Barcelonas Sturm-Trio Freundschaft von Messis Gnaden

Lionel Messi, Neymar und Luis Suárez haben den FC Barcelona nochmal auf ein neues Niveau geschossen. Die Südamerikaner geben sich auch abseits des Platzes als beste Freunde.

Von und (Grafik)


Man kennt Lionel Messi im blau-rot-gestreiften Trikot des FC Barcelona oder im blau-weißen Nationaldress Argentiniens. Bei Instagram aber zeigt sich Messi stolz in einem anderen Gewand. Es ist ein Schlafanzug, blassgrün, auf der Brust abgebildet ist ein verschlafener Zwerg. Messi bedankt sich mit dem Bild beim Schenker dieses Kleidungsstücks, "bei meinem Freund Luis Suárez".

Messi, Suárez und dazu noch Neymar - das Sturmtrio des FC Barcelona schießt in dieser Saison so viele Tore, dass die Bezeichnung "wie am Fließband" naheliegt. Doch dazu sind die Treffer meist zu schön, es ist keine Fließbandware, es sind häufig kleine Meisterwerke. Gefertigt von den drei Künstlern.

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Und dann, wenn der Ball beim Gegner im Netz liegt, fallen sie einander in die Arme, lachen und tätscheln sich und sehen aus wie kleine Jungs, die in der Pause kurz vor dem Gong noch das entscheidende Tor gegen die Parallelklasse geschossen haben. Und dann posten sie bei Instagram, Facebook und Twitter, wie lieb sie sich haben.

Die Chancen stehen gut, dass das am Abend wieder so passiert. Dann empfängt der FC Barcelona im spanischen Duell Atlético Madrid zum Viertelfinal-Hinspiel der Champions League (Anpfiff 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Die Abwehrkünstler aus Madrid stehen vor der schwierigsten Aufgabe, die der Weltfußball derzeit zu bieten hat: Messi, Suárez und Neymar am Toreschießen hindern.

Denn als Cristiano Ronaldo am vergangenen Wochenende mit seinem Tor kurz vor Schluss den Clásico für Real Madrid entschied, gingen zwei Serien zu Ende. Für den FC Barcelona war es die erste Niederlage seit 39 Spielen. Und erstmals seit elf Partien hatte mal keiner der drei Barça-Stürmer getroffen.

Am 10. Februar im Pokal-Halbfinale gegen Valencia war das zuletzt der Fall. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die Tatsache, dass keiner der drei im Kader stand - das Duell war schon nach dem Hinspiel entschieden gewesen: 7:0, dreimal hatte Messi getroffen, viermal Suárez.

Immer wieder gelingen Barcelona in dieser Saison Kantersiege - so auch gegen Celta Vigo. Das 6:1 wird vor allem wegen des Elfmetertricks in Erinnerung bleiben. Messi tickte an, Suárez verwandelte. Eigentlich war es anders geplant, Neymar hatte noch nicht getroffen, das wollten seine Teamkollegen ändern. Der Brasilianer verriet später: "Die Vorlage war für mich gedacht, wir haben das im Training geübt. Aber der Dicke war schneller."

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Messis Elfmeter-Trick: Historisch oder respektlos?
"Der Dicke" ist der Kosename für Suárez, den vor allem Neymar und Messi benutzen. Der Brasilianer, der Argentinier und der Uruguayer tricksen und treffen auf dem Platz. Die drei, so scheint es, verbindet noch etwas, das keine Heatmap erklären kann. Und was ihrem Zusammenspiel einen besonderen Glanz verleiht. Ist es Freundschaft?

Ja, sagen die Dutzenden Fotos, die das Trio in sozialen Netzwerken teilt. Nein, sagt Cristiano Ronaldo.

Spätestens nach dem Elfmetertrick hatte sich die spanische Presse in die Idee verliebt, dass sich dort tatsächlich beste Freunde zu Toren verhelfen wollen. Der Portugiese wurde darauf bei einer Pressekonferenz angesprochen. "Woher wissen wir denn, dass ihr Verhältnis so ist", blaffte er zurück. Diese Freundschaft sei eine Erfindung der Barça-freundlichen Presse - und ohnehin überschätzt. Er selbst habe mit Manchester United 2008 die Champions League gewonnen, "ohne mit Rio Ferdinand, Ryan Giggs oder Paul Scholes zu sprechen. Wir haben uns 'Guten Tag' gesagt, mehr nicht." Er müsse nicht "mit Benzema zu Abend essen oder ihn zu mir nach Hause einladen. Wir müssen uns auf dem Platz verstehen. Ich brauche keine Umarmungen oder Küsschen".

"MSN" wird das Barcelona-Trio wegen seiner Initialen auch genannt, als Gegenstück zu "BBC" bei Real Madrid, bestehend aus Benzema, Gareth Bale und Christiano Ronaldo. Im direkten Duell machten zuletzt die Stars der Königlichen den Unterschied, Benzema traf per Seitfallzieher zum 1:1, Ronaldo nach Flanke von Bale zum Sieg. Anschließend postete Ronaldo ein Mannschaftbild und dann wieder Motive vom dem Menschen, der ihm am nächsten steht: sich selbst.

Bei Barça klappte im Clásico wenig, statt nach einem Pass von Neymar den Ball ins Tor zu schießen, schlug Suárez ein Luftloch. Doch das ist derzeit die absolute Ausnahme. Barcelona hat in dieser Saison insgesamt 144 Pflichtspieltore geschossen - mit Abstand die meisten aller Teams aus den fünf großen europäischen Ligen. Auf Platz zwei liegt Borussia Dortmund mit 116 Treffern, dahinter folgt Real (115). An 121 der 144 Tore war mindestens ein Spieler des Offensiv-Trios als Schütze oder Vorbereiter beteiligt - das sind 84 Prozent der Tore des FC Barcelona.

So eine Angriffsreihe hat der Weltfußball vielleicht noch nicht gesehen, dabei hat es bei Barcelona an großen Namen nie gemangelt, auch nicht, seitdem der wahrscheinlich beste Spieler der Geschichte bei den Katalanen kickt. Seit der Saison 2004/2005 läuft Lionel Messi für die erste Mannschaft des FC Barcelona auf. In der Zeit hat er neben vielen Stürmern von Weltrang gespielt: Henrik Larsson, Samuel Eto'o, Javier Saviola, Thierry Henry, Zlatan Ibrahimovic, David Villa, Alexis Sanchez.

Auch mit diesen Stars kam Messi klar - solange sie ihm nicht gefährlich wurden. Der 28-Jährige wird gerne als harmloser Fußball-Nerd dargestellt, der sich nur für den Ball, seine Freundin Antonella Roccuzzo und die gemeinsamen Söhne Thiago und Mateo interessiert. Journalisten, die den FC Barcelona eng begleiten, wissen anderes zu berichten. Messi ist der absolute Chef im Verein, keiner ist mächtiger als der fünfmalige Weltfußballer und sein Vater Jorge Horácio. Im SPIEGEL ist die Geschichte nachzulesen, wie ein beleidigter Messi mal via SMS an den damaligen Trainer Josep Guardiola das Ende von Ibrahimovic bei Barça einleitete.

DPA
Messi musste damals auf rechts ausweichen, damit der große Schwede in der Mitte stürmen konnte. Das gefiel dem Argentinier nicht, er wollte die Tore schießen. Ibrahimovic war schnell wieder weg.

Vor der vergangenen Saison kam Luis Suárez vom FC Liverpool neu in die Mannschaft. Mitte der Saison erkannte Messi, dass er nun doch lieber auf der rechten Sturmseite spielt, vor einem Champions-League-Spiel gegen Ajax Amsterdam beorderte er Suárez ins Sturmzentrum. Es klappte, Messi traf auch als Außenangreifer zweimal, seitdem spielt der FC Barcelona mit dieser Aufstellung - von Messis Gnaden. Trainer Luis Enrique, eigentlich ein Disziplinfanatiker, sagt: "Messi kann machen, was er will."

Derzeit heißt das: Tore schießen mit Neymar und Suárez. Das liegt zum einen daran, dass beide fußballerisch in der Lage sind, mit ihm mitzuhalten. Vor allem aber, dass sie von Anfang klargemacht haben, sich Messi unterzuordnen.

Gerade bei Neymar, dem 24 Jahre alten Wunderjungen aus Brasilien, hatte es diesbezüglich Bedenken gegeben. Der Schlacks gilt als sehr selbstbewusst, viele sahen bei seinem mehr als 100-Millionen-Euro teuren Wechsel vom FC Santos nach Spanien einen Machtkampf programmiert. Doch Neymar sorgte früh für klare Verhältnisse: "Mir ging es nie darum, den Weltfußballertitel zu gewinnen oder der beste Spieler der Welt zu werden", sagte er: "Den besten Spieler der Welt gibt es schon. Es ist Lionel Messi."

Vielleicht ist Neymar ganz allein zu dieser Erkenntnis gekommen, vielleicht wurde aber auch ein bisschen nachgeholfen. Eine wichtige Rolle soll dabei die Costa-Familie gespielt haben. Pepe Costa arbeitet seit 2003 für den Klub. Zunächst vertrat er im Verein den Ausrüster Nike, schnell wurde er ein "Mädchen für alles" für die Spieler. Er lernte Messi kennen, die beiden freundeten sich an. So überstand Costa mehrere Führungswechsel an der Vereinsspitze. Inzwischen ist Costa so etwas wie ein väterlicher Freund für den Superstar, die beiden fahren auch gemeinsam in den Urlaub.

Bevor der Neymar-Transfer getätigt wurde, soll sich Costa mit dem Spieler und dessen Vater getroffen haben. Costa brachte zu dem Treffen seinen Sohn Álvaro mit, der länger für Nike in Brasilien arbeitete und perfekt portugiesisch spricht. Er freundete sich mit Neymar an und erfüllt für den Brasilianer die gleiche Rolle wie sein Vater für Messi. Wenn das ein Zufall war, dann ein äußerst glücklicher.

Bei Suárez fügte sich alles von Beginn an noch einfacher. Barcelona war spätestens seit 2003 der Lieblingsklub des Uruguayers. Damals wanderte die Familie seiner Jugendliebe und heutigen Frau Sofía Balbi in die Metropole aus. Suárez wechselte bald darauf von Montevideo nach Groningen, um ihr zumindest etwas näher zu sein.

Bei Barça plötzlich nicht mehr der größte Star in der Mannschaft zu sein, wie er es noch bei Amsterdam oder Liverpool war, nehme Druck von ihm, sagt Suárez. Ausraster wie seine berüchtigten Beißattacken blieben seit dem Wechsel aus. Auch Suárez erhob keinerlei Anspruch auf Messis Macht. "Ich wusste: Wenn ich mich abseits des Platzes gut mit Leo und Neymar verstehe, klappt es auch auf dem Platz. Sie haben es als gutes Zeichen verstanden, dass ich gekommen bin, um ihnen zu helfen und nicht, um mich mit ihnen zu messen", sagte er der "Daily Mail".

Disfrutando de la noche con amigos . ������

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Stattdessen trinkt er lieber mit Messi Mate-Tee und lädt zum gemeinsamen Familienessen ein. Und natürlich nutzt das gute Verhältnis der drei Stars dem Image des Klubs, der sich immer gern als Familienbetrieb darstellt, vor allem in Abgrenzung zu Real Madrid.

Gespielt scheint die Harmonie nicht. Vielleicht verbindet die drei tatsächlich so etwas wie eine Freundschaft. Zumindest so lange, wie Lionel Messi glücklich ist.



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leojanwillem 05.04.2016
1. Der Elfmetertrick
wurde nicht, wie oben behauptet, im Pokalhalbfinal-Hinspiel gegen Valencia, sondern im Ligaspiel gegen Celta Vigo ausgeführt.
--00-- 05.04.2016
2. Toller Artikel!
Zeigt auch, dass nicht immer alles Gold ist was glänzt. Wie die ganze Situation wirklich aussieht wissen wohl nur die 3 untereinander, aber es ist offensichtlich, dass sie zumindest gut zusammen klarkommen. Außerdem zeigt der Artikel gut die Machtverhältnisse auf. Dass ein Spieler bei irgendeinem anderen Club jemals eine derart zentrale Rolle gespielt hat oder spielen wird scheint ausgeschlossen.
denis111 05.04.2016
3. Why not?
Warum sollte es einmal nicht so schön sein wie dargestellt? Bei all den Eitelkeiten der Superstars ist es eher wahrscheinlich, dass einer geheuchelten Freudnschaft auf Dauer die Konstanz fehlen dürfte: hier scheint es zu passen. Bislang. Hat tatsächlich angenehm menschliche Züge. kein Grund, immer zu lästern. Finde ich.
aubelet 05.04.2016
4.
Interessanter Artikel, der auch die etwas dubiose Seite aufzeigt. Messi ist eben der beste Spieler aller Zeiten, Barca weiß das und somit sind alle zufrieden. Unvergessen, als er Martino signalisierte, dass er sich das mit seiner Auswechselung doch nochmal überlegen solle... Ausgang bekannt
mulli3105 05.04.2016
5. Messi kann machen was er will...
..heißt es in diesem Artikel - das impliziert natürlich auch seine Teilnahme an den Offshoregeschäften. Von denen er - natürlich - auch nichts weiß, nichts gewußt hat und auch nichts wissen will. Die Gier frisst sie irgendwann alle mal auf, aber bis dahin freut sich diese Klientel über die Dämlichkeit der Finanzbehörden und der Regierenden. Und letztendlich sind sie ja alle im Club der Unberührbaren. Versteht sich
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