Football Leaks Der englische Strohmann

Die Firma Sidefloor gehörte zum Steuerhinterziehungsgeflecht, für das Lionel und sein Vater Jorge Messi verurteilt worden sind. Der FC Barcelona zahlte jahrelang Beraterhonorare an diese Briefkastenfirma.

Lionel Messi und sein Vater Jorge Horacio vor Gericht in Barcelona
Alberto Estevez/ REUTERS

Lionel Messi und sein Vater Jorge Horacio vor Gericht in Barcelona

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Im Frühjahr 2016 begann beim FC Barcelona eine Betriebsprüfung. Vier Beamte der Agencia Tributaria, des spanischen Finanzamts, Abteilung Großbetriebe, waren auf Millionenzahlungen des Klubs an die gemeinnützige Stiftung Lionel Messis gestoßen.

Wie sich aus den Dokumenten der Enthüllungsplattform Football Leaks rekonstruieren lässt, forderten die Inspektoren von dem Klub sämtliche Unterlagen zu Zahlungen aus den Jahren 2010 bis 2013 an die Fundación Leo Messi - die Stiftung des Superstars, die sich rühmt, insbesondere bedürftigen Kindern zu helfen. Die Beamten verlangten genaue Auskunft darüber, wofür Barcelona das Geld gezahlt hatte.

Außerdem waren Zahlungen an die Berater sämtlicher Spieler des Klubs ins Visier der Steuerbeamten geraten. Auf Druck der Finanzbehörden rekonstruierte die Führungsspitze des FC Barcelona damals auch noch einmal sämtliche Beraterhonorare, die der Verein in den sieben Jahren zuvor für Lionel Messi gezahlt hatte.

21 Monate auf Bewährung

Die Sache war auch deshalb heikel, weil die Betriebsprüfung beim FC Barcelona in eine Zeit fiel, in der Lionel und Jorge Messi von der Staatsanwaltschaft Barcelona wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung beziehungsweise der Beihilfe angeklagt waren. Kurze Zeit später begann der Prozess, das Landgericht Barcelona verurteilte den Spieler schließlich zu 21 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Sein Vater erhielt zunächst das gleiche Strafmaß.

Die Richter waren zu der Überzeugung gelangt, dass Lionel und Jorge Messi in den Jahren zwischen 2007 und 2009 "mithilfe einer Strategie" der Verschleierung durch Firmen in Steuerparadiesen mehr als zehn Millionen Euro Werbeeinahmen am spanischen Finanzamt vorbeigeschleust und dem Staat 4,1 Millionen Euro an Steuereinnahmen vorenthalten hatten. Im Mai 2017 senkte der Oberste Spanische Gerichtshof die Strafe für Vater Messi zwar auf 15 Monate, doch seither sind Lionel und Jorge Messi verurteilt und vorbestraft. Sie können sich keine weiteren Fehltritte bei den Finanzbehörden mehr leisten.

Eine der Briefkastenfirmen im Steuerhinterziehungsgeflecht der Messis trug den Namen Sidefloor Limited. Sie saß in London und hatte Werbeverträge für Lionel Messi abgeschlossen, für die sie fünf bis acht Prozent der Erlöse als Provision kassierte. Den Rest der Werbeeinnahmen leitete die Sidefloor weiter an Firmen in Südamerika, die von den Messis kontrolliert wurden. Geschäftsführer der Sidefloor war der Brite David Waygood, er leitete mehr als hundert weitere Firmen.

Das Gericht sagt "Scheinfirma"

Doch im wahren Leben war der Mann, der Lionel Messis Werbeverträge ausgehandelt hatte, sein Vater Jorge. Die Sidefloor war nur eine Hülle. Eine Scheinfirma. So steht es im Urteil des Landgerichts Barcelona.

Durch die Betriebsprüfung des FC Barcelona im Frühjahr 2016 tauchte die Sidefloor Limited plötzlich wieder auf. Wie aus den Unterlagen von Football Leaks hervorgeht, finden sich für die Zeit von Juni 2009 bis Juni 2014 in den Büchern des Klubs 13 Zahlungen in Sachen Lionel Messi. Es geht um exakt 6.695.005 Euro. Barcelona zahlte diese Summe demnach an die Sidefloor in der Londoner Bedford Row -exakt jene Briefkastenfirma also, die die spanischen Richter als einen der zentralen Bausteine im Offshore-System der Messis beschrieben haben.

Diese Zahlungen werfen Fragen auf. Floss ein Großteil der 6,7 Millionen Euro von der Sidefloor weiter an Vater Messi für seinen Beraterjob? Und falls ja:Hat Jorge Messi den Finanzbehörden diese Einnahmen offengelegt? Es liegt nahe, dass die Sidefloor wie schon bei Lionel Messis Werbeeinnahmen auch bei den Beraterhonoraren dazu dienen sollte, den wahren Empfänger der Millionen zu verschleiern.

Eine Firma, die wie Lionel Messi heißt

Erst seit 2015 ließ Jorge Messi seine Honorare vom FC Barcelona an eine Firma überweisen, deren Geschäftsführer er selbst ist. Sie heißt Limecu, ihr Name setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben Lionel Messi Cuccittini, wie der Star mit vollem Namen heißt. Zwischen Oktober 2015 und Juni 2016, dem Zeitpunkt seiner Betriebsprüfung, überwies Barcelona demnach 3.788.000 Euro an die Firma der Messis.

Formaljuristisch schien bei den Beraterhonoraren mit der Sidefloor alles geregelt, in den Vereinbarungen des FC Barcelona in Sachen Messi tauchte bis Mitte 2014 immer die Firma aus London als Vertragspartner auf. Am 10. Oktober 2008 hatten sich der Klub und die Sidefloor, vertreten durch ihren Geschäftsführer Waygood, offenbar auf einen Beratervertrag verständigt. Wenige Monate zuvor, am 4. Juli, hatte Lionel Messi seinen Arbeitsvertrag bis Ende Juni 2014 verlängert, "mithilfe Herrn Jorge Messis", wie es in dem Entwurf des Beratervertrags heißt. Für jedes Jahr, in dem Lionel Messi beim FC Barcelona spielte, sollte die Sidefloor deshalb eine Provision von 400.000 Euro vom FC Barcelona kassieren "plus eine Summe, die fünf Prozent der Prämien entspricht, die der Spieler erhält".

Diese Fünf-Prozent-Regelung für die Sidefloor galt offensichtlich auch noch am 7. Februar 2013, als Lionel Messi seinen Arbeitsvertrag erneut verlängerte, diesmal bis Ende Juni 2017. Die Einnahmen des Spielers erhöhten sich massiv, sein jährliches Festgehalt lag fortan bei 18,6 Millionen Euro. Auch seine Prämien schossen in die Höhe.

Niemand fiel auf, dass der Name des Strohmanns falsch geschrieben war

Und immer sollte die Sidefloor mit fünf Prozent dabei sein. Geschäftsführer Waygood unterzeichnete den neuen Arbeitsvertrag Lionel Messis unter der Rubrik "Berater". Neben Waygood unterschrieb auch Vater Messi. Auffällig ist, dass der FC Barcelona Waygoods Namen an der Stelle, an die der Engländer seine Unterschrift setzte, falsch schrieb. Dort steht "Waygoog". Diesen Fehler beging der Klub in einem anderen Schriftstück ein zweites Mal, doch niemand schien sich daran zu stören - Waygood war wohl auch hier nur der Strohmann.

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An diesem 7. Februar 2013, als Lionel Messi seinen Vertrag erneut verlängert hatte, besiegelten der FC Barcelona und Sidefloor-Geschäftsführer Waygood wohl auch noch eine weitere Vereinbarung, einen "Dienstleistungsvertrag". Ein Entwurf liegt dem SPIEGEL vor. Demnach überwies Barcelona der Briefkastenfirma in London für "Talentsichtung in Argentinien" fortan jährlich 280.000 Euro, fällig in zwei Raten. Als ein Mitarbeiter des FC Barcelona im Juli 2016 im Zusammenhang mit der Betriebsprüfung auf diese Zahlungen stieß, schrieb er eine Mail an den Chefjuristen des Klubs und an den Anwalt Jorge Messis: "Es gibt ein paar Rechnungen zum Thema Dienstleistungen, über die wir gestolpert sind, ich füge sie diesem Schreiben bei."

Ob und auf welchem Weg die Sidefloor die Honorare des FC Barcelona an Jorge Messi weiterreichte, geht aus den Football-Leaks-Unterlagen nicht hervor. Womöglich fungierte die Sidefloor aber auch hier nur als Durchlaufposten zur Verschleierung der Geldflüsse. Dafür spricht auch die Wahl ihrer Hausbank. Es war eine Filiale der andorranischen Andbanc in Luxemburg, traditionell einer der verschwiegensten Finanzplätze Europas. Nichts wäre einfacher für die Sidefloor gewesen, als den Großteil des Geldes im nächsten Schritt ohne störende Nachfragen weiter an eine Firma unter der Kontrolle Jorge Messis zu überweisen.

Gehalt immer wieder nachträglich angehoben

In den Unterlagen von Football Leaks findet sich der Entwurf einer Vereinbarung aus dem Juli 2013 zwischen dem Klub, Lionel Messi und der Sidefloor, wonach der Superstar seinen gerade erst bis Juni 2017 geltenden Arbeitsvertrag vorzeitig um ein weiteres Jahr verlängern würde. Für den FC Barcelona sollte der damalige Präsident Sandro Rosell unterschreiben, für die Sidefloor, in dem Schriftstück als "Agent" bezeichnet, Geschäftsführer Waygood.

Ein knappes Jahr später sollte Messis Gehalt schon wieder massiv angehoben werden. Dies ergibt sich aus einem Vertragsentwurf, der das Datum 14. Mai 2014 trägt. Unterzeichnen sollten diese Vereinbarung der neue Barcelona-Präsident Josep Maria Bartomeu, Lionel Messi selbst sowie als "Agent" erneut Sidefloor-Geschäftsführer Waygood.

Doch als der FC Barcelona beide Vertragsentwürfe aufsetzte, war der Strohmann der Messis schon lange tot. Er hatte sich am 27. April 2013 nahe seinem Wohnort in der Grafschaft Kent vor einen Zug geworfen.

Zum Zeitpunkt seines Todes soll die britische Kontrollbehörde Financial Conduct Authority gegen eine Firma Waygoods vorgegangen sein. Ein Untersuchungsrichter prüfte die Todesumstände und hielt fest, "Stress bei der Arbeit" sei ein Motiv für Waygoods Selbstmord gewesen.

Weder der FC Barcelona noch Jorge Messi äußerten sich zu den Vorgängen um die Beraterzahlungen an die Firma Sidefloor. Auch der Nachfolger des verstorbenen David Waygood als Geschäftsführer der Sidefloor reagierte auf eine schriftliche Anfrage nicht.



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