Bayern-Außenverteidiger Davies "Schnell wie Sau"

Nach dem 3:0-Sieg beim FC Chelsea steht Bayern-Außenverteidiger Alphonso Davies im Mittelpunkt. Der 19-Jährige wird von allen Seiten gelobt.
Aus London berichtet Raphael Honigstein
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Bayern-Außenverteidiger Alphonso Davies

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GLYN KIRK/ AFP

Lange nach dem Schlusspfiff hatten sich die rund 2000 mitgereisten Fans der Münchner an einem Spieler immer noch nicht satt gesehen. "Phonzy, Phonzy, Phonzy" schallte es aus der Kurve, bis der angesprochene Alphonso Davies zurückeilte, um sich vor dem roten Eck des Stadions an der Stamford Bridge seinen Sonderapplaus abzuholen. Zuerst hatte er sich aus Schüchternheit nicht getraut, doch Robert Lewandowski gab ihm einen Schubs.

Es gab nach dem 3:0-Sieg im Champions-League-Achtelfinale auf bayerischer Seite viele Helden am Dienstagabend; vom sicheren Manuel Neuer über die nahezu fehlerlose Innenverteidigung, dem dominanten Mittelfeldduo Thiago und Joshua Kimmich und den für Chelsea gänzlich unkontrollierbaren Mittelstürmer Robert Lewandowski erstreckte sich die Dominanz der Gäste.

Linksverteidiger Davies ragte aus dem gegen Ende der Partie mit erdrückender Wucht aufgetretenen Ensemble jedoch besonders heraus. Der 19 Jahre junge Kanadier hatte Publikum und Mitspieler gleichermaßen mit seinem wahnwitzig temporeichen Spiel verzückt. 

"So etwas wie ihn hat man bei Bayern vorher noch nicht gehabt"

Als "unfassbar flink"  bezeichnete ihn Fernsehmoderator und Stürmerikone Gary Lineker, "schnell wie Sau" lautete das nicht minder große Lob von Kollege David Alaba, der zudem Mut und Lernfähigkeit des erst im Herbst zum Stammspieler avancierten Teenagers betonte. Davies war im Januar 2019 als Linksaußen von den Vancouver Whitecaps gekommen und hatte in seiner ersten Saison nur sporadisch gespielt, bis ihm Niko Kovac im vergangenen Herbst in der Defensive zum Durchbruch verhalf.

Alphonso Davies (r.) im Zweikampf mit Chelseas Reece James

Foto: GLYN KIRK/ AFP

Mittlerweile erweist er sich in dieser Rolle als regelrechte Naturgewalt. "So etwas wie ihn hat man bei Bayern vorher noch nicht gehabt, mit seinem Körper und seiner Schnelligkeit", staunte Thomas Müller in London. "Das ist selbst für unsere High-Speed-Fraktion, die wir durchaus auch schon vorher hatten, noch eine Stufe mehr. Noch beeindruckender ist aber, wie er sich taktisch weiter entwickelt hat. Er bringt jetzt Weltklasseleistungen."

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Davies sei ein guter Junge, der jeden Tag an sich im Training arbeite, referierte Sportdirektor Hasan Salihamidzic zufrieden. Der 43-Jährige gilt zusammen mit Chef-Scout Marco Neppe als treibende Kraft hinter dem 11-Millionen-Euro Transfer. Seine Entwicklung sei "noch lange nicht abgeschlossen", weswegen man ihm "Ups und Downs zugestehen" müsse.

"Ich musste ihn einmal zur Sau machen"

Was er damit konkret meinte, hatte man eine gute Viertelstunde vor Schluss sehen können. Davies hatte gegen den eingewechselten Willian zu spät angegriffen und eine gefährliche Hereingabe nicht unterbunden, ein kräftiger Anpfiff von Neuer war die Quittung. "Ich musste ihn einmal zur Sau machen, da er den Spieler nicht rechtzeitig vor dem Sechzehner attackiert hat, aber er hat die Antwort danach mit seinem Solo gegeben, das war okay."

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Tatsächlich fiel Davies' Reaktion aber nicht okay, sondern brillant aus. Er rauschte im Zusammenspiel mit Lewandowski im Stile eines 100-Meter-Läufers die Linie entlang, ließ drei Blaue hilflos ins Leere grätschen und legte präzise für Lewandowski auf (3:0, 76. Minute) "Es war überragend, wie maßgerecht diese Flanke kam", sagte Müller. "Das ist das Entscheidende. Schnell sind viele Spieler. Aber du musst auch diese Effizienz an den Tag legen."

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Für Davies, in einem Flüchtlingslager in Ghana geboren, ging am Dienstag nach eigenen Worten "ein Traum" in Erfüllung. Als Junge habe er Spiele des FC Chelsea im Fernsehen gesehen, "jetzt stehe ich hier selbst auf dem Platz".  Er stand dabei aber nicht, er rannte nur - und zwar so flugs, dass man fast Angst haben könnte, er könnte versehentlich abheben und nebenan in Heathrow landen.

Nicht zu sehr loben

"Man darf ihn nicht zu sehr loben, damit er weiterhin so seine Leistungen bringt, wie er es heute gezeigt hat," sagte Neuer. Salihamidzic sprach ebenfalls davon, dass man den auch in vielen lustigen Social-Media-Videos auffälligen Nachwuchsstar "mit beiden Füßen am Boden" halten werde. Müller unterstrich seine Warnung vor Übermut mit bayerischem Humor:  "Gratulation an Phonzy. Aber er weiß Bescheid: Wenn er auch nur einen Millimeter nachlässt, bin ich hinter ihm und beiß ihm in die Wadln. Wenn ich ihn erwisch'."

Letzteres könnte freilich schwierig werden, wie die Anhänger der Roten an der Fulham ahnten. Sie feierten Davies auch, weil seine überraschend grandiose Performance auf der internationalen Bühne stellvertretend für die seines Teams stand. Dass er und die Bayern gut sind, wusste man vor dem Ausflug an die Themse.

Dass sie so gut sind, nicht.