Barça und Real Madrid entschieden. Beide Mannschaften haben gerade nicht so viel anzubieten, wie es in ihren legendären Duellen schon mal der Fall war. Leistungsgerecht mäanderte die Partie bei 1:1 so vor sich hin, nach frühen Toren von Fede Valverde (5. Minute) und Ansu Fati (8.) nahmen Torchancen degressiv ab. Bis Sergio Ramos nach einer Freistoßflanke in der 63. Minute durch den Strafraum flog und gestenreich Anklage erhob. Bald eilte Munuera zum Monitor am Seitenrand, der Referee dekretierte Strafstoß für einen Zupfer von Clement Lenglet - und damit das 1:2. Denn Ramos würde selbst schießen, und Ramos trifft immer: jetzt schon unglaubliche 23 Elfmeter am Stück.

Prozession der Impotenz

Der Pfiff demoralisierte ein Barcelona, das gut zwei Monate nach dem 2:8 gegen den FC Bayern noch nicht wieder das Selbstvertrauen zur Rebellion hat. Publikum hätte womöglich auch geholfen. So war die letzte halbe Stunde die wohl unepischste der Clásico-Geschichte: eine Prozession der Impotenz.

Dem soliden Madrid war’s nur recht, nach einem sehenswerten Außenrist-Schlussakkord von Luka Modric zum 1:3 (90.) wirkten die Offenbarungseide der Vorwoche (0:1 gegen Cádiz, 2:3 gegen Donezk) schon wieder aus einer anderen Zeit. "Wir müssen das genießen nach allen negativen Kommentaren über die Mannschaft", sagte Trainer Zinédine Zidane und schickte bei der Frage nach einer Erklärung für das Leistungsgefälle noch einen Vintage-Zidane hinterher: "Im Fußball kann jeder etwas erklären, aber manchmal gibt es keine Erklärung."

Der Satz hat nicht nur philosophische Qualität, er passt auch ziemlich gut auf den VAR. Bei Barcelona erklärten sie sich seine unergründlichen Wege schon im Corona-Schlussspurt der Vorsaison mit gewissen Vorlieben und Antipathien. Koeman stimmte nun bereits nach dem fünften Ligaspiel in den Chor ein: "Warum nur gegen Barça?" Die zweite Frage durften sich die Fans dazudenken: Warum immer für Madrid?

Bei Halten im Strafraum intervenierte der VAR seit seiner Einführung in Spanien laut Liga-Statistikguru "Mister Chip" in 815 Partien sechsmal. Am Samstag wurde Ramos kaum behindert, er sprang nach links, nachdem ihn Lenglet nach rechts gezerrt hatte. Während Barcelona höchsten Erregungszustand erreicht ("Klassischer Überfall", titelt die vereinsnahe "Sport"), vertraten die Ex-Schiedsrichtergranden in Madrid zwei Meinungen: kein Elfmeter oder kein VAR-Elfmeter: "Marca"-Experte Andújar Oliver: "Solche kleinen Zupfer sind kein Grund zu pfeifen, sonst müsste man jedes Spiel 40 Stück geben." "As"-Fachmann Iturralde González: "Die Szene ist interpretierbar, und damit kein Grund, den Platzschiedsrichter anzurufen." Denn das soll laut Reglement nur bei "klaren und manifesten Fehlern" passieren.

Ramos' List, Lenglets Leiden

Für Madrid tut er das aber auch sonst mal ganz gern. Schon die Partie am zweiten Spieltag bei Betis Sevilla (3:2) wurde durch strittige Eingriffe gewonnen. "Elfmeter, Platzverweis, VAR und Real Madrid zusammen sind zu viel", sagte Betis-Trainer Manuel Pellegrini danach. Gegen ihn ermittelt seither der Verband, dasselbe könnte nun Koeman drohen.

Nun postete Betis kurz nach Abpfiff des Clásico ein Vergleichsbild von einer Szene aus seinem Spiel vergangene Woche gegen Real Sociedad, als Stürmer Tony Sanabria keinen Elfmeter bekam, obwohl der Gegner ihm sogar das Trikot zerriss. Damals wurde der Schiedsrichter ebenfalls zum Monitor gerufen, erkannte aber zunächst ein Zerren von Sanabria. Die Pointe: Auch Ramos hatte im Clásico gegen Lenglet als Erster geschubst. Nur eben weniger auffällig. "Lenglet wie ich gehen in den Zweikämpfen ans Limit", sagte der listige Matchwinner: "Ich denke, der Elfmeter war klar."

Verteidiger Ramos ist Reals entscheidender Spieler. Nicht umsonst fehlte er bei der Blamage gegen Donezk angeschlagen und hatte bei der gegen Cádiz zur Halbzeit den Platz verlassen. Ramos scheint Spiele in seine Richtung zwingen zu können.

Bei Barcelona war mal Lionel Messi für diesen Job zuständig. Doch den Argentinier - jahrelang Garant für mindestens 40 Treffer - plagt neuerdings eine regelrechte Torphobie. Diese Saison traf er in 540 Spielminuten erst zweimal, per Elfmeter. Schon im Covid-Schlussspurt der Vorsaison war seine Quote eingebrochen. Und im Clásico wartet er nun seit sechs Duellen auf ein Tor.

Erzielte sein fünftes Tor in 375 Saisonminuten: Ansu Fati

Erzielte sein fünftes Tor in 375 Saisonminuten: Ansu Fati

Foto: LLUIS GENE / AFP

Barças neuer Goalgetter heißt Fati, der sein fünftes Tor in 375 Saisonminuten erzielte, und mit seinem elften Ligator insgesamt einen Uralt-Rekord für Minderjährige egalisierte. Nächsten Samstag wird er 18. Mit einem Schlenzer knapp am Tor vorbei und einer perfekten Flanke auf Philippe Coutinho sorgte er für die besten Chancen auch der zweiten Halbzeit. Dann kam der Elfmeter, und dann kam nichts mehr von Barcelona - auch weil Koeman mit dem Wechseln bis zur 82. Minute wartete.

Die Schiedsrichterdebatte lenkte von solchen Versäumnissen ab. Wie von anderen Themen. Der neuerlichen Bankrolle von Antoine Griezmann etwa. Insgesamt braucht Koemans verjüngte Mannschaft mindestens noch Zeit. Am Samstag bot der neue Rechtsverteidiger Sergiño Dest, 19, eine starke Vorstellung, während der erst 17-jährige Offensivspieler Pedri blass blieb. Nach verheißungsvollem Start holte Barcelona aus den letzten drei Ligaspielen nur einen Punkt. Im Clásico wurde das Camp Nou zur Drehtür: Zidane ging als Krisentrainer hinein, Koeman als solcher hinaus.   

Am Mittwoch kickt Barcelona im Champions-League-Spitzenspiel bei Juventus Turin. Madrid gastiert schon am Dienstag bei Borussia Mönchengladbach. Dann gilt der europäische VAR. Gegen Donezk erkannte er Real den späten Ausgleich ab.